60 MINUTEN... in der Kleiderkammer der Samtgemeinde Kirchdorf

Zwischen chic und scheußlich

Eine alte Tafel aus der ehemaligen Schule in Bahrenborstel nutzen Kinder, die mitkommen in die Kleiderkammer, um darauf zu malen.

Kirchdorf - Von Sylvia Wendt. Es ist noch keine 10 Uhr und Helga Frede hat bereits die ersten Spenden in die DRK-Kleiderkammer in Kirchdorf geräumt. Gemeinhin ist sie 15 Minuten vor der offiziellen Öffnung da. Und heute eben auch die erste Spenderin. Eine Stunde wird als reguläre Zeit für die Annahme angegeben. Was passiert da montags in den Räumen an der Ihloge in Kirchdorf? Wer kommt? Was wird gespendet? Ist das Angebot überhaupt nachgefragt? Eine Stunde beim Team der DRK-Kleiderkammer.

Ein ganzes Auto voll

Es ist immer noch keine zehn, da steht die nächste Kundin in der Kleiderkammer. Etwas aufgeregt: „Ich wollte die Sachen eigentlich beim Flohmarkt verkaufen, aber die wollte keiner.“ Wenn die Sachen niemand super günstig kaufen möchte, dann verschenkt sie sie halt. Es klingt ein bisschen wie eine Entschuldigung, eben weil es so viel Zeugs für Kinder ist, was sie anliefert. Der Familienwagen ist bis unters Dach gefüllt. Grundsätzlich muss sich niemand rechtfertigen für die Anlieferung von Kleider- und Sachspenden. Und dennoch passiert es ständig an diesem Vormittag. Warum eigentlich?

Fünf Minuten später steht Spender 3 vor der Tür, der Anhänger am Auto gefüllt mit Möbeln. Die Matratze ist in Plastikfolie eingeschlagen. So bleibt sie sauber. Und in der Kleiderkammer staubfrei. Aber das in Einzelteile auseinandergeschraubte Holzgestell für Vasen – das möge er bitte wieder mitnehmen. „Das will keiner“, sagen die Damen unisono.

Arbeitsaufteilung

Neben Helga Frede sind an diesem Vormittag Gabi Freyer, Rita Kosten, Marie-Luise Koopmann, Brigitte Spradau und Hanna Rethorn im Einsatz. Zum Team gehören zudem Marion Scheerer-Meyer und Antje Zorn.

Gemeinschaftlich werden die Spenden in die Kleiderkammer geholt und wie das gut eingespielte Team, das sie sind, teilen sich die Damen die Arbeiten auf.

Es ist 10.11 Uhr und Marie-Luise Koopmann kümmert sich um die Wäschekörbe voller Geschirr. Rita Kosten hat sich einen ganzen Stapel Bügel geholt und beginnt, die Kleidung aufzuhängen.

In der Zeit nach Weihnachten werden besonders viele Spenden abgegeben. „Die Leute haben über die Feiertage Zeit, auszusortieren“, sagt Helga Frede, von Kundin eins vorhin „die gute Seele der Kleiderkammer“ genannt.

Große Größen

Rita Kosten hat derweil neben Bügeln auch eine größere Tüte neben sich liegen: die guten Sachen auf den Bügel, die schlechten in die Tüte. „Wir kriegen auch dreckige oder kaputte Sachen“, erklärt Frede. Und vieles, was wirklich niemand mehr anziehen mag, was modisch ernsthaft nie wieder kommt. Dem gegenüber stehen tolle Sachen, wie neu.

Um 10.16 Uhr kommt ein älterer Herr vorbei. Seine Spende in größeren Größen schafft es nicht auf einen Bügel, umgeht aber auch die Tüte. Kunden in der Kleiderkammer sind zum Großteil Flüchtlinge, junge Leute. „Und die tragen eben nicht Größe 50 oder höher“, sagt Frede.

Aber die Spendensammler sind vernetzt: Ein Transport nach Litauen nimmt diese Kleidung gerne mit, weil sie dort am Ziel benötigt werden.

Aus all der Kleidung zupft Helga Frede immer wieder Einzelteile heraus. Warum? „Eine Kundin hat angerufen, ihre Tochter geht auf Klassenfahrt und benötigt dafür Winterkleidung.“ Und tatsächlich finden sich passende Klamotten, die Helga Frede nach Varrel fahren wird, um sie der bedürftigen Familie zu bringen. Eine Extra-Leistung, die für sie selbstverständlich ist.

Gabi Freyer hat derweil drei Kinderklamotten zur Seite gelegt: „Die haben kleine Flecken, die versuche ich mal rauszukriegen.“ Die Damen brauchen übrigens nur Sekunden, um anhand geballter Fleckenkompetenz zu erkennen, ob sich ein Waschversuch lohnt, oder eben nicht.

Die Regale für Baby- und Kinderkleidung füllen sich. Das würde schneller gehen, wenn die Größen besser zu erkennen wären. Die Schilder fehlen oft oder sind verwaschen.

Helga Frede öffnet zwei Schränke, die nicht öffentlich zugänglich sind. „Wir haben immer mindestens eine Grundausstattung für eine sechsköpfige Familie fertig“, sagt Frede. Teller, Tassen, Töpfe, Pfanne, Schüsseln, Besteck: Wenn neue Familien der Samtgemeinde zugewiesen werden, wird das Team informiert.

„Die sind ja wie neu“, sagt Brigitte Spradau, als sie eine Tüte voller Damenschuhe öffnet, die meisten Paare getragen, andere scheinbar nicht. Das, äh, ist ein bekanntes Phänomen: Schuhe sehen, schön finden, kaufen – doch die Begeisterung über die Auswahl ist irgendwie im Laden geblieben.

10.19 Uhr: Neben der Tüte steht nun auch ein Karton: für die Sommerkleidung. Für später also.

Fahrräder nachgefragt

Dann werden auch wieder Fahrräder benötigt: Der Varreler Wolfgang Böer hat bereits 230 Stück aufgearbeitet, repariert und fahrtüchtig nach Kirchdorf gebracht.

Uiii, ein schickes Abendkleid kommt zutage: „Das passt ja: Eine Kundin muss zur Hochzeit“, freut sich Frede. Wer dem Team rechtzeitig Bescheid sagt, für den werden benötigte Dinge zurückgelegt.

Nochmal zum Geschirr: Nach dem Revival der Etagèren könnte die Kleiderkammer eine neue Nachfrage nach Bowle-Sets vertragen. Alle Damen nicken. Alle haben solch ein Set auch Zuhause – keines in Gebrauch.

10.45 Uhr: Die Spendenstapel sind zwar kleiner, aber nicht weggearbeitet. Da heute keine großen Möbelstücke zu tragen waren, musste Nachbar Dieter Mrozinski nicht aushelfen mit Muskelkraft. Was er sonst gerne tut.

10.58 Uhr: Feierabend? „Wir werden ja nicht nach Stunden bezahlt“, sagt Rita Kosten und lacht. Alle stimmen ein: Sie alle sind ehrenamtlich dabei. Abgesprochen wird, wer am Nachmittag bei der Ausgabe dabei sein wird, meist sind sie da zu viert. Was nicht ausgepackt wurde, wird ins „Lager“ hinter dem Raumtrenner gestellt.

Feierabend

11.15 Uhr: Nun aber ist Schluss mit einsortieren. Vorerst, denn Helga Frede hofftjeden Tag wieder,dass jemand sich von dem, was er zuviel hat, trennt – und es jenen überlässt, die gerade zuwenig oder gar nichts haben.

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