Ambulanter Justizsozialdienst kümmert sich um Arbeitsgelegenheiten für Straftäter, aber auch andere Aufgaben

„Lieber schwitzen als sitzen“

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Wollen Menschen nach einer Straftat helfen: (v.l.) AJSD-Bezirksleiterin Sabine Henke-Bremer, Justizsozialarbeiterin Vera Vrbancic, Verwaltungsangestellte Gunda Finke und Mathias Dittrich von der Bewährungshilfe in Syke.

Syke - Von Dieter Niederheide. AJSG – diese vier Buchstaben stehen für eine Einrichtung, die sich um Straffällige kümmert und ihnen zum Beispiel Arbeitsgelegenheiten vermittelt. Frei nach dem Motto „Lieber Schwitzen als Sitzen.“ Doch es gibt noch weitere Aufgaben, um die sich die Mitarbeiter kümmern.

Es war am 1.Januar 2009, als der Ambulante Justizsozialdienst Niedersachsen – , darin zusammengefasst die Gerichtshilfe, Jugendbewährungshilfe, Führungsaufsicht sowie Bewährungshilfe – seine Arbeit als eigenständige Institution beim Oberlandesgericht Oldenburg aufnahm. Damals wurde aus der Gerichtshelferin Vera Vrbancic (47) die Justizsozialarbeiterin.

Ihr Zuständigkeitsbereich sind die drei Amtsgerichte in Syke, Diepholz und Sulingen im Landkreis Diepholz. Sie gehört zum AJSG-Bezirk Verden, dessen Leiterin Sabine Henke-Bremer (55) ihren Sitz in Nienburg hat. Ihr Bezirk ist identisch mit dem Landgerichtsbezirk Verden und den dazugehörenden Amtsgerichten.

Vera Vrbancic, gebürtig aus Düsseldorf, kommt beruflich aus der Jugendarbeit. Bevor sie nach Syke kam, war sie bei der Justizvollzugsanstalt in Bremen Koordinatorin der Entlassungsvorbereitung. „Ich habe den Beruf in der Gerichtshilfe bewusst gewählt, weil ich überzeugt bin, damit etwas bewirken und bewegen zu können“, sagt sie.

Ihr Klientel sind erwachsenen Straftäter und auch die Opfer. Jährlich, so die Justizsozialarbeiterin, sind es etwa 200 Aufträge, die ihr Gerichte und Staatsanwaltschaft übertragen. Im Gespräch umrissen Sabine Henke-Bremer und Vera Vrbancic das vielfältige umfangreiche Tätigkeitsfeld der Gerichtshilfe. Die Bedeutung der Arbeit von Vera Vrbancic als Gerichtshelferin würdigte zum Beispiel Richterin am Amtsgericht Petra Kutz aus ihrer Sicht als Strafrichterin: „Die Arbeit der Gerichtshilfe ist für Gericht und Staatsanwaltschaft schon eine große Entlastung.“ Als besonders wichtig erachtet die Juristin den Einsatz, wenn es um den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) geht. Das bedeute eine Befriedung der Betroffenen, Streitereien könnten so beigelegt werden.

Vera Vrbancic sieht sich ein wenig als Einzelkämpferin vor Ort. Werden von den Strafrichterinnen und Strafrichtern im Landkreis Straftätern Arbeitsstunden zur Auflage gemacht, ist sie gefragt. Ist es schwierig, Plätze zur Ableistung von Arbeitsstunden zu bekommen? „Nein!“, sagt Vera Vrbancic. Altenheime, soziale Kaufhäuser, kommunale Bauhöfe oder Tierheime würden sich über zusätzliche Hilfe freuen. Sowohl Sabine Henke-Bremer als auch Vera Vrbancic machen klar, dass Fingerspitzengefühl bei der Vermittlung gefragt ist. „Wer wegen Delikten wie vorsätzliche oder gefährliche Körperverletzung straffällig wurde, den werden wir nicht ins Altenheim schicken. Es muss passen“, sagen sie. Ihre Erfahrung mit den Personen, die Arbeitsauflagen zu erfüllen haben, sei positiv. „Nur wenige drücken sich und wollen nicht arbeiten“, sagt Vera Vrbancic und fügt an, dass „Schwitzen“ immer noch besser ist als „Sitzen“. Vrbancic: „Wer sich drückt, der muss mit der Einladung zum Strafantritt rechnen und dann kommt das große Heulen, dann werde ich angerufen und soll helfen.“

Die Gerichtshelferin führt genauso Gespräche an den Arbeitsstellen und erkundigt sich, wie ihre Klienten, die aus allen Berufen stammen, sich am Einsatzort verhalten. Ein gewichtiges Aufgabenfeld der Gerichtshilfe ist der Täter-Opfer-Ausgleich, der zum Beispiel bei Nachbarschaftsstreitereien oder Körperverletzungen von den Gerichten oder der Staatsanwaltschaft angeregt wird.

Es werden, so Sabine Henke-Bremer und Vera Vrbancic, 50 Prozent der TOA-Gespräche erfolgreich abgeschlossen. Dagegen seien 50 Prozent so gut hoffnungslose Fälle. Vera Vrbancic: „Meine Erfahrung zeigt mir, dass viele Fälle gelöst werden, wenn miteinander gesprochen wird.“ Sie betont: „Ich sehe den Menschen und nicht die Tat.“ Die Straftat sei nur ein Teil der Person: „Wichtig ist mir, die Probleme zu erkennen und weiterzuhelfen.“ Nicht im Abseits stehen bei ihrer Arbeit die Opfer: Die Gerichte und Staatsanwaltschaft erhalten Berichte von Gespräche mit den Opfern von Straftaten und können so Opferbelange in Strafverfahren besser einschätzen. Vrbancic betont: „Die Leute müssen nicht zu mir kommen, die Zusammearbeit mit der Gerichtshilfe ist freiwillig.“

Zum AJSD-Bezirk Verden gehören 20 hauptamtliche Justizsozialarbeiterinnen und -arbeiter mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen, dazu sechs Verwaltungskräfte.

Laut Sabine Henke-Bremer wurden im Vorjahr 1034 Gerichtshilfeaufträge im Bezirk Verden bearbeitet, davon unter anderem 605 Täter-Opfer-Ausgleiche (59 Prozent aller Fälle), 268 allgemeine Berichtsersuche (26 Prozent aller Fälle) und 129 Aufträge auf Ableistung von gemeinnütziger Arbeit. Es standen 1056 Personen unter Bewährungs- und Führungsaufsicht.

In 2014 stehen zum Stichtag 31.Oktober 978 Frauen und Männer unter Bewährungs- und Führungsaufsicht. Am Stichtag gab es 711 Gerichtshilfeaufträge, davon zum Beispiel 386 Täter-Opfer-Ausgleiche und 111 Aufträge zur Ableistung der auferlegten Arbeitsstunden.

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