HAUSGESCHICHTE(N): Die unendliche Sanierungsliste

Lena und Jörg Wantjer hauchen Hofstelle in Bahrenborstel neues Leben ein

Lena und Jörg Wantjer fühlen sich wohl in dem Haus, das sie über drei Jahre mit viel Hilfe von Familie und Freunden zumeist in Eigenregie saniert haben.
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Lena und Jörg Wantjer fühlen sich wohl in dem Haus, das sie über drei Jahre mit viel Hilfe von Familie und Freunden zumeist in Eigenregie saniert haben.

Bahrenborstel – Einen Blick auf das Anwesen hatten Lena und Jörg Wantjer schon länger geworfen. Auf dem Grundstück in der Ortsmitte von Bahrenborstel war es längst ruhig geworden – so ohne aktive Landwirtschaft und seit Jahrzehnten nur noch von einer älteren Bürgerin bewohnt. Eine bestimmte Veränderung – es fehlten plötzlich die frischen Blumen vor den Fenstern – lässt Wantjer handeln und nachfragen, ob er als Käufer in Betracht käme.

Kurz gefasst: Der junge Bahrenborsteler bekommt den Zuschlag.

„Manche nannten es mutig. Ich würde heute sagen, dass wir naiv genug waren“, blickt Jörg Wantjer zurück. Und Lena Wantjer bekräftigt: „Ich war skeptisch, aber die Lage und das super große Grundstück haben mir gefallen.“ Im Januar 2017 unterzeichnet das damals unverheiratete Paar den Kaufvertrag. Und dass sie heute tatsächlich verheiratet sind, das eigene Heim auf bisher 160 Quadratmetern genießen können und nicht die Baustelle „gewonnen“ hat, spricht Bände.

Das Paar ist Anfang 2017 eines der ersten aus der Clique, das sich ein eigenes Haus samt Grundstück zulegt. Im November 2020 gehören sie zu den letzten, die ins Eigenheim umziehen.

So sah das Haus an der Straße „In den Gärten“ im Jahr 2017 aus.

Dazwischen liegt eine nie enden wollende Liste an Entscheidungen. Wie sind sie die angegangen? Ein Gutachter hatte noch vor dem Kauf einen Blick auf alles geworfen. Das genaue Baujahr des Zweiständerhauses ist unbekannt. Jörg Wantjer: „1825 stand es bereits“, er erinnert sich an ein „geht alles, einigermaßen“ als Urteil bezüglich der Bausubstanz. Das klingt für den knapp 30-Jährigen wie grünes Licht: „Wir waren einfach so motiviert.“ Die Familien der beiden sind allerdings voller Skepsis.

Es gibt von Beginn an zwar ein Konzept, aber das stoßen beide im Laufe der Zeit immer wieder um. Die Ölheizung aus den siebziger Jahren läuft anfangs zwar gut, sei aber abenteuerlich installiert gewesen. Und als das Öl verbraucht ist, wird der Tank nicht wieder aufgefüllt. Es stellt sich heraus, dass kein richtiger Boden im Haus ist. Die Raumaufteilung soll erst so bleiben, mühevoll werden Tapeten abgelöst – dann doch Wände eingerissen. Das Dach soll eigentlich „noch gut“ sein, wird dann aber doch neu eingedeckt. Ein Giebel eines Nebengebäudes entpuppt sich dabei als instabil. Das Paar ersetzt ihn – Sekretärin Lena Wantjer und Helfer säubern die Steine, für die Wiederverwertung.

Der Aufbau erfolgte von Grund auf, ein Boden fehlte, als Wantjers loslegten.

Grundsätzlich ist von Anfang an geplant, möglichst viel selbst zu tun. „Ich habe mich aber lange nicht ans Mauern getraut“, sagt Jörg Wantjer, im Beruf Schlosser. Letztlich aber probiert er sich aus, unter Anleitung von Opa, und dann geht es Stein um Stein am Haus weiter.

Es gibt große Einsätze und kleine Arbeiten. Lena Wantjer hat literweise Farbe auf die Wände gebracht, die Ehemann Jörg aus Lehm aufgebaut hat. Das Ständerwerk im Inneren ist zwar massiv, aber das Paar hat ihm Raum gegeben, sodass es eher markant als einengend wirkt. Die weiß geputzten Wände bieten noch reichlich Quadratmeter für Deko-Ideen. Die massiven Türen im Eingangsbereich hat das Paar aus dem Münsterland geholt – die gusseisernen alten Schlösser und Bänder sind ein gelungener Hingucker. Nachteil: Die Türen sind nicht abschließbar.

Die alten Türen wurden neu aufgearbeitet – aber das massive gusseiserne Schloss samt der historischen Bänder, also der Scharniere, mit denen die Tür an der Zarge befestigt ist, ist ein echter Hingucker.

Eine weitere Reise führt das Paar nach Stuttgart. Hier hat Jörg Wantjer die passende Putzmaschine entdeckt, denn auch diese Arbeit erledigt das Paar selbst. Selbst heißt dabei nie: zu zweit. Beider Familien sind immer bereit, mitzuarbeiten und der große Freundeskreis ebenfalls. Anfangs habe sie noch alles akribisch aufgelistet, das aber irgendwann eingestellt, erinnert sich Lena Wantjer. Deshalb ist die Anzahl der Helfer ebenso unbekannt wie die der Stunden, die sie dem Paar schenken. Beide sind dankbar für diese stete Unterstützung – und müssen lachen ob der „Anteilnahme“ durch die Bevölkerung an der Baustelle: „Immer kam jemand vorbei, hielt an, fragte nach.“

Derweil wird aus der geplanten Restaurierung einer alten Hofstelle eine fast komplette Sanierung. Irgendwann stehen nur noch die Außenwände und die tragenden Innenbalken. Etliche werden ersetzt, andere vom schwarzen Ruß der Jahrzehnte in Kaminnähe gereinigt.

Die Fußbodenheizung gewinnt gegen einen Boden aus alten Holzdielen. Die Wände markieren irgendwann wieder einzelne Zimmer. Zwischenzeitlich Streit und Versöhnung und ein Jahr, in dem an fast jedem Wochenende Feiern anstehen und die Einsätze auf der Baustelle reduzieren. Das muss auch sein. Die Planungen für die eigene Hochzeit laufen auf Hochtouren und die erste Silvesterparty 2019/2020 läutet die Zielgerade für den Einzug ein. Da bricht die Pandemie aus. Die Hochzeit fällt anders aus, als eigentlich geplant.

Die Liste der 1 000 Kleinigkeiten am und im Haus scheint nie zu enden und so müssen es zwischendurch mal „große Arbeiten“ sein, mit sofort sichtbaren Resultaten. Etwa die Tannen vor dem Haus beseitigen. Gasheizung, Solaranlagen. Oder der Opa fertigt die großen Scheunentore. Dann ist das Bad fertig, die Küche, irgendwann sind die Wände gestrichen und die Fußleisten befestigt. Das Paar setzt sich mit dem Einzug am 1. November 2020 ein Ziel. Zwei Erwachsene, eine Bartagame und sechs Hühner definieren keine neue Landwirtschaft auf der alten Hofstelle. Hunde sollen noch folgen, Lena Wantjer denkt an eine Zucht. Der Umzug aus dem nur 500 Meter entfernten Heim im Elternhaus von Jörg Wantjer ist schnell erledigt, weil auch hierfür wieder viele Helfer einspringen.

Kieselpflaster nach alter Tradition vor dem historischen Haus verlegen lautet die Idee, das entpuppt sich als zehrende Prüfung für Geduld und Ausdauer.

Lehmwände kennzeichnen den Innenausbau des Hauses.

Tatsächlich angekommen sind Lena und Jörg Wantjer in ihrem Haus sofort nach dem Umzug. Zu viele Stunden haben sie über drei Jahre auf der Baustelle verbracht, um es nicht als „Zuhause“ ansehen zu können. Alte Baustoffe, alte Bautechniken bescheren dem Inneren einen ganz eigenen Charme.

Es bleibt genug zu tun, an den Außenanlagen, an den Nebengebäuden. Das Obergeschoss ist noch komplett unangetastet. Das junge Paar aber weiß geballtes (Handwerks-)Wissen bei Familie, Freunden – und mittlerweile ebenso bei sich selbst. Das Haus abzureißen und ein neues zu bauen ist auch im Nachhinein keine Option. „Dann hätten wir wohl nicht solche Nebengebäude und auch kein solches Haus“, sind sich Lena und Jörg Wantjer einig.

Unsere Serie „Hausgeschichte(n)“

Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

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