Machenschaften mit der Mauer?

Kunst-Krieg um Knoerig

Das sogenannte „Bruderkussgemälde“ ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten an der Berliner East Side Gallery. Künstler haben sich am längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer verewigt, und den Ort mit ihren Kunstwerken umgedeutet.
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Das sogenannte „Bruderkussgemälde“ ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten an der Berliner East Side Gallery. Künstler haben sich am längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer verewigt, und den Ort mit ihren Kunstwerken umgedeutet.

Der Berliner Künstler Kani Alavi wirft dem Bundestagsabgeordneten Alex Knoerig vor, die East Side Gallery unterwandert und Fördergelder für ein Digitalisierungsprojekt an einen befreundeten Geschäftsmann aus Bassum geleitet zu haben. Der aktuelle Vorstand des Künstlervereins stellt sich an die Seite des Vizevorsitzenden Knoerig.

Landkreis / Berlin – Ein umtriebiger Provinzpolitiker, der einen angesehenen Verein in der Hauptstadt untergräbt, um Fördergelder abzugreifen und seine Gefolgsleute damit zu versorgen – und auf der anderen Seite ein ausgebeuteter und ausgebooteter Künstler: Stoff für einen Fernsehkrimi, den die Zeitschrift „Der Spiegel“ kürzlich im Zusammenhang mit der berühmten East Side Gallery berichtet hat. Hauptpersonen: Der Berliner Künstler Kani Alavi und der heimische Wahlkreis-Abgeordnete Axel Knoerig (CDU) sowie in einer Nebenrolle als Profiteur der Bassumer Unternehmer und Kommunalpolitiker Michael Gillner (ebenfalls CDU).

Die East Side Gallery ist einerseits das längste noch verbliebene Teilstück der Berliner Mauer. Im Frühjahr 1990 wurde dieses Teilstück von 118 Künstlern aus 21 Ländern auf einer Länge von 1316 Metern bemalt. East Side Gallery ist gleichzeitig auch der Vereinsname der Künstlerinitiative, die sich dem Erhalt dieses Gesamtkunstwerks verschrieben hat. Mehrfach von Abriss bedroht, ist das Mauerstück seit 2018 im Besitz der Stiftung Berliner Mauer. Die Künstlerinitiative East Side Gallery kümmert sich im Auftrag der Stiftung um den Erhalt der Gemälde.

Satzungsänderung erlaubt auch Nicht-Künstlern die Mitgliedschaft

Kani Alavi war 1996 einer der führenden Köpfe dieser Künstlerinitiative und lange Jahre Vorsitzender. Er und Axel Knoerig kennen sich seit über 20 Jahren. Bis vor Kurzem waren sie noch befreundet. Heute sagt Kani Alavi über Axel Knoerig: „Er ist mein Feind. Er hat mich all die Jahre nur ausgenutzt.“ Knoerig nennt das „der helfenden Hand in die Finger beißen“ und sagt angesichts der langen Freundschaft: „Das tut besonders weh.“

Er ist mein Feind. Er hat mich all die Jahre nur ausgenutzt.

Kani Alavi

Gefragt, worum es überhaupt geht, hört Kani Alavi gar nicht wieder auf, zu erzählen. Er spricht dabei unstrukturiert, wirkt aufgewühlt, durcheinander, mitunter ein bisschen wirr. Die Kurzfassung lautet: Ursprünglich durften nur Künstler Mitglied der Initiative sein. Eigens für Axel Knoerig hatte der Verein seine Satzung geändert. Knoerig habe sich dann als Vize in den Vorstand wählen lassen und dann sehr schnell die Künstler rausgedrängt und durch Leute aus seinem persönlichen Umfeld ersetzt. Auch Alavi selbst.

Warum? Der Spiegel sagt’s nur indirekt und lässt den Leser die entscheidenden Schlüsse selbst ziehen. Alavi wird deutlich: „Um Geld an seinen Freundeskreis zu verteilen.“

An dieser Stelle kommt Michael Gillner ins Spiel, den Alavi ebenfalls seit rund 20 Jahren kennt und für den er auch schon in Bassum mehrere Projekte gemacht hat. Alavi führt ihn als ein Beispiel für Knoerigs angebliche Machenschaften an und auch der Spiegel nennt den Bassumer namentlich.

Axel Knoerig und Kani Alavi besuchen 2013 gemeinsam die Diepholzer Veranstaltung „Kunst in der City“.

Gillner betreibt eine Werbeagentur mit etwa 60 Mitarbeitern. Mit ihr hatte er sich auf eine Ausschreibung zur Digitalisierung der Mauerbilder beworben und den Zuschlag erhalten. Laut Alavi nur durch direkte Einflussnahme des zweiten Vorsitzenden Axel Knoerig, der seinem langjährigen Weggefährten Gillner einen Auftrag habe zuschustern wollen.

Vorstand der East Side Gallery weist alle Vorwürfe zurück

Der Vorstand der East Side Gallery sagt dazu in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Bei der Auftragsvergabe wurden die Förderrichtlinien eingehalten (u.a. drei Angebote eingeholt). Den Auftrag erteilte der Vorstand unter dem Vorsitz von Kani Alavi im Oktober 2019 der VideoArt GmbH, geführt von Michael Gillner. Dieser ist ein langjähriger guter Bekannter von Kani Alavi.“ Und weiter: „Das Digitalisierungsprojekt hatte ein Fördervolumen von ca. 230.000 Euro. Davon hat die Agentur als Generalunternehmer für die Digitalisierung 88.000 Euro erhalten. 68.000 Euro davon wurden für Künstlerhonorare und Lizenzgebühren aufgewendet sowie 4500 Euro als Spende der ESG gezahlt.“ Bleiben unterm Strich gut 15.000 Euro für Gillners Agentur. „Dafür haben wir auch über 1500 Stunden Arbeit in die Digitalisierung investiert“, sagt Michael Gillner.

Kani Alavi behauptet im Gespräch mit der Kreiszeitung, die Bewerbung sei fingiert gewesen. Alle drei Angebote seien angeblich von Gillner gekommen. „Das ist kompletter Blödsinn“, sagt Gillner. „Es hat Angebote von anderen Agenturen gegeben. Ich weiß noch nicht mal, von welchen. Alavi hat die doch selber auf dem Tisch gehabt.“ Gillner ärgern solche Behauptungen maßlos. „Ich bin gelernter Polizist. Bei mir gibt es keine krummen Touren!“

Kani Alavi (l.) und Michael Gillner von VideoArt vor einer original Stele der Berliner Mauer, die der Künstler 2018 von der East Side Gallery mit nach Bassum gebracht und für über 10.000 Euro an Gillner verkauft hatte.

Keine Entlastung als Vorstand: Kassenausgaben Alavis laut East Side Gallery nicht erklärt

Axel Knoerig möchte sich nicht zu den gegen ihn erhobenen persönlichen Unterstellungen äußern und verweist auf die Stellungnahme des Gesamtvorstands der East Side Gallery, der darin ausführlich auf zwölf Behauptungen aus dem Spiegel-Artikel eingeht. So sei Kani Alavi keinesfalls aus dem Vorstand gedrängt worden. Vielmehr habe ihm die Mitgliederversammlung die Entlastung verweigert, „nachdem Kassenausgaben nicht erklärt werden konnten.“ Dies sei Gegenstand eines Zivilrechtsstreits, der noch beim Gericht liege. Axel Knoerig engagiere sich seit über 20 Jahren ehrenamtlich für die East Side Gallery „und hat darüber hinaus auch eigene private Mittel für diesen ideellen Zweck aufgewendet“.

Wie er überhaupt in den Vorstand des Vereins gekommen ist, schildert Axel Knoerig selbst so: „Die East Side Gallery sollte abgerissen werden, weil Investoren Zugang zum Wasser wollten. Das ist in Teilen auch passiert. Der Verein hat sich irgendwann für Nichtkünstler geöffnet, und dann sind neue Mitglieder dazugekommen. Wir haben darauf hingearbeitet, dass das letzte Stück Berliner Mauer in seinem Originalzustand erhalten bleibt. Wir wollten das behalten. Mehr war das nicht. Das war mein politischer Impetus. Dass das nicht verschwindet.“.

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