Ein Vogel mit Ansprüchen

Ortolan-Population im Sulinger Land ist gefährdet

Die Eiche ist der vom Ortolan bevorzugte Baum.
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Die Eiche ist der vom Ortolan bevorzugte Baum.

Kirchdorf/Sulingen – Für eine Sekunde sieht es aus wie ein Rotkehlchen. Also für das ungeübte Auge. Nicht so für den Vogelkundler. Jörn Ramundt erkennt einen Ortolan, wenn er ihn denn sieht. Ramundt weiß allerdings auch genau, wie der Ortolan zwitschert: „Wenn man ihn hört, ist er auch leicht zu entdecken.“

Und weil aber eben nicht jeder weiß, wie ein Ortolan singt, und weil nicht jeder weiß, wie der Piepmatz aussieht, hatte Jörn Ramundt eigentlich vor, namens des Nabu-Ortsvereins Sulingen Führungen anzubieten. Interessierten Bürgern erklären, wie dieser Vogel wohnt, warum er gefährdet ist. Noch gibt es ihn nämlich. „Der Ortolan steht auf der Roten Liste für Niedersachsen. Das heißt, er ist vom Aussterben bedroht. Bundesweit wird er als gefährdet eingestuft“, erklärt Ramundt. Die Führungen müssen ausfallen, aufgrund der Pandemiebestimmungen. Doch für 2022 plant Jörn Ramundt einen erneuten Versuch, zur Brutzeit von Mai bis Mitte Juni.

In Niedersachsen gebe es nur noch ein Vorkommen im Großraum des Wendlandes, dort halte der Vogel sich, auch aufgrund eines Schutzprogrammes, sehr gut. Und dann gibt es noch ein paar der Vögel im Bereich Sulinger Bruch, Kirchdorf, Barenburg.

So sieht ein Bereich aus, den der Ortolan bevorzugt: Ein naturnaher Weg, mit Bäumen, deren Äste über ein Feld ragen.

Diese Gruppe sei der Rest einer ehemaligen „westfälischen Population“, erklärt der Fachmann. Die westfälische Population zeichne sich durch einen „anderen Strophenaufbau“ aus. „Die verbliebenen maximal 45 singenden Männchen im Landkreis Diepholz sind der Rest dieser Variation.“ Ein Schutzgebiet in der Kuppendorfer Heide sei extra für den Ortolan ausgewiesen, „aber dort brütet er nicht mehr“, sagt Ramundt. Ortolane seien im Gebiet vom Wendland bis nach Nordbelgien noch bis in die 1980er Jahre angesiedelt gewesen.

Gefragt nach den Eigenschaften des Ortolans, listet Ramundt etliche Vorgaben auf, die der Vogel macht, bevor er sich tatsächlich niederlässt. Er sei aber schon seit sehr langer Zeit hier, „seit der Verbreitung des Ackerbaues in dieser Region“, präzisiert Jörn Ramundt. Allerdings mit wechselnden Verbreitungsgrenzen, je nach warmer oder kalter Jahreszeit.

Was genau macht das Gebiet hier so anziehend? „Im Raum Uchte, Vogtei, Barenburg fallen 100 Millimeter weniger Regen im Jahresdurchschnitt als in den angrenzenden Gebieten. Es herrschen leichte sandige Böden vor. Baumhecken und Waldränder sind erhalten geblieben. Diese drei Faktoren machen das Gebiet für den Ortolan äußerst anziehend und deshalb hat er sich hierher zurückgezogen.“

Der Ortolan brauche unbedingt einen Baum mit über das Feld hängenden Ästen, am besten Eiche. Ramundt hat im Bereich Borgstedt ein abgeerntetes Grünroggenfeld entdeckt, auf dem, wie er sagt, „mindestens drei Nester zerstört“ worden seien. In der Kombination von überhängenden Ästen, Getreidefeldern und nicht asphaltierten Wegen sei der Ortolan anzutreffen. So wie Ramundt ihn in Borgstedt gefunden hat, hat Fotograf Ole Krome aus Sulingen den Vogel im Raum Sulinger Bruch und Barenburg vor die Linse bekommen.

Grünstreifen könnten helfen, Brut zu retten

Ramundt hofft auf die zunehmenden Grünstreifen, die neben Ackerflächen „eingerichtet“ werden. In diesen Grünstreifen wären die Nester weniger gefährdet, als direkt auf den Getreidefeldern. Denn: „Der Ortolan ist, durch seine hohen Ansprüche an den Niststandort, auf wenige Bereiche festgelegt.“

Laut Ramundt ist der Ortolan deshalb direkt von der Landwirtschaft abhängig, eben weil er in den Getreidefeldern brütet. Das Problem: „Durch den Bau der Biogasanlagen haben die Landwirte ein Auskommen auch auf schlechteren Böden gefunden. Diese Entwicklung gefährdet den Bruterfolg. Der Ortolan kann nicht in den Maisfeldern brüten und damit entfallen günstige Brutflächen.“ Zum Brüten benötigt der Ortolan (Grün-)Roggen. Da dieser unreif geerntet werde, werde das Nest zerstört. „Und bei späteren Ernten, etwa Ende Mai bis Mitte Juni, werden auch die Jungen getötet.“

Fotograf Ole Krome hat den Ortolan im Raum Sulinger Bruch und Barenburg vor die Linse bekommen.

Warum zieht der Ortolan nicht einfach weiter? „Der Ortolan ist kein Zugvogel“, erklärt Ramundt. Ein zerstörtes Gelege könne nicht ersetzt werden. Und das sei bei einer Lebenserwartung von etwa zwei bis drei Jahren dramatisch für die Vermehrungsrate, mahnt Jörn Ramundt und stellt klar: „Ich möchte nicht den Landwirten die Schuld zuweisen.“ Ramundt wirbt für eine „Kooperation auf wertvollen Flächen, von der auch der Landwirt profitieren kann. Das ist die einzige Möglichkeit, diese Art in Niedersachsen, und vor allem hier, zu erhalten.“

Aktuell befinde er sich in Gesprächen mit einem Landwirt und hoffe, ihn für eine solche Kooperation gewinnen zu können.

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