Zeitreise durch bewegtes Leben

Kuppendorfer Helmut Menze feiert 90. Geburtstag im Familienkreis

Sieben Urenkel hat Helmut Menze, hier Finjan (6) und Marlisa (4).
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Sieben Urenkel hat Helmut Menze, hier Finjan (6) und Marlisa (4).

Kuppendorf – Die Bilder an der Wand zeigen: Hier bleiben liebe Menschen lebendig, auf jenen Fotos, in den Erzählungen. Mit Helmut Menze auf eine Zeitreise zu gehen ist ein Abenteuer. Er feiert am 20. Juni seinen 90. Geburtstag. Neun Jahrzehnte, die angereichert sind von Schicksalsschlägen, frohen Momenten – eben ein ganzes Leben voll.

Helmut Menze wird in Kuppendorf geboren. „Hier in diesem Haus“, sagt der Senior beim Gespräch in der Stube. Er habe immer gesagt, das Jahr 2000, das möchte er wohl mal überleben. „Und nun haben wir schon 2021.“ Die Hofstelle der Familie heißt heute noch „Menze“. „Aber er ist der Einzige, der noch so heißt“, sagt Tochter Marita, verheiratete Meyer, deren Familie hier wohnt. Schwester Elke Förthmann ist in Scharringhausen zu Hause. Von Menzes 1954 geborenen Zwillingsschwestern ist eine verstorben, die andere wohnt im Nachbarlandkreis.

Helmut Menze ist zehn Monate alt, da stirbt die Mutter, der Vater heiratet erneut – seine Schwägerin. Eingeschult wird Menze 1937, noch in Kuppendorf. Der Vater ist der älteste von sechs Jungs, zwei sterben im Kindesalter. Es gibt Zwist auf dem Hof. Helmut, Vater und Mutter ziehen nach Klein Lessen. Einer der Onkel fällt im Zweiten Weltkrieg, ein anderer bleibt vermisst in Russland, ein weiterer ist Maurer. Der Vater ist in Gefangenschaft.

Menze trägt Zeitungen aus: „Die waren immer mit einem unbeschrifteten Blatt eingewickelt. Das haben wir uns gesichert, für die Schule. Es gab ja keine Schreibhefte.“ Es gibt ein Foto, das zeigt die Austräger der Kreiszeitung im Jahr 1943. „Danach wurde der Druck der Zeitung in Sulingen eingestellt“, erinnert sich Menze. Er deutet auf sich, den Steppke, und auf einen Mann, rechts vor ihm. Der wird später einmal sein Schwiegervater. Das weiß Menze aber 1943 natürlich noch nicht.

Der Steppke ist gefragt in der Gegend: „Dieser Junge, der kann Kühe mit der Hand melken.“ Wollte er immer schon Landwirt werden? Menze lacht herzhaft, schüttelt den Kopf: „Nein. Tischler. Durfte ich aber nicht.“ Die Lehre absolviert er auf den Höfen Reinekehr und Burkohl in Lessen. „Zum Geburtstag 1948 gab es die D-Mark“, sagt Menze und lächelt. Das ist für den jungen Mann ein Meilenstein. Er will (und muss) Geld verdienen, wechselt in die Ziegelei nach Hemsloh. Stundenlohn: 87 Pfennig. „Das war aber Saisonarbeit. In den Wintermonaten Dezember bis Februar war kein Brennen möglich, da war es zu kalt für die Ziegel.“ Wenn er anderen Arbeitgebern offen gesagt hatte, dass er nur in den Wintermonaten würde bei ihnen bleiben können, hätten die abgewunken. Was hat er denn dann macht? „Gestempelt. Vier Jahre, Dezember, Januar und Februar.“

Beim Arbeitsamt haben sie ihn gefragt, ob er auch woanders arbeiten würde, etwa im „Pütt“. Doch die Ärzte dort stellen die Beule am Handgelenk fest – es war einmal gebrochen. Menze wird wieder nach Hause geschickt. „Ich wollte arbeiten. Was, das war egal.“

Helmut Menze erinnert sich, als wäre es gestern, hält die Tränen nicht zurück: „Es ist der 9. November 1948 und ich komme vom Kirchdorfer Markt zurück. Das Haus ist hell erleuchtet... das habe ich nicht verstanden, warum... Und dann sitzt der Vater auf dem Sofa, nach Jahren...“.

Helmut Menze wechselt zur Molkerei nach Varrel. Zwei Jahre. Er aus der Region, alle anderen Flüchtlinge.

1954 komplettieren die Mädchen die Familie, die weiterhin in Klein Lessen wohnt. Wer aber übernimmt den Hof in Kuppendorf, als der Großvater 1954 stirbt? Die Familie zieht zurück nach Kuppendorf.

Landwirtschaft als Nebenerwerb (das ist sie noch heute), Helmut Menze arbeitet als Milchkontrolleur. Kennt jede Kuh in Kirchdorf.

Und wie lernt er seine Ehefrau kennen? „Durch einen Zufall.“ Eine seiner Schwestern ist in Deblinghausen in Stellung und an einem Sommertag zu Besuch, die Familie wohnt da noch in Klein Lessen. Sie bittet den Bruder, sie ein Stück auf dem Heimweg zu begleiten, die beiden radeln gemeinsam bis Kirchdorf, bevor Helmut Menze umdreht. Och. In Barenburg ist Schützenfest. Kann man ja mal vorbeigucken...

Helmut Menze im Kreis der Zeitungsausträger 1943. Er ist der Steppke hinten links, zufällig mit auf dem Foto: Sein künftiger Schwiegervater, rechts vor ihm.

Und so trifft er auf Ilse Kramer aus Schäkeln. „Wir kannten uns schon, seitdem wir drei Jahre alt waren. Da haben wir schon zusammen gespielt“, erinnert sich Menze an seine Ehefrau, die 2010 verstorben ist. Dem Paar werden zwei Töchter geboren, 1956 Marita und 1959 Elke. Menze ist in der Feuerwehr als Maschinist aktiv, gehört heute den Alterskameraden an. Bei den Schützen ist er eben so im Einsatz, als einer von zwei Schießwarten. 1985 regieren Ilse und Helmut Menze das Heerde-Kuppendorfer Schützenvolk. Die Pflege von Denkmal und Friedhof ist Menzes gerne erledigte Aufgabe gewesen. Letztere blieb in der Familie, bei Enkel Dennis. Das Läuten beim Friedhof muss er nicht mehr persönlich erledigen, das ist automatisiert.

Fünf Enkelkinder und sieben Urenkel gibt es, alle wohnhaft „in der Nähe“ oder direkt nebenan. Zum Mittagessen kommt, wer es einrichten kann. Helmut Menze schält die Kartoffeln. Mit Blick auf die Familienfotos – Ahnenforschung ist sein Steckenpferd. Und die Tischlerei? Menze schüttelt den Kopf. Damit hat er nie angefangen. Aber halt – ist nicht Enkel Kevin in dem Handwerk beruflich tätig?

Am Sonntag gab es zahlreiche Gratulanten auf dem Hof Menze. Und Raum für viele Erinnerungen.

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