„Zeigt der Welt, dass ihr da seid“

Wohnungslosentreffen in Freistatt: Suche nach einer eigenen Stimme

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Gemeinsamer Abschluss eines erfolgreichen Workshops des Wohnungslosentreffens in Freistatt. 

Freistatt - „Was ich mag: Das Leben“, sagt ein Teilnehmer. Was er nicht mag: seine Ungeduld. Ein Spruch, den er sich ausgesucht hat, der zu ihm passt: „Schön ist die Jugend. Gott sei Dank kommt sie nicht zurück. Es ist interessant zuzuhören, was die Teilnehmer über sich verraten, ihre Stärken und Schwächen. Oft ist Respekt ein Thema: Dass man ihn haben möchte, wird daran deutlich, dass eher die Respektlosigkeit genannt wird – die man nicht mag. Das Gros der Teilnehmer ist aber eben jene Respektlosigkeit gewöhnt, die Teilnehmer sind wohnungslos.

„Zeigt der Welt, dass ihr da seid“, rufen fünf Studierende des Hasso-Plattner-Institutes in Potsdam den Teilnehmern zu. Sie haben einen Workshop geleitet, der sich mit der Kernfrage des Wohnungslosentreffens 2017 in Freistatt beschäftigt: Wer sind wir?

Es fällt nicht leicht, eigene Wünsche zu formulieren

120 Teilnehmer sind angereist, das Camp ist damit ausgebucht. Es kann als Zeichen dafür gelesen werden, dass sich wohnungslose Menschen ernsthaft selbst Gehör verschaffen möchten. Die eigenen Wünsche zu formulieren fällt eigentlich niemandem leicht – umso schwerer muss es sein, wenn viele Sicherheitsfaktoren (Job, Haus, Familie) nicht vorhanden sind, um eine Stabilität zu geben, aus der heraus Forderungen gestellt werden können.

„Wer sind wir?“ Die Lebensgeschichten der Teilnehmer sind bunt. Frank Kruse, Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe bei Bethel im Norden, fährt sich mit der Hand über die Stirn: „Ich bin seit 30 Jahren in dem Bereich tätig. Und bin doch erstaunt, was hier alles zusammenkommt an Menschen. Was die alles können. Was die alles lesen. Was die alles wissen.“

Wissen, das im Alltag niemand abfragt, weil oft arbeitslos ist, wer wohnungslos ist. Dr. Stefan Schneider, einer der Hauptorganisatoren des Treffens, schildert die Problematik einer Gruppe der Gesellschaft, die keine Lobby hat. Benennt das Grundproblem dafür: „Die Gesellschaft hat sich entsolidarisiert.“

Teilnehmer kommen nicht zum Quatschen - sie wollen konstruktiv arbeiten

Teilhabe ja, aber eben nicht für wohnungslose Menschen. „Der Blick auf Wohnungslose ist kein herzlicher Blick, sondern ein verächtlicher“, sagt Kruse.

Wer für den Tierschutz Gelder eintreiben möchte, nimmt ein Foto mit einem Welpen, für Kinderprojekte dienen Babybilder. Das Klischee des Wohnungslosen ist der Typ mit verfilztem Bart und schlechten Zähnen. Das gibt keinen Cent in die Spendendose. Gelder akquirieren, um Teilhabe-Projekte für Wohnungslose zu finanzieren ist ein besonderes Unterfangen. Für das Wohnungslosentreffen, nach 2016 ein zweites Mal in Freistatt und auch für 2018 finanziell gesichert, ist ein Erfolg bereits mit dem Erreichen der maximalen Teilnehmerzahl belegt.

Janina, 36 Jahre alt, gebürtig aus Hannover, heute in Berlin, ist eine der Teilnehmerinnen, war bereits 2016 dabei. Sie habe keine Zeit für Klatsch und Tratsch, sondern sei interessiert an konstruktiver Zusammenarbeit. Klare Ansage: Wer das Wohnungslosentreffen für bierseliges Quatschen am Lagerfeuer abqualifiziert, ist hier so richtig falsch.

Gemeinsames Lernen in Workshops

Workshops bieten die Chance, zu lernen, Wissen weiterzugeben. Vor allem aber ist das Treffen eine Chance, sich zu vernetzen. Das bestätigt auch Janina: Etliche Teilnehmer des 2016-er Treffens blieben in Kontakt miteinander. Stefan Schneider will die Dringlichkeit von Projekten für Wohnungslose sichtbar machen. Allerdings nicht um jeden Preis: Die Betroffenen sollen mit eigener Stimme sprechen, ihre Bedürfnisse selbst formulieren. Und: Wer etwas für Wohnungslose tut, müsse sich auch hinterfragen lassen, ob das Handeln passgenau ist.

Es gebe vielerorts einzelne Initiativen, einzelne Treffpunkte, aber keinen gruppendynamischen Prozess, der das übergeordnete Ziel der Interessenvertretung durch eine eigene Stimme verfolge. Angebote zu schaffen, da gebe es noch Luft nach oben, bestätigt Janina. Eine Selbstvertretung sei etwas ganz anderes, erklärt Schneider.

Identität entwickeln, Klischees durchkreuzen

Das Wohnungslosentreffen dient auch dazu, bei der Identitätsentwicklung zu helfen, Klischees zu durchkreuzen, Zuschreibungen durch andere aufzulösen, den Teilnehmern helfen zu erkennen, dass sie eigene Kompetenzen und Ideen haben. Helfen, sich zu vernetzen. Das kann ganz einfach sein: Janina nennt etwa Musikkurse. Musiktherapie sei unaufdringlich.

Das Wohnungslosentreffen geht noch bis Sonntag, öffentliche Termine sind die Vorführung des Filmes „Freistatt“ und anschließende Diskussion in der Moorkirche sowie Führung durch das Haus Moorhort (ab 15 Uhr am Freitag, 28. Juli) sowie die Abschlussandacht, zu der für Sonntag, 30. Juli, um 9 Uhr in den Sinnesgarten eingeladen wird.

sis

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