Fakten und Risiken zur Altersarmut entrüsten Zuhörer

Altersarmut: „Was tut ihr eigentlich dagegen?“

Podiumsdiskussion über Altersarmut: (v.l.) Ortwin Stieglitz, Marlis Winkler, Matthias Müller, Karin Bockhorst und Bruno Hartwig beantworten Fragen der Zuhörer. - Foto: Seidel

Varrel - Von Anke Seidel. „Mischen Sie sich ein – auch für Ihre Kinder und Kindeskinder“. Mit einem unmissverständlichen Appell wandte sich Kirchdorfs Samtgemeindebürgermeister Heinrich Kammacher an rund 200 Mitglieder und Gäste des SoVD (Sozialverband Deutschland). Nicht wenige nahmen ihn beim Wort, wie die lebhaften Beiträge und kritischen Fragen während der Podiumsdikussion im Varreler Gasthaus Hartje-Melloh bewiesen – zu einem Thema, das Schatten wirft in einem reichen Land und für Entrüstung sorgte: Altersarmut.

„Es geht hier nicht um eine Neid-Diskussion“, betonte Ortwin Stieglitz, der diese Abschlussveranstaltung der Veranstaltungsreihe „Armut in einem reichen Land“ moderierte – nach einer musikalischen Begrüßung des Bläserkorps Varrel. Das Vermögen von erfolgreichen Unternehmen wie Aldi oder BMW sei nicht von deren Eigentümern erwirtschaftet worden, sondern von ihren Mitarbeitern.

Dasss viel zu vielen Menschen trotz langem Erwerbslebens viel zu wenig Geld zum Leben bleibt, bewies Meike Janßen als Mitglied der SoVD-Landesgeschäftsstelle mit Zahlen. Ein Fünftel aller Kinder (20,1 Prozent) und fast die Hälfte aller Alleinerziehenden (43,6 Prozent) leben demnach am Rande der Armut – und für deutlich mehr Frauen (17,7 Prozent) als Männer (12,4 Prozent) ist die Altersarmut bereits Alltag. Aber wie definiert sich arm? „Als arm gilt, wer 60 Prozent weniger als das durchschnittliche Netto-Einkommen hat“, so die Referentin, sprich weniger als 60 Prozent von 907 Euro (Durchschnitts-Netto-Einkommen für Alleinstehende) oder 1.905 Euro (für Familien mit zwei Kindern) bekommt.

Kein Geld für das Theater, für einen Restaurantbesuch oder das Geschenk für den Kindergeburtstag – das führt, so mahnte Maike Janßen, zu einem Leben voller Scham und letztendlich zur sozialen Isolation. Mini-Jobs, Leiharbeit, Werksverträge und befristete Beschäftigung – das sind laut Referentin die Faktoren, die Armut befeuern. Und: Zwei Drittel der Mini-Jobber seien Frauen.

„Wer arm ist, kann am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Armut ist weiblich und die Bedrohten sind die zukünftigen Rentner“, fasste Bruno Hartwig als SoVD-Kreisvorsitzender zusammen. Er fügte hinzu: „Die Verhinderung der Altersarmut setzt in der Erwerbsphase ein!“ Deshalb forderte er eine regelmäßige Erhöhung des Mindestlohns. Karin Bockhorst kritierte als Caritas-Geschäftsführerin in Twistringen die ungerechte, weil unterschiedliche Entlohnung von Männern und Frauen.

„Leiharbeit darf kein Regelfall sein!“, mahnte Matthias Müller als Kreisvorsitzender des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund). Nur in Spitzenproduktionszeiten sollten Unternehmen sie nutzen dürfen. Aber weit verbreitet – auch im Landkreis Diepholz – sei eine völlig andere Praxis: „Menschen werden entlassen, um sie dann über Leiharbeitsfirmen wieder im Betrieb zu beschäftigen.“ Natürlich für einen deutlich geringeren Lohn.

Unabhängig davon setzte sich Marlis Winkler als Geschäftsführerin der Diakonie im Landkreis für bessere Bedingungen ein: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss verbessert werden!“

Podium und Publikum waren sich einig: Nur höhere Renten können verhindern, dass Senioren mit weniger als 400 Euro im Monat auskommen und ein Leben voller Scham führen müssen.

Doch wer soll das bezahlen? „Man muss über andere Besteuerungsmodelle nachdenken“, forderte Matthias Müller. Für eine gerichtlich erlaubte Vermögenssteuer habe die Politik noch immer keine Lösung gefunden, kritisierte Bruno Hartwig.

Immer wieder forderten Zuhörer, dass alle Erwerbstätigen in die Rentenversicherung einzahlen müssten – auch Beamte, Bundes- und Landtagsabgeordnete: „Erst dann werden wir es schaffen, glaubt mir das!“, erklärte ein Zuhörer unter Beifall des Publikums. „Da gibt es welche, die nicht einzahlen wollen“, fügte Hartwig schließlich hinzu, „und das sind die, die darüber entscheiden sollen. Merkt ihr was?“

Kritik übten die Zuhörer genauso daran, dass die Renten für die Bürger der ehemaligen DDR und Russland-Deutsche von den Beitragszahlern finanziert werden müssten, „obwohl das Sache des Staates ist“. An diesem Punkt zog Müller die Bremse: „Die Leute können nichts dafür!“ Die Politik habe sich am Geld der Beitragszahler bereichert.

„Was tut ihr eigentlich dagegen?“, fragte ein entrüsteter Zuhörer. Sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, sei nicht allein Aufgabe der Funktionsträger, antwortete Müller: „Alle müssen in den Bus nach Berlin steigen! Es kommt auf jeden an!“, erklärte er unter Beifall. Stieglitz und Hartwig kündigten an, die Forderungen des Abends gegenüber Landtags- und Bundestagsabgeordneten geltend machen zu wollen – nach den Kommunalwahlen.

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