Fachpraktikerausbildung bei Bethel im Norden

Starthilfe in einen Beruf

Malerutensilien, wie sie auf einer typischen Baustelle benötigt werden.
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Malerutensilien, wie sie auf einer typischen Baustelle benötigt werden.

Freistatt – „Irgendwoher muss das Geld ja kommen“, der 26-Jährige ist da ganz realistisch. Es gab allerdings eine Zeit, da hätte „Irgendwoher“ vielleicht nicht eine ehrbare Arbeitsstelle bedeutet, so ungerade hätte der Lebenslauf ja auch verlaufen können. Der 26-Jährige hatte beim Interviewtermin gerade seine erste Arbeitsstelle angetreten. Und, leider, noch vor der Veröffentlichung, wieder verloren. Ist das eher üblich oder die Ausnahme? „Die Ausnahme. Nein, das kommt nicht öfter vor“, sagt Andrea Oerter mit Nachdruck. Aktuell wird die Situation aufgearbeitet, denn der 26-Jährige sei zuverlässig und stehe hinter dem, was er in der Werkerausbildung bei Bethel im Norden gelernt hat. Allerdings leide er unter Schlafstörungen, bedingt durch Medikamente, die er einnehmen müsse.

Gebürtig aus Bassum, führt das Leben den jungen Mann irgendwann nach Freistatt. „Die Tatsache, dass hier alle Bereiche ineinandergreifen, hat ihm geholfen“, sagt Andrea Oerter. Die Sozialpädagogin gehört zum Team an der Seite der Kursteilnehmer in Freistatt. Der junge Mann sei über die Sucht- und Eingliederungshilfe in die Fachpraktiker- / Werkerausbildung gekommen.

Sechs Fachrichtungen gehören zum Angebot. Warum sollte es die des Malers sein? „Weil in meiner Familie viele Maler sind“, erklärt der 26-Jährige seine Wahl. Und in der seiner Freundin gebe es ebenfalls etliche Handwerksberufe – nur eben keinen Maler. Diese Lücke wollte er füllen. „Die Ausbildung geht nicht ohne, dass ein klarer Wille vorhanden ist“, sagt Andrea Oerter.

Zwölf Wochen betriebliche Ausbildungsphasen

Und der junge Mann habe eben jenen Willen gezeigt. Im Rahmen der Ausbildung an der Comenius-Schule Freistatt seien insgesamt zwölf Wochen für „betriebliche Ausbildungsphasen“ vorgesehen.

„Das ist kein Praktikum im herkömmlichen Sinn, sondern Teil der praktischen Fachausbildung“, erklärt Andrea Oerter. „Keine leichte Zeit“, erinnert sich der angehende Maler. An der Seite der Teilnehmer sind neben den Ausbildern auch Sozialpädagogen und Psychotherapeuten – je nach Bedarf. Sie bieten Alltagshilfen bei Antragstellungen und Behördengängen, helfen in Krisen und bei Konflikten, coachen etwa für Bewerbungsgespräche.

Gesprächsbereitschaft auch nach Ausbildungsende

Sie bieten aber auch, in Zusammenarbeit mit den Kooperationsbetrieben, ausbildungsbezogene Förderangebote: „Dadurch werden die Ausbildungsinhalte gefestigt, insbesondere in Prüfungsphasen.“

Mit der Prüfung ist die Betreuung nicht vorbei und kein Absolvent wird einfach in die neue Arbeitsstelle entlassen: „Wir bleiben ein halbes Jahr weiter in stetem Kontakt“, sagt Oerter. Sollte ein Absolvent Hilfe durch das Team benötigen, stünde ein Gesprächspartner bereit.

Agentur für Arbeit finanziert Führerschein

Die Begleitung durch sozialpädagogische Fachkräfte sieht Andrea Oerter als wichtiges Element: „So haben die Teilnehmer Zeit, sich sozial zu festigen und ihre eigenen Probleme aufzuarbeiten. In der Vollausbildung gibt es diese Zeit nicht.“ Ebenso hätte Ausbilder Ingo Pörtner großen Anteil daran, dass einer der Maler in die Beschäftigung gelangt. Er habe einen „guten Draht zu den Teilnehmern“.

Für den 26-Jährigen bedeutet eine Arbeitsstelle weitere positive Optionen: Sein Führerschein werde durch die Agentur für Arbeit finanziert. Die Fahrerlaubnis ist für eine Einstellung mitunter ein absolutes Muss.

Wichtig: Offene Kommunikation

Ist die Suche nach Betrieben für die Absolventen der Fachpraktiker- / Werkerausbildung in Zeiten von Corona schwieriger geworden? „Nein“, sagt Andrea Oerter. „Im Gegenteil: Wir haben gute Kontakte. Durchaus aber wäre es gut, wenn sich weitere Malerbetriebe melden.“ Mit Praktikanten hätte so mancher Malerbetrieb im Landkreis bereits negative Erfahrungen gemacht und zögere nun, anderen eine Zusage zu geben.

Im aktuellen Fall allerdings, so die Mutmaßung der Sozialpädagogin, sei mangelnde Kommunikation das Hauptproblem gewesen. Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung seien nicht mit anderen Arbeitnehmern gleichzusetzen. Mitunter sind andere Ansprachen notwendig, mitunter besondere Maßnahmen – etwa, um sicherzustellen, dass jemand pünktlich zur Arbeit erscheint.

Erfolgsquote bestätigt Team

Individuelle gesundheitliche Probleme müssten genau und offen besprochen werden, um ihre Handhabung in den Berufsalltag einzubinden. Es wird klar, dass hier Verständnis und Willen von beiden Seiten vonnöten ist. „Manche winken gleich ab und sagen: Solche Leute brauchen wir hier nicht“, berichtet Oerter aus Gesprächen mit potenziellen Arbeitgebern.

Mit dem Abschluss der Fachpraktikerausbildung haben die Absolventen übrigens ebenso den Hauptschulabschluss in der Tasche. Die Erfolgsquote bestätigt das Team um Koordinator Thomas Thies.

„Die kommen alle in Arbeit“

„Der Abschlussjahrgang 2019 hat zu 100 Prozent eine Anstellung gefunden, für dieses Jahr sind es ungefähr 70 Prozent“, sagt Oerter. Die fehlenden 30 Prozent begründet sie mit den Corona-Auflagen: Die Hauswirtschafter hatten während des Lockdowns ihre betrieblichen Phasen in den Seniorenresidenzen nicht leisten können. „Aber das kriegen wir noch hin. Die kommen alle in Arbeit.“

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