Ab Donnerstag bundesweit in den Kinos

Film „Freistatt“ beeindruckt

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Szenenfoto: Fürsorge-Zögling Wolfgang (Louis Hofmann, r.) mit Oberbruder Wílde (Stephan Grossmann).

Freistatt - Von Andreas Schnell. Im Bundesstart ab 25. Juni zu sehen, am Sonntag gab es eine Pressevorführung in Bremen, in Anwesenheit des Regisseurs Marc Brummund: Der Film „Freistatt“, der die Geschichte der sogenannten „Heimfürsorgeerziehung“ aufgreift.

Sommer 1968: Die Zeichen stehen auf Veränderung. „Flower Power“ und Studentenbewegung wirbeln die Verhältnisse durcheinander. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Hinter den Mauern der kirchlichen Fürsorgeanstalt in Freistatt herrscht noch der alte Geist. Hausvater Brockmann leitet das Heim schon seit den letzten Kriegsjahren mit eiserner Hand. Der 14-jährige Wolfgang wird von seinem Stiefvater in kirchliche Fürsorge gegeben. Was die Heimleitung nach außen als Erziehung im christlichen Geist ausgibt, ist in Wirklichkeit ein brutales System der Ausbeutung, mit dem Ziel, die jungen Männer zu brechen. Acht Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche müssen die Jugendlichen Torf stechen, wer sich beschwert oder bummelt, der wird bestraft. Wolfgang versucht zu fliehen, aber damit macht er die Sache nur noch schlimmer. Als er schließlich entlassen wird, findet er sich in der normalen Welt da draußen nicht mehr zurecht.

Marc Brummund erzählt diese packende Geschichte in seinem Film „Freistatt“, nach wahren Begebenheiten. Freistatt war nicht die einzige Erziehungsanstalt dieser Art, wenngleich eine der härtesten. Rund 3000 solcher Heime gab es damals. Brummund erzählt Wolfgangs Geschichte als klassischen Genre-Film, Filme wie „Flucht in Ketten“ und „Flucht von Alcatraz“ nennt er als Vorbilder. Der Soundtrack transportiert Zeitkolorit, während die Heimkinder auf dem Weg zur Arbeit die „Moorsoldaten“ singen, ertönt aus dem Radio „Freedom“, eine der Hymnen der Woodstock-Generation.

Kamerafrau Judith Kaufmann hat eindrucksvolle Bilder gefunden, in denen die Weite des Moors mit der beklemmenden Enge der Anstalt kontrastiert, in der die jungen Menschen hinter Gittern eingesperrt sind. Gedreht wurde „Freistatt“ an Originalschauplätzen, die mittlerweile unter dem Namen „Bethel im Norden“ firmierende einstige Diakonie Freistatt stellte ihre Räumlichkeiten zur Verfügung.

Weshalb „Freistatt“ nicht nur ein dramatischer und bewegender, nicht selten drastischer Spielfilm ist. Er ist auch ein Stück Geschichtsaufarbeitung, basierend auf Augenzeugenberichten, vor allem denen von Wolfgang Rosenkötter, der selbst in jungen Jahren in Freistatt untergebracht war. Zwar ist die Geschichte des Film-Wolfgangs nicht eins zu eins die seine. Die Geschehnisse des Films haben sich aber so und ähnlich in verschiedenen deutschen Heimen jener Jahre abgespielt, vieles hat Rosenkötter selbst in Freistatt gesehen. Manches davon, so erzählt Brummund im Gespräch nach der Vorführung am Sonntag, habe er sogar herausgelassen, weil das Publikum es ihm nicht abgenommen hätte.

Zwar richtete die Bundesregierung 2008 den Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren ein, der 2010 einen Bericht über die Zustände in den Anstalten vorlegte, der unter anderem einen Appell enthielt, die Betroffenen zu entschädigen. Fragen und Beiträge aus dem Publikum in Bremen machten allerdings deutlich, dass es für die ehemaligen Heimkinder bis heute schwer ist, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Wolfgang Rosenkötter, der Regisseur Marc Brummund begleitete, betonte, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe. Er selbst habe seine Geschichte 40 Jahre lang aus Scham verdrängt. „Ich habe in Freistatt keinen einzigen Tag erlebt, der schön war“, sagt er.

Wie wichtig „Freistatt“ ist, belegen Fälle wie der der Haasenburg-Heime. Recherchen der letzten Jahre belegen, dass es auch in der jüngeren Vergangenheit zu Fällen von sexuellem Missbrauch, Zwangsvergabe von Medikamenten und Isolation gekommen ist.

Auch wenn Brummund, der selbst in Diepholz auf die Welt kam, rund 20 Kilometer von Freistatt entfernt, für seinen Film intensiv recherchiert hat, ist er doch erstaunt, wie viele Zeitzeugen bei der Vorführung in Bremen im Kinosaal sitzen. Die Fragerunde offenbart, wie weit seine Geschichte in unsere Gegenwart hineinreicht.

Ab Donnerstag ist „Freistatt“ in deutschen Kinos zu sehen, am Samstag, 27. Juni, 20 Uhr läuft der Film im „Central“ in Diepholz in Anwesenheit von Marc Brummund und Wolfgang Rosenkötter. Ab 2. Juli ist der Film auch im Sulinger „Filmpalast“ zu sehen.

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