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Kinder auf der Flucht aus der Ukraine brauchen besonderen Schutz

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Von: Dierck Wittenberg

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Ein Mädchen wartet an der polnisch-ukrainischen Grenze. Minderjährige benötigen besonderen Schutz, gerade, wenn sie alleine unterwegs sind.
Ein Mädchen wartet an der polnisch-ukrainischen Grenze. Minderjährige benötigen besonderen Schutz, gerade, wenn sie alleine unterwegs sind. © Sebastion Goll/dpa

Kinder und Jugendliche auf der Flucht müssen vor Kriminellen geschützt werden. Hilfe muss deshalb übers Jugendamt gehen, warnt ein Experte aus dem Kreis Diepholz.

Millionen Menschen aus der Ukraine sind auf der Flucht vor Putins Krieg in der Ukraine, darunter hunderttausende Kinder. Währenddessen ist die Situation an der polnisch-ukrainischen Grenze, aber auch an deutschen Bahnhöfen, unübersichtlich. Neben staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen sind private Helfer unterwegs, die auf eigene Faust handeln. Bei aller Hilfsbereitschaft müssen aber bestimmte Wege und Regeln eingehalten werden, zum Schutz der Kinder.

Darauf macht etwa Bernhard Schubert aufmerksam. Er ist Geschäftsführer und Gründer des Asendorfer Kinderheims Kleine Strolche, das sich vor allem um Kinder zwischen null und sechs Jahren kümmert, die aus Krisensituationen stammen. Wohl deshalb haben sich in drei Fällen Helfer an Schubert gewandt, die ukrainische Kinder direkt bei ihm abgeben wollten.

Minderjährige auf der Flucht aus der Ukraine: „Die Kinder sind im Jugendheim abzugeben.“

Dass die Kinder mitgenommen werden, kann sich aus einer Notfall-Situation ergeben, schildert Schubert. Er erzählt von einem Helfer, der eine Gruppe aus dem ukrainischen Kriegsgebiet gerettet habe, zu der auch Kinder gehörten. „Dann nehmen die die mit, rufen uns an und sagen: Mensch Herr Schubert, Sie haben eine Notaufnahme für Kinder. Ich würde Ihnen die gerne vorbeibringen.“ Das, stellt Schubert klar, geht so aber nicht: „Die Kinder sind beim Jugendamt abzugeben.“

Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung einreisen, gelten als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Ihnen steht unter anderem ein rechtlicher Vertreter zu. Schubert weist auch auf die Feststellung der Daten hin: Über eine Suche beim Internationalen Rote Kreuz könnten Eltern oder Großeltern so herausfinden, wo ihre Kleine hingekommen ist.

Niedersachsens Sozialministerin: Höchste Priorität für Frauen- und Kinderschutz

Auf die Zuständigkeit der kommunalen Behörden hatte Niedersachsens Sozialministerin Daniela Behrens (SPD) am vergangenen Montag in einer Mitteilung aufmerksam gemacht. Einige Schutzsuchende hätten Verwandte oder Bekannte in Niedersachsen. Für alle anderen stünden die Kommunen bereit, Hilfsangebote zu koordinieren. Denn „der Frauen- und Kinderschutz muss für uns alle höchste Priorität haben“, so die Ministerin. Aufs örtliche Jugendamt verweist Behrens, wenn jemand bereits unbegleitete Kinder oder Jugendliche bei sich aufgenommen hat.

Laut einer Sprecherin der Sozialministerin war dieser Hinweis aber noch keine Reaktion darauf, dass bereits viele unbegleitete Minderjährige privat untergebracht waren. Die Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aus der Ukraine, die an Niedersachsens Jugendämter gemeldet wurden, bewege sich im einstelligen Bereich, sagte die Sprecherin am Mittwoch.

Bisher keine unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Landkreis Diepholz gemeldet

Das deckt sich mit der Auskunft von Kreisrätin Ulrike Tammen: „Eine tatsächliche Einreise oder der Aufenthalt von gänzlich unbegleiteten minderjährigen Kindern aus der Ukraine sind dem Landkreis bisher nicht gemeldet worden.“ Es gebe Kinder aus der Ukraine im Landkreis. Diese seien aber mit Betreuungspersonen eingereist, beziehungsweise hielten sich aktuell bei ihnen auf.

Diepholzer Kreisbehörde ewartet bis zu 70 Waisenkinder aus der Ukraine

In der Frage, ob unbegleitet oder nicht, ist entscheidend, ob ein verantwortlicher Erwachsener dabei ist. Das muss nicht unbedingt ein Elternteil sein, sondern kann auch eine Vertrauensperson der Familie sein.

Was Tammens Antwort aber auch deutlich macht: Der Landkreis stellt sich darauf ein, dass sich die Situation ändern wird. Die Kreisverwaltung erhalte sehr unterschiedliche Anfragen und Informationen zu möglichen Einreisen von Kindern und Jugendlichen, schreibt Ulrike Tammen. Die Bandbreite reiche von Kindern mit Angehörigen bis hin zur Ankündigung von Gruppen mit bis zu 70 Waisenkindern, so die Kreisrätin.

Kinderheim-Leiter warnt: Menschenhändler und Pädophile könnten Situation ausnutzen

Mit Blick auf die Flüchtlingsbewegung nach 2015 erinnert Heimleiter Schubert an Gefahren, die geflüchteten Frauen und Kindern drohen. So seien minderjährige Mädchen, mit Versprechungen angelockt, in der Zwangsprostitution verschwunden. Auch gebe es Pädophile, die die Situation ausnutzen wollten. „Umso mehr müssen wir alle aufpassen, dass diese Kinder nicht irgendwo landen“, lautet Schuberts Fazit.

Kinderheim-Leiter Bernhard Schubert. Er warnt vor Mafia-Strukturen und Pädophilen, die sich die Situation zunutze machen wollen.
Warnt vor Mafia-Strukturen und Pädophilen, die sich die Situation zunutze machen wollen: Kinderheim-Leiter Bernhard Schubert. © Wittenberg

Minderjährige, die in Begleitung ankommen, können privat untergebracht werden. Aber auch hier kündigt Ulrike Tammen an, dass man sich das genauer anschauen werde – im Wissen darum, dass das „eine oder andere schwarze Schaf unterwegs ist“.

Kinderheim Kleine Strolche will Plätze schaffen und sucht Pflegefamilien

Die Unterbringung und Betreuung von Unbegleiteten wie Waisenkindern organisiert der Landkreis zusammen mit den Jugendhilfeträgern, erläutert Kreisrätin Tammen. Für das Kinderheim Kleine Strolche berichtet Schubert, dass geschaut werde: „Wo können wir Räume schaffen? Wo können wir Betreuung schaffen?“

Außer in professionellen Einrichtungen können unbegleitete Minderjährige in sogenannten Bereitschaftspflegefamilien unterkommen. Einen Bedarf an – längerfristigen – Pflegefamilien gebe es auch unabhängig der aktuellen Situation, betont Tammen. Ansprechpartner sei das Jugendamt, das in Diepholz bei der Kreisbehörde angesiedelt ist.

Bernhard Schubert kündigt indes an, das Suchen, Finden, Schulen und Prüfen von möglichen Bereitschaftspflegefamilien voranzutreiben. Informationen unter: kinderheim-kleine-strolche.de/familiaere-bereitschaftsbetreuung.

Kreis und Quer: Interview mit Bernhard Schubert im Podcast

Das Interview mit Bernhard Schubert ist in der neuen Folge unseres Podcasts „Kreis und Quer“ nachzuhören. Im Gespräch mit Hagen Wolf erklärt der Heimleiter, warum die Einrichtung ihre geplanten Hilfslieferung in die Ukraine abgesagt hat. Leider ist in der Anmoderation ein Fehler unterlaufen: Das Kinderheim spendet kein Geld, wie es im Podcast heißt, es organisiert Hilfen. Persönliche Eindrücke von der polnischukrainischen Grenze schildert derweil Ulrich Behmann, der mit seiner Hilfsorganisation selbst vor Ort war. Die Folge „Was passiert mit den ukrainischen Kindern?“ gibt es ab sofort auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube und überall sonst, wo es Podcasts gibt.

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