Hightech reinigt Ammoniak

Hochmoderne Ferkelzucht: Klimaanlage sorgt für frische Luft

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Rechts im Bild befindet sich in der Schräge der Abzugkanal der modernen Belüftungsanlage.

Bahrenborstel - „Tiere produzieren Schadstoffe“, sagt Heinrich Dönselmann-Theile. Es ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung für seine Arbeit. Der gelernte Elektromeister stellt mit seiner Firma Klimaanlagen für Tierställe her.

Denn genau wie eine Wohnung muss auch in einem Stall regelmäßig gelüftet werden – nur dass dabei neben dicker Luft auch Ammoniak und andere schädliche Gase entweichen können. In Bahrenborstel ist vor rund einem Jahr ein Stall entstanden, der genau das verhindern will. Er gewinnt bis zu 70 Prozent der Wärme beim „Lüften“ zurück, filtert rund 90 Prozent der Schadstoffe aus der Luft – und ist über das Handy steuerbar.

„Ich baue nicht einen Stall, um darin zu arbeiten“, sagt Bernd Förthmann, während er mit dem Auto die 1,5 Kilometer zu seinem neuen Schweinestall fährt. Schnell wird klar: Förthmann ist kein Landwirt mehr, wie man ihn sich noch vor 50 Jahren vorgestellt hat. In schicken Schuhen, Jeans und Lederjacke fährt er an einer Blühwiese und einem riesigen Güllesilo vorbei, bis er schließlich vor einem fabrikähnlichen Gebäude zum Stehen kommt: einem Schweinestall der Zukunft. Förthmann hat das Treckerfahren gegen Büroarbeit und lange Zahlenkolonnen eingetauscht. Vier Mitarbeiter und ordentlich Rechenpower: Mehr braucht es nicht mehr, um einem modernen Schweinezuchtbetrieb zu unterhalten.

Demonstrieren die vernetzte Schweinehaltung: Heinrich Dönselmann-Theile (hdt Anlagenbau, v.l.), Stefan Meyer (Landvolk Kreisverband Diepholz) und Bernd Förthmann (Betriebsleiter).

600 Alt-Sauen auf seinem Hof sowie 100 Jung-Sauen, 200 Mastschweine und 2 300 Ferkel in seinem Stall-Neubau zählt Förthmanns Betrieb. Verkaufte Ferkel im Jahr: rund 20 000. Damit zählt der Betrieb zu den Größeren seiner Art.

Stallbesuch wirkt wie ein Bürobesuch

Wer die Stallanlage betritt, den erwartet ein wohnlicher Flur, der zu einem Umkleideraum und einer kleinen Dusch-Nische führt. An den Wänden: Haken mit blauen Arbeitsanzügen, Bilder, Kalender. Auf den Fliesen mit Fußbodenheizung stehen Crocs und Gummistiefel. Seine drei Mitarbeiter und die gelegentlichen Besucher sollen es gemütlich haben, sagt Bernd Förthmann. Ein Stallbesuch ist aus seiner Sicht nichts anderes als ein Bürobesuch. Entsprechend gibt es auch eine kleine Küche als Aufenthaltsraum. Mit den spinnenverwebten Fachwerk-Ställen aus der Vergangenheit hat das nichts mehr zu tun.

Eine Tür weiter wird es technisch. Hunderte Kabel und Leitungen verlaufen an Wänden und Decken. Zähler erfassen jeden Liter Wasser und jede Kilowattstunde Strom. Die Daten funken sie in Echtzeit an die Rechner.

Der komplette Schweinestall wird zentral über eine Computereinheit gesteuert.

In den insgesamt acht Ferkelställen summen die Lüfter, immer wieder dringt ein Quieken durch die Holztüren und verhallt in dem langen Flur, der die einzelnen Abteile miteinander verbindet.

Hier kommt die Technik von Heinrich Dönselmann-Theiles Firma hdt Anlagenbau aus Diepholz zum Einsatz. Ihr Ziel: 19 Grad Celsius bei den Sauen und 21 bis 30 Grad, je nach Alter und Gewicht, bei den Ferkeln – und das möglichst konstant. Unter den Spaltböden wird die verbrauchte, schadstoffhaltige Luft abgesogen und fließt von dort in ein kleines grünes Haus, das auf dem Dach der Halle steht.

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Riesige Wärmetauscher gewinnen dort, je nach Außentemperatur, einen Großteil der Wärme aus der Abluft zurück und leiten diese wieder in den Stall. Ein kompliziertes Klappensystem sorgt dafür, dass in jedem Stall die richtige Temperatur herrscht, Computer überwachen jedes Grad Celsius.

Stall-Emissionen praktisch nicht mehr vorhanden

Und was passiert mit Ammoniak und Co.? Sie werden durch sogenannte Bio-Wäscher gereinigt, bei denen ein Bakterienfilm wie in einer Biogasanlage die Schadstoffe bindet, erläutert Dönselmann-Theile. Emissionen in der Abluft gebe es dann praktisch keine mehr. Mit den Worten von Landwirt Bernd Förthmann: „Wir machen uns unsichtbar.“

Problematisch wird es allerdings, wenn der Strom ausfällt. Da der Zwei-Millionen-Euro-Stall kaum Fenster zum Öffnen hat, sind die Tiere auf die Belüftung angewiesen. „Innerhalb der ersten halben Stunde würde hier das Sterben losgehen“, macht Dönselmann-Theile deutlich. Deswegen sind in dem Stall mehrere Notsysteme installiert. Es gibt Akkus für die kurzfristige und Strom-Aggregate für die mittelfristige Stromversorgung.

Um die Technik im Stall zu erklären, ist einiger Aufwand gefragt.

Die Luftfilterung hat aber auch sonst ihre Tücken und treibt den beiden auch mal die Zornesröte ins Gesicht. 120.000 Euro musste Förthmann 2005 in eine neue Filteranlage für den Stall auf seinem Hof stecken, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen – oder wie er es sagt: „um den Betrieb am Leben zu halten“. Am Ende habe er dadurch nicht ein Schwein mehr gehabt. Anders als bei der Wärmerückgewinnung habe man durch die Abluftfilterung auch „nicht ein Fatz mehr Tierwohl“, ärgert sich Dönselmann-Theile über die strengen Gesetze. Diese machen der Landwirt und der Elektromeister auch für das zunehmende Höfesterben mitverantwortlich. „Große Betriebe kann man leichter gängeln als kleine“, sagt Förthmann. Letztere würden häufig einfach aufgeben müssen. Auch ein hochmoderner Schweinestall bleibt dabei am Ende ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.

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