Kreisbrandmeister Michael Wessels im Gespräch

„Können nicht alle Feuerwehren retten“

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Kreisbrandmeister Michael Wessels hat seit einem Jahr nur einen Stellvertreter – Hartmut Specht. Aber heute Abend stellt sich ein weiterer Stellvertreter und Abschnittsleiter Süd in Wehrbleck zur Wahl: ein wichtiger Abend für die Kreisfeuerwehr.

Twistringen - Sie sind immer zur Stelle, wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen: Mehr als 5.000 freiwillige Feuerwehrkräfte engagieren sich im Landkreis Diepholz. An der Spitze steht Kreisbrandmeister Michael „Mike“ Wessels. Immer mehr Sturmeinsätze, immer weniger Mannschaftsstärke in den kleinen Wehren – die Kreisfeuerwehr steht vor enormen Herausforderungen. Im Interview nimmt der Kreisbrandmeister Stellung zu aktuellen Themen. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius will das Alter aktiver Feuerwehrkameraden von 63 auf 67 Jahre anheben. Begrüßt die Kreisfeuerwehr Diepholz das?

Michael Wessels:

In weiten Teilen schon. Wir haben alle freiwilligen Feuerwehren in den 15 Kommunen unseres Landkreises gefragt: Die Mehrheit war für die Anhebung der Altersgrenze. Wir, die Kreisfeuerwehr-Spitze, finden das auch in Ordnung. Wir wissen aber auch, dass wir damit nicht alle Feuerwehren retten können. Die Anhebung der Altersgrenze ist ja nur eine Verschiebung des Problems für vier Jahre. Aber diejenigen unserer Kameraden, die noch fit sind, haben jetzt die Möglichkeit, auch weiterhin am aktiven Dienst teilzunehmen. Wer das nicht möchte, kann in die Alters- und Ehrenabteilung überwechseln.

Die Führungsspitze der Kreisfeuerwehr muss seit einem Jahr enorm viel Arbeit schultern, weil der Posten des Abschnittsleiters Süd und stellvertretenden Kreisbrandmeisters nicht besetzt ist. Gibt es am Dienstagabend bei der großen Zusammenkunft in Wehrbleck eine Lösung?

Wessels: Wir haben nach einjähriger Suche jetzt jemanden gefunden, der diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen will. Er hat das mit seinem Arbeitgeber und seiner Familie abgesprochen. Heute Abend stellt er sich den 117 Ortsbrandmeistern und den 15 Stadt- und Gemeindebrandmeistern vor. Ihr Votum ist entscheidend, sie haben die Wahl.

Zurück zur Anhebung der Altersgrenze. Kann das eine Chance insbesondere für die Stabilität und die Selbstständigkeit kleiner Ortsfeuerwehren sein?

Wessels: Nein! Das kann es nicht. Denn diese Wehren haben ein ganz anderes Problem, das in der Demografie zu suchen ist. Es gibt zu wenig Geburten, und die jungen Menschen, die nachkommen, ziehen oft aus beruflichen Gründen aus dem Ort weg.

Heute haben wir 117 Ortswehren im Landkreis. Hand aufs Herz: Wie viele werden es 2050 sein?

Wessels: Deutlich unter 100.

Sind die Kleinen nicht schon heute bei großen Einsätzen auf ihre benachbarte Stützpunktwehr angewiesen?

Wessels: Natürlich! Wir haben das Problem schon vor zwei Jahren erkannt und eine neue Alarm- und Ausrückeordnung verabschiedet, die seit 2016 gilt. Je nach Einsatzmeldebild werden die entsprechenden Einsatzmittel – Mannschaft und Gerätschaften – alarmiert.

So ist sichergestellt, dass zu jeder Zeit passgenaue Hilfe zur Verfügung steht?

Wessels: Genau. Die kommunalen Feuerwehren hatten die Aufgabe, die Züge und Gruppen entsprechend ihrer Struktur zusammenzustellen. Somit ist sichergestellt, dass den Bürgern unseres Landkreises, von Stuhr bis Lemförde, überall die gleiche Hilfe zuteilwird.

Wie hat sich die Zahl der Feuerwehr-Einsätze entwickelt?

Wessels: Wir liegen jetzt bei rund 2.100, Stand Anfang Dezember. 2016 hatten wir im gleichen Zeitraum 1.500 Einsätze. Diese enorme Steigerung hat auch etwas mit den Unwetterlagen zu tun. In den vergangenen Jahren hatten wir im Schnitt zwischen 1.500 und 1.700 Einsätze.

Und wie hat sich das Problem Gaffer entwickelt?

Wessels: Wie im Bundesgebiet auch. Da stellen wir als Landkreis Diepholz keine Ausnahme dar. Natürlich sind Gaffer mit ihren Smartphones bei allen Einsätzen dabei und behindern – nicht alle, aber einige – die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit. Nach Ansprache fehlt vielen die Einsicht, sich aus dem Gefahrenbereich herauszuhalten. Dabei bewegen sie sich in einem strafrechtlichen Rahmen, wenn sie ihre Fotos oder Videos in den sozialen Netzwerken veröffentlichen.

Was wünscht sich der Kreisbrandmeister für das Jahr 2018?

Wessels: Grundsätzlich mehr Respekt und Verständnis der Bevölkerung – gerade auch bei Großschadenslagen wie Unwetter. Verständnis dafür, dass wir nicht extrem zeitnah an allen Einsatzorten gleichzeitig sein können, wenn zum Beispiel Bäume auf der Fahrbahn liegen. Man sollte auch den gesunden Menschenverstand walten lassen und schauen, ob man sich vielleicht selber helfen kann.

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