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Landwirte leiden unter Anstieg von Futter-, Dünger- und Spritpreisen

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Von: Anke Seidel

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Auf mageren Böden Energie erzeugen: Darin sehen auch Landwirte im Landkreis Diepholz eine große Chance. In Lüchow werden bereits Agrar
Auf mageren Böden Energie erzeugen: Darin sehen auch Landwirte im Landkreis Diepholz eine große Chance. In Lüchow werden bereits Agrar © voltaik-Anlagen montiert

Hohe Mehrkosten in Folge des Ukraine-Kriegs wecken bei den Landwirten Existenzängste. Sie könnten in Zukunft von der Energieproduktion leben.

Landkreis Diepholz – Tiefe Sorge erfüllt die Landwirte, weil die Preise ins Unermessliche steigen. Getreide brauchen sie, um ihre Tiere zu füttern – und Diesel, um ihre Felder bestellen und andere maschinelle Arbeiten ausführen zu können. Die derzeitige Dynamik befeuert Existenzängste. „Das hält kein Landwirt aus!“, sagt Kreislandwirt Wilken Hartje – und erläutert, warum: „Futter wird extrem teuer“, so der Kreislandwirt, der Schweine mästet. Um mehr als 70 Prozent seien die Preise gestiegen.

Futterkosten sind im Schnitt um 50 Euro pro Tier gestiegen

Verlässlich wirtschaften könnten die Mäster nicht mehr. „Es gibt nur noch Tagespreise“, hat Wilken Hartje von seinem Futtermittelhändler erfahren, „man weiß vorher nicht, zu welchem Preis man kauft“. Um 50 Euro pro Tier hätten sich die Futterkosten im Schnitt erhöht. Ob die Landwirte diese Mehrkosten bei der Vermarktung ihrer Tiere wieder auffangen können, ist völlig unklar. „Das ist ein Wahnsinn!“, kommentiert der Kreislandwirt die aktuelle Lage. Denn auch Mehrkosten beim Diesel zwischen 150 bis 200 Euro müssten die Landwirte schultern – pro Hektar. Im Schnitt brauche ein Landwirt 150 Liter Diesel pro Hektar und Jahr: „Wir sind auf Diesel angewiesen!“

Kreislandwirt Wilken Hartje
Kreislandwirt Wilken Hartje © Michael Walter

Lange Schatten wirft außerdem die Verteuerung der Düngemittel. Zwischen 200 und 250 Euro schätzt Wilken Hartje die daraus resultierenden Mehrkosten – pro Hektar. Das hat sich nochmals verschärft: „Düngemittel sind zurzeit nicht zu bekommen.“ Die Schweinepreise müssten also schon enorm steigen, damit die Landwirte ihre Mehrkosten kompensieren und überleben können.

Das kann Theo Runge als Vorsitzender des Landvolk-Verbands Grafschaft Diepholz nur bestätigen. Er beruft sich auf aktuelle Zahlen der Landwirtschaftskammer: Zurzeit liege der Schweinepreis bei 1,75 Euro pro Kilo. „Aber um kostendeckend wirtschaften zu können, müssten es 2,40 Euro sein“, sagt Theo Runge. Milchbauern bräuchten dafür 50 Cent pro Liter Milch „und mehr“, so der Landvolk-Vorsitzende.

Landvolk-Vorsitzender Theo Runge fordert vom Diepholzer Kreistag ein Energiekonzept

Gleichzeitig rückt immer stärker eine neue Aufgabe in den Fokus der Landwirte: die Energieerzeugung. Fotovoltaik- und Windkraftanlagen auf Äckern und Wiesen sehen viele als rettende Alternative. „Die Zeiten sind unglaublich unsicher“, sagt Theo Runge. Deshalb sei das Interesse der Landwirte groß, „sich auf möglichst viele Standbeine zu stellen“.

Kreisweit könnten also viele kleine Anlagen entstehen. Aber Theo Runge gibt zu bedenken: „Effektiver wären einige große.“ Darum plädiert er für ein Energiekonzept des Landkreises Diepholz, das womöglich Fotovoltaikflächen in Größenordnungen von 60, 70 oder 80 Hektar ausweisen könnte. Landwirte könnten sich in Erzeugergemeinschaften zusammenschließen, wie sie bei Getreide oder Raps schon Tradition haben. „Wichtig ist aber auch die Bürgerbeteiligung!“, betont Theo Runge eine möglichst breite Basis.

Landvolk-Vorsitzender Theo Runge (Kreisverband Grafschaft Diepholz)
Landvolk-Vorsitzender Theo Runge (Kreisverband Grafschaft Diepholz) © Landvolk

Elementare Voraussetzung ist für ihn aber besagtes Energiekonzept: „Der Kreistag muss sich Gedanken machen.“ Und das schnell. Das Konzept müsse mit dem Regionalen Raumordnungsprogramm sowie dem Landesraumordnungsprogramm abgestimmt werden. Eine Fülle von Aspekten gehöre dazu. Auch die Zukunft der Biogas-Anlagen sei ein Thema: „Bei vielen läuft die Förderung aus“, weiß Runge. Deren Betreiber würden gern wissen, wie es weiter gehe.

Fotovoltaikanlagen könnten im Moor gebaut werden

Schließlich sei die Bodengüte ein wichtiges Kriterium. Denn Flächen, die reiche Ernte versprechen, müssten für den Ackerbau erhalten bleiben. Ackerflächen seien ein wertvolles Gut, betont Christoph Klomburg als Vorsitzender des Landvolk-Verbands Mittelweser – und ist sich mit seinem Kollegen Theo Runge einig, dass Windkraft- und Fotovoltaikanlagen auf weniger ertragreiche Flächen gehören. Moor- und Naturschutzflächen seien auch geeignet, weil Rebhuhn, Hase oder Kammmolch sich trotz dieser Anlagen entwickeln könnten, so Klomburg. Vor allem aber gelte es, mehr Dächer für Fotovoltaikanlagen zu nutzen.

Landvolk-Vorsitzender Christoph Klomburg (Kreisverband Mittelweser).
Landvolk-Vorsitzender Christoph Klomburg (Kreisverband Mittelweser). © Tim Backhaus

Ackerbau einerseits und Energieerzeugung andererseits: „Das ist ein zweischneidiges Schwert“, weiß Christoph Klomburg, weil es um Strom oder Lebensmittel gehe. „Man muss abwägen, was man will“, sagt er. Wichtig sei, die erzeugte Energie insgesamt zu nutzen. Der Strom müsse in Wasserstoff verwandelt und gelagert werden, bis er gebraucht werde. „Wir haben einen Gasspeicher im Landkreis“, blickt der Landvolk-Vorsitzende auf eine Möglichkeit der energetischen Vorratshaltung – und betont: „Das muss alles im Energiekonzept mit bedacht und mit geregelt werden.“

Die Funktionsträger wünschen sich vor allem eines für die Landwirtschaft: Wertschätzung. „Wertschätzung dafür, dass wir Lebensmittel produzieren – regional“, so Wilken Hartje. Durch geändertes Anbauverhalten könnten Getreideausfälle kompensiert werden, sagt Christoph Klomburg. „Aber das ist ein Prozess.“ Die Landwirtschaft könne die Lebensmittelproduktion durchaus noch erhöhen, so Hartje. „Aber es wird gerade die Extensivierung gefordert“. Flächen sollten still gelegt werden.

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