Varrel: Oberschüler im „Anti-Mobbing-Training“ mit Coach Carsten Stahl

Keine Bühne für Mobbing

Die Varreler Oberschüler, Lehrer und Carsten Stahl (knieend) nach Ende der Dreharbeiten.

Varrel – Fragen über Fragen standen am Anfang: Ist das was für uns? Wer ist Carsten Stahl überhaupt? Eine TV-Sendung in der Schule – geht das? Sonst ist der doch an Brennpunktschulen – was will der denn dann hier bei uns im beschaulichen Varrel? Das Kollegium der Oberschule Varrel diskutiert – und entscheidet sich dafür, die Anfrage der Produktionsfirma aus Berlin anzunehmen.

Nicht alle Eltern erlauben ihren Kindern die Teilnahme, das Gros sagt zu. Die Schülerinnen und Schüler der Oberschule Varrel sind begeistert – sie alle kennen den Berliner Schauspieler und „Anti-Mobbing-Coach“. Der seine Bekanntheit nutzt, der sich Gewaltprävention so groß auf die Fahne geschrieben hat, wie Tattoos auf die Haut. Der den Zugang zu den Jugendlichen findet, weil er einmal in ihrer Situation steckte. Statt des Zehnjährigen, der ins Koma geprügelt wurde, steht ein heute muskelbepackter 47-Jähriger mit Kampfsporttiteln vor ihnen. Eine Präsenz, die vieles signalisiert, nur keine Schwäche.

Gibt’s denn Mobbing an der Oberschule Varrel? „Es werden viele Probleme in die Schule getragen“, erklärt Schulleiter Torge Sprado. Das Kollegium und Schulsozialarbeiter Jens Grunert müssen täglich kleine und große Dramen meistern, wie überall: „Wir können aber nur handeln, wenn wir davon wissen.“ Private und schulische Themen – die Teenager kommunizieren per Smartphone, Eltern und Kollegium werden nicht informiert. Der Vorteil an der Oberschule Varrel: „Wir sind ein kleines System, hier fällt auf, wenn etwas anders ist.“ Mobbing lebe vom Mitmachen, brauche eine Bühne. Die Spirale werde stärker durch die Mitläufer und eben nicht, wenn diese Spirale sich nicht entfalten könne. Für den ebenfalls 47-jährigen Schulleiter fällt die Entscheidung pro Stahl auch deshalb, weil jemand „von extern“ einen anderen Zugang zu Schülern entwickelt. Es geht nicht darum, wer was besser macht, sondern einzig darum, den Schülern eine Option zu bieten. Stahl bringe externes Fallwissen mit.

Und Stahl, soweit hat sich Sprado bei Kollegen informiert, die bereits mit dem Berliner gearbeitet haben, kriegt die Kids. Stahl meint das ernst, was er sagt. Keiner wird vorgeführt. Wertevermittlung wie Respekt und Toleranz, Prävention gegen Gewalt und Mobbing, Aufklärung über Drogen und deren Gefahren, Vermittlung von Mut zur Zivilcourage, Aufbau von Selbstbewusstsein und gegen das Mitläufer-Syndrom, Aufklärung über Gefahren in Internet, sozialen Netzwerken und das Internet-Mobbing: Das sind keine leeren Stichworte, die nur für das Drehbuch vor die Kamera gehalten werden. Das ist Alltag, täglich irgendwo.

Die Varreler Schüler, die zusammen mit Sprado, Grunert, Schulsekretärin Yvonne Kosten und den Lehrerinnen Katharina Remme und Julia Gassmann mit Stahl arbeiten sind voll des Lobes. „Carsten Stahl hält uns wach, er ist authentisch“, berichtet Sprado. Stahl habe mit seiner „Ich bin einer von euch“-Einstellung und der Schilderung seines eigenen Schicksals eine besondere Bindung zu den Schülern aufgebaut.

So besonders, dass am Ende vier Schüler von persönlichen Mobbingerlebnissen berichten. „Schüler, bei denen wir das nicht gedacht hatten“, sagen Sprado, Grunert und Remme. Rückmeldung aus der Schülerschar: „Bester Schultag ever“.

Bestandteil der Zeit mit Stahl ist, dass die gesamte Gruppe an einem außerschulischen Ort zusammenkommt. Die Gruppendynamik kann sich so entwickeln, ohne Einflüsse von außen, ohne Gefühl von Schule. Stahl schafft es, eine emotionale Bindung zu den Schülern zu knüpfen. Das lässt das planerische Chaos des Schülertransportes von Varrel zum Drehort und zurück vergessen, das das Drehteam verursacht und das die Oberschule ausbügeln muss.

Katharina Remme hat die Erlebnisse mit den Schülern nachbereitet. Grunert und Sprado berichten, dass für alle Fünftklässler in ihrem ersten Jahr an der Oberschule eine Doppelstunde pro Woche für das Thema im Fach Sozialkunde eingeplant ist. Die Dreharbeiten mit Carsten Stahl seien ein Extra gewesen, das zusätzlich zum Schul-Alltag angeboten wurde, stellt Torge Sprado klar. „Unser Kerngeschäft ist der Unterricht und dieses Tagesgeschäft ist wichtig.“ Die TV-Folge aus Varrel soll Anfang 2020 gesendet werden.  sis

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