Betrieb soll zu spät auf Infektionen reagiert haben

Corona-Ausbruch auf Spargelhof im Kreis Diepholz: Erntehelfer erheben schwere Vorwürfe

130 Corona-Infektionen wurden auf einem Spargelhof unweit von Sulingen festgestellt. Eine der infizierten Personen soll sich in schwerem Zustand befinden, berichten einige Mitarbeiter.

Kirchdorf - Nach dem Corona-Ausbruch auf dem Spargelhof Thiermann in Kirchdorf erheben einige Erntehelfer schwere Vorwürfe. Im Gespräch mit der „Deutschen Welle“ werfen sie dem Unternehmen vor, verspätet auf die ersten Infektionsfälle reagiert zu haben. Außerdem sollen die Hygienevorschriften missachtet worden sein. Fünf Mitarbeiter sollen sich zum Zeitpunkt der anonym geführten Gespräche im Krankenhaus befunden haben, darunter eine Person in schwerem Zustand.

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Von den etwa 1200 Mitarbeitern auf dem Spargelhof bei Diepholz – darunter Hunderte Saisonarbeiter, aber auch etliche Festangestellte – stammen nach Angaben der „Deutschen Welle“ 412 aus Polen. Sechs von ihnen berichten, dass die Belegschaft erst am 28. April durchgetestet wurde, obwohl die ersten positiven Corona-Fälle bereits am 18. April festgestellt worden waren. „Diese verspätete Reaktion könnte die massive Verbreitung erklären“, schreibt der Autor der Recherche auf Twitter. Die ersten Schnelltests sollen außerdem erst drei Wochen nach der Ankunft der Saisonarbeiter verteilt worden sein.

Corona-Ausbruch bei Diepholz: Über zehn Tage zwischen ersten Corona-Fällen und PCR-Testreihung

Im Gespräch mit der Kreiszeitung bestätigt Seniorchef Heinrich Thiermann, dass die ersten Infektionen am 18. April entdeckt wurden. „Als es am 18. April zu der ersten Infektion kam, begannen wir mit regelmäßigen Testungen und wurden dann, als vermehrt positive Fälle auftraten, am 29. und 30. April mit den PCR-Reihentestungen vom DRK und Gesundheitsamt des Landkreises Diepholz unterstützt“, sagte er. Nach seiner Aussage wurden seit Beginn der Saison Schnelltests für alle Mitarbeitenden zur Verfügung gestellt, allerdings nicht alle Beschäftigte hätten das Angebot angenommen.

Bei der Arbeit auf dem Spargelhof sei ein Mindestabstand zwischen Mitarbeitern nicht immer möglich.

Dass es zu einer zehntägigen Verzögerung zwischen den ersten Corona-Infektionen und der PCR-Reihentestung kam begründet Mareike Rein, Pressesprecherin des Landkreises Diepholz, gegenüber kreiszeitung.de so: „Die ersten drei Fälle in dem Infektionsgeschehen wurden in Kalenderwoche 16 festgestellt. War anfänglich noch von einem eingrenzbaren Infektionsgeschehen auszugehen, stellte sich dieses nach Befund der ersten acht COVID-19-Fälle diffus dar, sodass der Landkreis Diepholz am 29. April eine erste Reihentestung in dem Betrieb durchführen ließ.“

Corona-Ausbruch: Mitarbeiter in Arbeitsquarantäne reisen ab – und müssen nun Bußgelder zahlen

Die fehlende Einhaltung der Abstandsregeln hätte außerdem den Corona-Ausbruch begünstigt, berichtet die „Deutsche Welle“. Eine Arbeiterin erzählt, dass zunächst ihre Mitbewohnerin krank wurde und anschließend sie selbst: „Am Fließband können wir keine Abstände einhalten“, sagte sie der „Deutschen Welle“. Im Interview verneint Heinrich Thiermann diesen Vorwurf.

Aus der Belegschaft heißt es weiter, dass etwa 100 Mitarbeiterinnen aus einem Hotel gestreikt hätten und für zwei Tage nicht bei der Arbeit erschienen sind. Aus Angst, aber auch weil sie bessere Löhne gefordert hätten. Das Unternehmen sei auf die Forderung nicht eingegangen: „Sie wussten, dass wir eh nicht wegkönnen“, so eine Mitarbeiterin.

Der Stundenlohn läge bei 6,80 Euro netto, die Unterkunftskosten bei 9,80 Euro pro Tag. Nur die Erkrankten bekämen allerdings weiterhin Lohnfortzahlung, deswegen wollten viele Erntehelfer zurück auf die Felder. Heinrich Thiermann betonte im Interview mit kreiszeitung.de, keiner der Arbeiter und Arbeiterinnen erhalte weniger als den gesetzliche vorgeschriebenen Mindestlohn – viele sogar mehr.

Auf einem Spargelhof in Diepholz kam es zu mindestens 130 Corona-Infektionen.

Einige Mitarbeiter seien trotz Arbeitsquarantäne nach Polen gereist. Thiermann bestätigt, dass einige Mitarbeiter abgereist seien. „Diese sind polizeilich gemeldet. Der Anspruch auf die Lohnzahlung verfällt dadurch nicht. Allerdings wurden Bußgelder durch die Behörde für das unerlaubte Abreisen in uns unbekannter Höhe angekündigt“, erklärte er der Kreiszeitung.

Nachdem einige Mitarbeiter trotz Arbeitsquarantäne in einem Supermarkt gesehen worden waren, wurde Anfang Mai ein Sicherheitsdienst damit beauftragt, die Erntehelfer rund um die Uhr zu kontrollieren.

Corona-Ausbruch auf Spargelhof: Mittlerweile weniger Menschen in Quarantäne

Da sich das Infektionsgeschehen mittlerweile deutlich eingrenzen lässt und die Infektionszahlen im betrieblichen Umfeld rückläufig sind, hat der Landkreis Diepholz am Mittwoch die Allgemeinverfügung nun angepasst.

Die sogenannte Arbeitsquarantäne betreffe nur noch Menschen, die mit infizierten Personen des Betriebes zusammen gewohnt haben oder mit engem Kontakt hatten, da die Durchmischung der Wohnenden unter virologischen Gesichtspunkten die Gefahr einer Ansteckung begünstige.

Insgesamt habe es 130 bestätigte Infektionen gegeben, von den Betroffenen seien noch rund 100 in Quarantäne. (mit Material der dpa) * Kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Bodo Schackow

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