Amtsgericht spricht Witwe eines Twistringers auch Schmerzensgeld zu

Klinik soll Prothese ersetzen

Bassum - Von Theo WilkeTWISTRINGEN/BASSUM · Eine Zahnprothese löste eine mehr als ein Jahr währende juristische Auseinandersetzung aus: Knapp 1 330 Euro Schadenersatz und 400 Euro Schmerzensgeld hat das Sulinger Amtsgericht jetzt einer 79-jährigen Twistringerin zugesprochen, die die St. Ansgar-Klinik verklagte. Ende September 2009 war nach einer Not-OP im Bassumer Krankenhaus die obere Zahnprothese ihres stationär behandelten Ehemannes verschwunden. Inzwischen ist der Twistringer verstorben.

„Das war ein reichlich überflüssiger und nervenaufreibender Prozess“, so Harald Weymann aus Twistringen, Rechtsbeistand der Klägerin, nach dem Urteilsspruch Ende Juni in Sulingen. Ohne Rechtsschutz-Versicherung hätte seine Mandantin das erst gar nicht durchgestanden. Die 79-Jährige ist heute froh: „Gut, dass wir es gemacht haben.“ Das Amtsgerichtsurteil kann die verklagte St. Ansgar Bassum-Sulingen GmbH noch anfechten, es ist noch nicht rechtskräftig. Auf Nachfrage war gestern vom Klinikverbund noch keine Stellungnahme zu bekommen.

Vom 23. September bis zum 5. Oktober 2009 war der im Dezember 2010 verstorbene Twistringer in stationärer Behandlung im Bassumer Krankenhaus. Der fast 80-Jährige hatte zuvor einen Zusammenbruch erlitten, war vorbelastet durch einen Schlaganfall. Im Krankenhaus wurde eine stark entzündete, eitrige Gallenblase festgestellt. Eine Not-OP war fällig.

Das Vorbereitungsteam der Klinik entnahm dem Patienten im Zimmer seine Zahnprothese aus dem Oberkiefer und stellte sie nach Überzeugung des Amtsgerichtes „in seinem Zahnbecher am Waschbecken des Krankenzimmers“ ab. Kurz vor der Operation wurde dem Rentner seine Prothese im Unterkiefer entnommen. Am Tag danach stellte man auf der Intensivstation das Fehlen der oberen Prothese fest. Sie war nicht mehr auffindbar.

Mehr als einen Monat lang konnte der Twistringer nicht mehr vernünftig essen. Erst Anfang November 2009 – acht Zahnarztbehandlungen waren nötig – erhielt der Mann eine neue Prothese für rund 1 067 Euro. Knapp 260 Euro an Fahrtkosten fielen an.

Alle Entschädigungsansprüche des Patienten nach dem Verlust der Prothese lehnte die Klinik ab. Ein Verschulden falle ihren Mitarbeiterinnen im Zusammenhang mit der Entnahme und Lagerung der Zahnprothese nicht zur Last, begründete vor Gericht das beauftragte Anwaltsbüro aus Verden. Das Abstellen am Waschbecken sei völlig üblich und begründe kein Verschulden. Zudem verwiesen die Anwälte auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Klinik, wonach lediglich bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit bei Verlust von in der Obhut des Patienten ver-

Urteil noch nicht

rechtskräftig

bliebenen Gegenständen gehaftet werde. Die neue Zahnprothese hätte durch die Krankenkasse des Twistringers bezahlt werden müssen. Darüber ist Anwalt Weymann heute noch erstaunt: „Die Krankenkasse ersetzt doch keinen Fremdschaden.“ Weymann reichte Anfang 2010 Klage beim Amtsgericht Syke ein, das den Fall zuständigkeitshalber nach Sulingen verwies.

Das Amtsgericht dort ging von einem schuldhaften Verhalten des Personals im Rahmen des zwischen den Parteien mündlich geschlossenen Krankenhausvertrages aus. Die Obhutspflicht sei schuldhaft verletzt worden. Denn nach eigenen Unterlagen des Krankenhauses wurde der Patient sofort nach der OP auf die Intensivstation gebracht. Das kurzzeitige Abstellen einer Zahnprothese im Krankenzimmer des Patienten stelle zwar noch keine Verletzung einer Obhutspflicht dar, aber die Prothese sei im Nebenzimmer zurückgelassen worden, wo sie „unbewacht zurückblieb“, so in der Urteilsbegründung. Am Ende ging es um einfache Fahrlässigkeit, die den Schadenersatzanspruch der Klägerin begründete. Ein Schadenersatz in Höhe von 1 326,76 Euro nebst Zinsen sowie 400 Euro Schmerzensgeld seien angemessen und ausreichend, erklärte die Amtsrichterin. è Kommentar

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