Über Tierwohl wird an der Ladenkasse entschieden

Schweinekrise in Tierwohl-Zeiten – Landwirte kämpfen mit Billigfleisch-Angeboten aus dem Ausland

Sie sollen es besser haben: Schweine bekommen mehr Platz, aber das wird nicht immer honoriert.
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Sie sollen es besser haben: Schweine bekommen mehr Platz, aber das wird nicht immer honoriert.

Landkreis Diepholz. Volker Witte macht mit. Der Landwirt aus Wehrbleck hat in seine Mastställe große Fenster einbauen lassen, außerdem für zusätzliches Beschäftigungsmaterial gesorgt und zehn Prozent weniger Mastschweine eingestallt. Damit erfüllt er die Kriterien für die Tierwohlstufe 2 – und hatte trotzdem große Sorge, dass er die Tierwohl-Prämie von 5,28 Euro pro Schwein nicht bekommt.

Berichte in der landwirtschaftlichen Fachpresse hatten den Wehrblecker völlig verunsichert. Doch jetzt gibt er Entwarnung: „Alles in Ordnung! Der Betrag steht auf der Abrechnung.“

Der Wehrblecker hatte sich im Juni bei der Initiative Tierwohl (ITW) angemeldet – und durfte starten, nachdem die neuen Haltungsbedingungen von Auditoren der ITW vor Ort geprüft worden waren. „Die Kontrollen sind streng“, erklärt Dr. Patrick Klein als Bereichsleiter Kommunikation und Marketing der ITW. Ihr Ziel ist die schrittweise Verbesserung der konventionellen Landwirtschaft – im Schulterschluss mit Partnern aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel.

Ob sich die Tierwohl-Investitionen heimischer Landwirte auszahlen, hängt vom Einkauf der Verbraucher ab

Die Schweinehaltung hat die ITW genau im Blick: „Jeder Betrieb wird von uns zweimal jährlich kontrolliert. Einmal davon ohne Voranmeldung“, sagt Patrick Klein. Die Sorge der Landwirte vor ausbleibenden Zahlungen kann er verstehen. „Aber da gibt es ein großes Missverständnis“, klärt der ITW-Sprecher auf – und erinnert an die Sonderzahlung von 50 Millionen Euro der Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) zur Abfederung der Corona-Krise. „Wir haben nach Modellen gesucht, um das Geld möglichst gerecht zu verteilen“, so Patrick Klein. Nach genau festgelegten Kriterien erhielten die Schweinehalter Geld aus diesem Topf. „On top“, also zusätzlich. Das kann Volker Witte bestätigen. Eine einmalige Betriebsprämie in Höhe von 3 000 Euro hat er als Corona-Sonderzahlung erhalten.

Doch jetzt ist der Sondertopf für die Einmalzahlungen leer – schon seit Monaten. Diese Tatsache sei es, die Landwirte zurzeit heftig kritisieren, erläutert der ITW-Bereichsleiter. Die Tierwohlprämie in Höhe von 5,28 Euro pro Mastschwein werde nach wie vor gezahlt: „Das müssen die Schlachtbetriebe zahlen, wenn sie Tierwohl-Schweine als solche kaufen und vermarkten.“

RVV hat feste Verträge

Der Raiffeisen-Viehverbund (RVV) mit Hauptsitz in Twistringen hat feste Verträge mit den Schlachtunternehmen. Deshalb erhalten die im RVV organisierten Landwirte selbstverständlich den Mehrpreis für ihre ITW-Schweine, so RVV-Geschäftsführer Patrick Wilkens über eine verlässliche Partnerschaft. Probleme hätten die Landwirte, die sich nicht in einer Erzeugergemeinschaft zusammen geschlossen haben – und nun versuchen müssen, am freien Markt einen möglichst guten Preis für ihre Tiere zu erzielen.

1,30 Euro pro Kilo Schlachtgewicht erhalten die Landwirte zurzeit, weiß Stefan Meyer, Pressereferent Agrarpolitik beim Landvolk-Verband-Grafschaft Diepholz: „Kostendeckend ist ein Preis von 1,60 Euro!“ Zum Vergleich: Anfang des Jahres hatte der Preis wochenlang bei 1,19 Euro gelegen.

Hinzu kommt: ITW-Fleisch hat seinen Preis – und der Verbraucher die Wahl. Er kann zum Beispiel auch zum billigeren Fleisch aus Spanien greifen. Das entspreche selbstverständlich den europäischen Normen zur Tierhaltung, so Patrick Wilkens. Aber die Tierwohl-Vorgaben liegen in Deutschland deutlich höher. Das hat seinen Preis. So kostet ein Kilo Schweinefilet aus diesem Qualitätsprogramm im Großhandel 7,19 Euro, aber aus spanischer Herkunft nur 5,99 Euro – und aus Chile gerade einmal 4,99 Euro. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands spricht von „Ramschangeboten aus anderen Herkunftsländern.“

Entscheidung an der Ladenkasse

Ob sich die Tierwohl-Investitionen heimischer Landwirte auszahlen, hängt vom Einkauf der Verbraucher ab. Über das Tierwohl wird also an der Ladenkasse entschieden. Je mehr Fleisch aus dem Ausland gekauft wird, umso öfter haben deutsche Landwirte das Nachsehen. Die Folge: ein fataler, dynamischer Verdrängungswettbewerb. „Etwa 20 bis 30 Prozent der deutschen Produktion wird ins Ausland verschwinden“, prognostiziert Patrick Wilkens – und weiß: „Das hat längst begonnen!“

Kreislandwirt Wilken Hartje spricht von einer Schweinekrise: „Die Marktsituation ist so schlecht wie noch nie zuvor in einer Zeit, in der der Schweinemarkt sonst am besten ist.“ Mit so einer Krise hätten selbst Experten nicht gerechnet. Die Lage ist für Wilken Hartje so verheerend, weil die Zahl der Schweine in den deutschen Ställen – bedingt durch die Tierwohl-Kriterien – ja spürbar gesunken sei: „Wir haben die wenigsten Schweine seit 50 Jahren!“

Auch Hartje kennt die Vermarktungsprobleme und weiß, dass längst nicht alle Landwirte die ITW-Haltung bezahlt bekommen. Der Kreislandwirt hat den Eindruck, dass der Handel Druck auf die Schlachthöfe ausübe – damit das Fleisch in den Regalen möglichst billig bleibe.

Für die Mäster hat das fatale Folgen: „Die Einstandskosten kommen nicht wieder rein“, sagt Wilken Hartje – also das Geld, das die Landwirte in den Kauf von Ferkeln und in das Futter investieren mussten. „Außerdem ist das Futter um 20 Prozent teurer geworden“, erläutert Wilken Hartje.

Handlungsmöglichkeiten haben die Landwirte so gut wie nicht. Sie können höchstens die Vermarktung ein paar Tage hinausschieben – in der Hoffnung, dass die Preise steigen. Aber: Die Schweine brauchen Futter und Platz, das kostet Tag für Tag Geld. Und je weiter sich die Tiere von ihrem Idealschlachtgewicht entfernen, umso größer ist der Preisabschlag für die Landwirte.

Die Fachleute sind sich einig: Die geringe Nachfrage nach Schweinefleisch hat unterschiedliche Ursachen. Die mangelnde Nachfrage aus China wegen der drohenden Afrikanischen Schweinepest ist eine, die Auswirkungen der Corona-Vorgaben eine andere. Leere Fußballstadien und abgesagte Volksfeste wirken ebenso: „Da würde man sonst ja noch mal eine Bratwurst essen“, stellt Stefan Meyer fest. Außerdem sei die Grillsaison völlig verregnet. Denkbar, dass vegetarische Ernährungstrends ebenso eine Rolle spielen.

„Die Landwirte sind das schwächste Glied in der Kette“, mahnt Stefan Meyer, „wir können nicht streiken wie die Lokführer“, denn die Tiere müssten schließlich versorgt werden. Meyer weiß, dass der Handel gern Fleisch aus den Tierhaltungsstufen 3 und 4 (Bio) anbieten würde – was vor allem durch bauliche Investitionen der Landwirte zu erreichen ist.

Sind solche Investitionen – wie der Neubau von Ställen für die Haltungsform 3 – aus Sicht der Initiative Tierwohl sinnvoll und zukunftssicher? „Diese Frage zu beantworten ist eine unternehmerische Entscheidung jedes Landwirts“, antwortet Patrick Klein. „Zu beachten ist dabei allerdings, dass in Stufe 3 Außenklimareize vorgesehen sind, was baurechtlich und emissionsrechtlich sehr häufig schwierig ist und unter Umständen einen Zielkonflikt mit dem Klimaschutz darstellt.“

Schweinemäster Volker Witte ist durchaus bereit, mehr zu machen in Sachen Tierwohl. Dafür sei aber unbedingt eine realistische und verlässliche Zukunftsperspektive notwendig: „Wir brauchen von der Politik klare Linien, wie sie sich die Landwirtschaft in Deutschland vorstellt!“ Wie geht es weiter? Diese Frage brennt Volker Witte förmlich unter den Nägeln: „Wir wollen wissen, was Sache ist!“

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