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Verlängerte Winterruhe vermiest Gastronomen die Kohlfahrt-Saison

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Von: Anke Seidel

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Heute kaum noch vorstellbar, aber erst wenige Jahre her: Bei der Kohltour im Neubruchhauser Gasthaus Zur Post heizt die Band dem Publikum kräftig ein. Aktuell sind wegen der Corona-Beschränkungen nur Gruppen bis zehn Personen zugelassen.
Heute kaum noch vorstellbar, aber erst wenige Jahre her: Bei der Kohltour im Neubruchhauser Gasthaus Zur Post heizt die Band dem Publikum kräftig ein. Aktuell sind wegen der Corona-Beschränkungen nur Gruppen bis zehn Personen zugelassen. © Sigi Schritt

Die Gastronomen sind maßlos enttäuscht. Die Kohlfahrt-Saison beginnt, die verlängerte Corona-Winterruhe erlaubt aber nicht mehr als zehn Personen bei einem Treffen.

Landkreis Diepholz – Die kleine Menschen-Gruppe, die in warmen Jacken dem Regen trotzt, wirkt angestrengt fröhlich. Stimmung will nicht aufkommen – obwohl ihr Bollerwagen signalisiert: Das ist eine Kohlfahrt. Doch genau die hat nichts mehr mit der Tradition gemein, die noch vor zwei Jahren selbstverständlich war: Partys mit Tanz und Musik, bis zu 500 fröhliche Gäste im Saal. Seit Corona ist das Geschichte.

Planungssicherheit fehlt ‒ Anfragen für Mai und Juni können nicht beantwortet werden

Doch jetzt sind nicht mal bescheidene Alternativ-Angebote erlaubt, mit denen Gastronomen wie Andree Meyer aus Neubruchhausen wenigstens ein bisschen Kohlfahrt-Stimmung vermitteln wollen. Allenfalls Gruppen bis zu zehn Personen dürfen sie bewirten – nicht mal die Teilnehmerzahl einer Beerdigung auf dem Lande.

Die Hoffnung der Gastronomen, mit der neuen Corona-Verordnung wieder Gruppen bis 50 Personen bewirten zu dürfen, erfüllte sich nicht. Sie sind maßlos enttäuscht: „Jetzt wird einfach mal so die Winterruhe verlängert“, schütteln Saalbetreiber in Niedersachsen den Kopf.

Die Warnstufe 3 hätte ihnen die Türen für bis zu 50 Gäste ermöglicht – und wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, stellt Andree Meyer als Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Grafschaft Hoya klar. Dringend notwendig ist aus seiner Sicht eine verlässliche Strategie, welche Regelungen in den nächsten Monaten in der Gastronomie gelten sollen – damit Geburtstagskinder und Hochzeitspaare sicher planen können: „Wir haben Anfragen für Mai und Juni. Was soll ich diesen Gästen sagen?“, beschreibt der Kreisvorsitzende das große Dilemma.

Getränke- und Lebensmittellieferanten, Fleischereien und Busunternehmen leiden mit

Was geht, was geht nicht? Wie lauten die aktuellen Bestimmungen? Haben sie sich – wieder mal – geändert? Der Dehoga-Vorsitzende weiß, dass diese Fragen den Gasthaus- oder Restaurantbesuch nachhaltig beeinflussen: „Die Leute sind verunsichert!“

In jedem Fall gilt ein Hygiene-Konzept. Das gehört auch zu der Alternative, die sich Andree Meyer für die Kohlsaison überlegt hatte: Streng voneinander getrennte Gruppen, die sich zum Kohlessen treffen: „Mit Frühschoppen-Charakter!“ Bis 50 Personen wäre das durchaus attraktiv gewesen, ist der Gastwirt überzeugt – darunter nicht. Zum Vergleich: Bis 2020 feierten im Januar/Februar bis zu 550 Kohlfahrer im Gasthaus Zur Post. Solche Partys sind ersatzlos gestrichen – mit fatalen Folgen nicht nur für die Saalbetreiber. Auch Getränke- und Lebensmittellieferanten, Fleischereien und Busunternehmen hätten Einbußen, stellt Andree Meyer fest.

„Das einhellige Fazit aus dem Gastgewerbe ist nur noch großes Unverständnis und Verzweiflung.“

Detlef Schröder, Dehoga-Präsident

„Die Politik hat uns nach vielen Gesprächen Erleichterungen in Aussicht gestellt, nun ist wieder nichts passiert“, so Dehoga-Präsident Detlef Schröder in einer Stellungnahme. Er fügt hinzu: „Das einhellige Fazit aus dem Gastgewerbe ist nur noch großes Unverständnis und Verzweiflung.“

Bassumer Traditionsgaststätte „Kreyenhop‘s Gasthaus“ wird abgerissen

Sind die aktuellen Corona-Verordnungen der Todesstoß für weitere Saalbetreiber? „Sie sind der Brandbeschleuniger“, so Kreisvorsitzender Andree Meyer. Welche Folgen die strikten Beschränkungen hätten, werde man in einem halben Jahr sehen.

Auch Andree Meyer und seine Familie haben eine Entscheidung getroffen – und ihren Betrieb „Kreyenhop’s Gasthaus“ geschlossen. Das Haus wird abgerissen. Durch legendäre Abi-Koma-Partys hatte das Haus über Jahrzehnte Veranstaltungsgeschichte geschrieben – weit über die Region hinaus. Noch ein paar Jahre hätte die Familie Meyer Kreyenhop’s Gasthaus weiter führen wollen. Die Corona-Bestimmungen hatten die Schließung beschleunigt.

Wäre eine Liberalisierung wie in Dänemark zum Beispiel die Lösung? „Für uns wäre das natürlich ein Traum“, gesteht Andree Meyer, „aber bei 500 Leuten wäre mir jetzt doch ein bisschen unwohl“. Lockerungen müssten mit Vernunft gesteuert werden.

Zum Vergleich: In der Friedhofskapelle Bassum dürfen 40 Personen an einer Trauerfeier teilnehmen, aber nur zehn ins Gasthaus. Anders als in der Gastronomie kontrolliere bei Beerdigungen keiner, sagt Andree Meyer – und erinnert sich an einen Vorfall aus der 3 G-Zeit: Damals habe man im Gasthaus die Teilnehmer an einer Trauerfeier kontrollieren und zum Teil testen müssen: „Es gab positive Ergebnisse.“

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