Erstes bundesweite Treffen für Wohnungslose in Freistatt

„Woodstock im Moor“

Das erste „Sommercamp“ in Freistatt war ein Erfolg (v.l.): Janina Spörecke, Uwe Eger und Hilde Rektorschek. - Fotos: Kurth-Schumacher

Freistatt - Am Ende stand auf dem „weißen Blatt Papier“ eine gemeinsame Erklärung der 77 Teilnehmer – „63 Männer, 14 Frauen und vier Hunde“ – des Sommercamps der Wohnungslosen. Dessen Motto war gleichsam das Fazit: „Alles verändert sich, wenn wir es verändern. Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit und Hilflosigkeit sind keine Naturgesetze.“

Die Organisatoren (v.l.): Jürgen Schneider, Dr. Stefan Schneider und Frank Kruse.

Nach mehreren Jahren Vorlaufzeit hatten Jürgen Schneider (Armutsnetzwerk Deutschland), Peter Szynka (Diakonisches Werk Niedersachsen), Frank Kruse (Wohnungslosenhilfe Bethel im Norden) und der Sozialwissenschaftler Dr. Stefan Schneider (Berlin) „Wohnungslose, ehemals Wohnungslose, Obdachlose, Kunden und Besitzlose“ zum Sommercamp auf das Gelände des Sinnesgartens in Freistatt geladen. Neben Workshops und Konzerten fanden im Rahmen dieses einzigartigen Events die Mitgliederversammlung des Armutsnetzwerks und die Generalversammlung des europaweit agierenden Vereins „HOmeless PEople“ (HOPE) statt, letztere mit internationaler Beteiligung von Mitgliedern aus Dänemark, Finnland, Irland, Österreich, Deutschland und den Niederlanden.

Nicht zuletzt war die Begegnung der Klientel Programm. „Die meisten von uns kannten sich nicht, aber wir haben Gemeinschaft gelebt“, sagte Camp-Teilnehmerin Janina Spörecke. Das Treffen nannte sie eine „super-gute Sache“. Langfristiges Ziel sei, dass sich die „Unbedachten und Besitzlosen“ vernetzen und ihre Interessen selbst vertreten. Ebenso wie Hilde Rektorschek sieht sie in kulturellen Angeboten eine Schlüsselfunktion. Uwe Eger betonte, er habe Kraft aus den kleinen Gesprächsrunden gezogen: „Das war einfach eine schöne Erfahrung.“

„Wir sind respektvoll und freundlich aufgenommen worden“: Diesen Punkt der Resolution unterstrichen einige Camp-Teilnehmer mit persönlichen Worten. Besondere Erwähnung fand der Umgang der Verantwortlichen mit dem plötzlichen Tod eines Teilnehmers: „Bei der Trauerandacht fand Pastor Christian Sundermann die passende Worte für unsere Gefühllage.“ Der würdevolle Umgang mit Wohnungslosen sei nicht selbstverständlich: „Viele Menschen pflegen das Vorurteil, dass wir dumm sind und saufen“, berichtete eine Wohnungslose von abschätzigen Blicken: „Die Leute gucken auf uns runter, dabei kann jeder in unsere Lage geraten.“

Michael Stiefel, der am Donnerstag zum neuen Vorsitzenden des Armutsnetzwerks Deutschland gewählt wurde, sieht die Aufgabe seines Verbands darin, die Bedürfnisse der Menschen mit Armutserfahrungen zu formulieren und sie in die politischen Gremien zu tragen. „Der Auftakt war einmalig, wir haben hier neue Mitstreiter gewonnen. Jetzt geht die Arbeit richtig los.“

Eine Neuauflage des Sommercamps im kommenden Jahr ist in Planung. Pepe Duoskin aus Sachsen will wieder dabei sein und ebenso wie Uwe Fass aus Brandenburg und Harald Thisted Gjersøe aus Dänemark für die Veranstaltung werben. „Das Projekt ist auf drei Jahre ausgelegt“, sagt Dr. Stefan Schneider. „Wenn ihr das wollt, wird da was von“, ermutigte er die Teilnehmer.

Er wertete allein die Tatsache, dass wohnungslose Menschen, die per se Einzelkämpfer sind, von einem „Woodstock im Moor“ träumen, als großen Erfolg. - mks

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