Dr. Stefanie Lindemeier restauriert mit ihrem Team den Fußboden im Chorraum der Bassumer Stiftskirche

Kleines Loch schluckt 80 Liter Füllmasse

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Catalina Schulz arbeitet an einem Modell eines Lämmerkopfs.

Bassum - Von Frauke AlbrechtDie Planung kann noch so gut sein, vor Überraschungen ist man dennoch nicht gefeit. Das weiß auch Diplom-Restauratorin Dr. Stefanie Lindemeier aus Erfahrung. Aus diesem Grund war sie nicht sonderlich erstaunt, als sie bei der Restaurierung des Fußbodens im Chorraum der Stiftskirche plötzlich auf einen Hohlraum stieß – einen ziemlich großen Hohlraum.

Seit Juni arbeiten die Mitarbeiter der Firma Piepo & Partner aus Hannover an der Wiederherstellung des Fußbodens. Dieser weist nicht nur Risse auf, sondern ist an einigen Stellen aufgrund von Verschüttungen abgesackt. „Diese Höhenversprünge und Ausbrüche versuchen wir zu stabilisieren, in dem wir die Bereiche hinterfüllen“, sagt die Restauratorin.

Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Die abgesackten Fußbodenbereiche werden herausgenommen und nach dem Verfüllen des Hohlraumes wieder eingesetzt.

In der Regel müssen die Restauratorinnen nur wenige Millimeter ausgleichen. In einem Bereich aber entdeckte das Team ein regelrechtes Loch. Über diese „Überraschung“ müssen Lindemeier und ihre Mitarbeiterinnen, Johanna Quadrizius und Catalina Schulz, immer noch schmunzeln. „Wir haben gedacht, welchen unentdeckten Keller legen wir da bloß frei? Wir haben 80 Liter Füllmaterial verbraucht. Ich kam mit dem Bestellen gar nicht nach.“ Ein Endoskop gab Aufschluss über die Ausmaße der Versackung.

Eine weitere Überraschung, mit der das Team nicht gerechnet hatte, war die Entdeckung eines Kabelkanals, der unter dem Fußboden quer an der Wand entlang führt. „Der dürfte so in den 50er-/60er-Jahren verlegt worden sein. Es fand sich lediglich ein Kabel darin, was aber nicht mehr angeschlossen war“, so Lindemeier. Nach einer kurzen Rücksprache entschied sich die Kirchengemeinde dafür, den Kabelkanal nicht zu verfüllen, sondern als Möglichkeit der Stromversorgung zu nutzen und – vorerst – mit Leerrohren zu bestücken.

Noch nicht entschieden ist, wie der Bereich vor der Sakristei-Tür aussehen wird. Dort wurde eine Betonplatte freigelegt. Überlegt wird, das Muster, das früher einmal dort existiert haben muss, in Intarsientechnik zu rekonstruieren. Andere Möglichkeiten wären, die Fläche einfarbig zu ergänzen oder das Muster aufzumalen. „Das ist eine Entscheidung, die der Kirchenvorstand fällen muss“, so Lindemeier.

Neben den Hohlstellen bessern die Restauratorinnen zahlreiche Risse aus. „Diese werden geöffnet, gereinigt und mit Füllmasse ergänzt.“ Auch Ausbrüche würden ersetzt. „Dazu verwenden wir Hochbrandgips“, sagt Lindemeier. Dieses Material sei wesentlich härter und dichter als handelsüblicher Gips. „Ist aber in der Verarbeitung eine Herausforderung“, so die Restauratorin und erklärt: „Man muss wissen, wann der Gips was macht.“ Das Material neige dazu, sich auszudehnen.

„Wir werden versuchen, so nah wie möglich an das Original heranzukommen. Im besten Falle sieht es aus, wie das Original“, antwortet Lindemeier auf die Frage, ob die Ausbesserungen später zu sehen sein werden.

Bereits jetzt seien Unterschiede sichtbar, erklärt sie. Das Original stamme aus dem Jahr 1870. Von 1927 bis 1929 habe es bereits eine Restaurierung gegeben. Man habe sich damals sehr genau am Originalbestand orientiert und exakt restauriert. Dennoch falle die unterschiedliche Farbgebung auf. „Wir arbeiten von Bereich zu Bereich so, dass es am wenigsten auffällt“, verspricht Lindemeier.

Spannend wird die Nacharbeitung einzelner Zeichnungen. So muss unter anderem ein Schafskopf erneuert werden. Catalina Schulz übt sich schon mal an einem Modell. Über die Geschichte der Lämmer wurde bereits viel spekuliert. Im Original liefen die Tiere von zwei Seiten aufeinander zu. Nach 1927 laufen sie im Kreis – übrigens gegen den Uhrzeigersinn. „Da man sich damals genau am Bestand orientiert hat, gehe ich nicht davon aus, dass dem Restaurator ein Fehler unterlaufen ist. Es war bestimmt von der Kirchengemeinde gewollt“, ist Lindemeier überzeugt.

Die Arbeiten werden voraussichtlich bis September dauern. Bis dahin bleibt der Chorraum gesperrt. Für die Gesamtkosten, inklusive Elektrik, wurden 123 000 Euro veranschlagt. Die Kirchengemeinde sammelt weiterhin Spenden.

http://www.kirche-bassum.de

Geschichtliches:

Bei dem Fußboden in der Stiftskirche handelt es sich um einen polychromen Intarsienfußboden aus Hochbrandgips von 1866 bis 1869 aus der Renovierungszeit der Kirche unter Baurat Conrad Wilhelm Hase. Entworfen hat ihn Kirchenmaler Heinrich Ludger Schröer, dem auch die Ausmalung der Kirche oblag. Quellenausarbeitungen durch Piepo & Partner aus dem Jahr 2012 erbrachten Aufschluss über den ausführenden Künstler. Es war der hannoversche Bildhauer Theodor Maßler, der wenige Jahre zuvor auch den Gipsestrich in der Kirche zu Bücken gefertigt hatte.

Kulturhistorisch ist der Boden besonders wertvoll: In Niedersachsen gibt es nur drei Gipsintarsienfußböden aus dem 19. Jahrhundert – in den Kirchen St. Godehard Hildesheim, in Bücken und in der Bassumer Stiftskirche.

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