Sucht- und Eingliederungshilfe von „Bethel“: Hilfsanfragen steigen nach dem Lockdown

Nachteile für chronisch Kranke

Martin Hoppe und Jana Dembowski ziehen ein erstes Fazit nach personellen Veränderungen auf Leitungsebene.
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Martin Hoppe und Jana Dembowski ziehen ein erstes Fazit nach personellen Veränderungen auf Leitungsebene.

Freistatt – Das klingt, zunächst, ganz positiv: Die Veränderungen in der Geschäftsführung in der Leitungsebene von Bethel im Norden laufen gut. Martin Hoppe als neuer Leiter der Sucht- und der Eingliederungshilfe bestätigt das, was er zum Amtsantritt angekündigt hatte: Die Bereiche greifen ineinander, die Klientel ist oftmals dieselbe. „Aber wir stehen vor großen Herausforderungen“, sagt Hoppe.

Welche? „Wir konnten Klienten nicht so aufnehmen, wie bisher.“ Coronabedingt gab es Auflagen und mussten notwendige Bauarbeiten durchgeführt werden: Aufgrund der Vorgaben waren Einzelbäder einzubauen, Brandschutzbestimmungen „flammten auf“ – und dann waren die bestellten notwendigen Türen nicht lieferbar.

Und immer habe gegolten: Gut aufpassen, damit keine Infektionen ausbrechen. Tatsächlich habe es einzelne Covid-19-Fälle gegeben, allerdings habe keiner der Erkrankten einen schweren Krankheitsverlauf gezeigt. Und eine Ausbreitung habe verhindert werden können.

Jana Dembowski, ehemalige Leiterin des Hauses Fernblick, ist nicht neu in der Arbeit für Bethel, aber als Besetzung der neuen Stabsstelle „Qualitätsmanagement und Compliance“. Die sei entwickelt worden, weil man festgestellt habe, dass das Bundesteilhabegesetz ein „dickes Brett“ ist, sagt Martin Hoppe.

Um dem gerecht zu werden, habe der Vorstand bei Bethel im Norden entschieden, die inhaltsreiche Arbeit aus dem Aufgabenbereich der Leitung der Eingliederungshilfe auszugliedern. Jana Dembowski kümmert sich im Rahmen des Qualitätsmanagements zudem um die Mitarbeiter, etwa in Sachen Schulungen.

„Leute sind in ihren Wohnungen versauert“

Jana Dembowski benennt deutlich, was in den zurückliegenden Monaten geschehen ist: „Die Leute sind in ihren Wohnungen versauert.“ Es habe vielfach Aufnahmestopps für psychiatrische Patienten gegeben. Ein Grund: die Angst davor, dass eine Situation „wie in Italien“ auf die Einrichtungen zukommt. Ein anderer: Es wurden Kapazitäten für etwaige Corona-Erkrankte geschaffen.

Diese Patienten der Sucht- und Eingliederungshilfe aber hätten am meisten unter der Isolation und den Beschränkungen während des Lockdowns gelitten. Die Kapazitäten seien derweil wieder auf „normal“ umgeplant.

Allerdings dauere die Umstellung, laut Hoppe und Dembowski. Die Betreuer seien aktiv in der Kommunikation. Hoppe und Dembowski weisen darauf hin, dass es viele Patienten gebe, die hätten betreut werden müssen, es aber nicht wurden. Soll heißen: Wenn der Patient nicht um Hilfe ersucht, kommt keiner. Jana Dembowski: „Ich kann mir vorstellen, dass die Suizidgefahr deutlich größer ist.“

Gut scheint daher, dass aktuell eine „Anfragewelle“ Patienten in die diversen Institutionen treibe: „Jetzt braucht jeder deutliche Unterstützung, egal, ob suchtkrank oder wohnungslos“, sagt Dembowski mit Blick auf Eingliederungs- und Suchthilfe. Sind auch neue Patienten darunter? Eher weniger, vornehmlich seien die Klienten bekannt, sagt Hoppe. In den zurückliegenden Monaten sei deren gestiegener Alkoholkonsum nicht aufgefallen – weil allgemein mehr Alkohol konsumiert worden sei. Und: „Wer jetzt akut ein solches Problem entwickelt, kommt nicht zu uns in die Einrichtungen.“ Für akute Fälle gebe es andere Anlaufstellen, in Freistatt seien es eher chronisch Erkrankte, die betreut werden.

Jana Dembowski erzählt aus dem Alltag in Freistatt während der jüngsten Monate: In allen Einrichtungen sei voll gearbeitet worden, es habe keine hohe Fluktuation unter den Bewohnern gegeben, die Wohnheime seien immer gut belegt gewesen.

„Personenzentrierte Arbeit“ als Vorgabe

Vorgabe: Die personenzentrierte Arbeit, die Martin Hoppe angekündigt hatte. Beispiel Wohngruppen, die unterschiedlich von den Bewohnern her zusammengestellt seien, mit unterschiedlichem Betreuungsbedarf, an unterschiedlichen Standorten. Für alle aber gelte: Sie wohnen inmitten einer „regulären“ Nachbarschaft. Eine weitere Vorgabe: Sie dürfen nicht zu groß werden. „Man sieht nicht, dass es eine unserer Wohngruppen ist“, erklärt Dembowski.

Die Stigmatisierung sei schon hoch, da müsse es nicht noch eine herausstehende Wohnform sein. Nein, man habe erstaunlich wenig Ärger in den Ortschaften. „Aber, um das klarzustellen: Wir sind für unsere Klienten in den Wohngruppen da – nicht für die Leute drumherum“, betont Dembowski. Die müssten das auch mal aushalten – „weil alle Menschen verschieden sind.“

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