Erste mobile Brillensprechstunde in Freistatt

Kein Geld = keine Brille

Mobile Brillensprechstunde in Freistatt – die Organisatoren Florian Schietke und Sean Welzer im Hintergrund, vorne suchen Richard Schmitz, Christiane Faude-Großmann und Charlene Kautz nach passenden Brillen (von links).
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Mobile Brillensprechstunde in Freistatt – die Organisatoren Florian Schietke und Sean Welzer im Hintergrund, vorne suchen Richard Schmitz, Christiane Faude-Großmann und Charlene Kautz nach passenden Brillen (von links).

Freistatt – In Hamburg, Berlin und Hannover ist die Organisation bereits bekannt. Warum nicht auch mal das Team nach Freistatt holen? Das dachten sich Florian Schietke und Sean Welzer. Die beiden jungen Herren haben sich für ein duales Studium „Soziale Arbeit“ entschieden, ein Angebot von Bethel im Norden mit Unistandort Bremen. Und so wissen sie: Menschen, die auf der Straße leben, haben oft keine Krankenversicherung oder kein Geld für eine Brille.

Zwei Gründe, warum die „Aktion Mehrblick“ seit dem Jahr 2016 Brillen für Obdachlose und Bedürftige organisiert. Und zwar von der Sammlung über die Reinigung und Neuausrichtung bis das passende Stück auf der Nase der Klienten sitzt.

Der Reihe nach: Mehrblick-Geschäftsführerin Christiane Faude-Großmann und ihr Team sind in Hamburg ständig in entsprechenden Einrichtungen, quer über die Stadt verteilt, unterwegs. In Berlin koordiniert Thu Lan Nguyen die Termine und in Hannover ist es Simone Treidel, die seit Juni 2020 Brillen-Sprechstunden plant und durchführt.

Der gemeinnützige Verein sammelt Spenden: in Form von Geld, um die Arbeit zu unterstützen, in Form von Brillen, um diese aufzuarbeiten und zu reinigen (außer Kinder- und Gleitsichtbrillen, die zu individuelle Werte haben) und in Form von gemeinnützigen Arbeitsstunden, die Optikerkollegen investieren, um für jeden bedürftigen Menschen eine passende Brille zu finden.

Florian Schietke und Sean Welzer organisieren einen Termin in Freistatt: Die Geschäftsführung von Bethel im Norden gibt dafür sofort grünes Licht. Schietke und Welzer reservieren Räumlichkeiten im „Haus Wegwende“, wo die Aktion stattfinden soll. Mit den Sulinger Firmen „Brillen Schmitz“ und „Optik & Hörgeräte Evers“ finden sich zwei versierte Partner, die vor Ort professionelle Sehtests durchführen. Für die Aktion wird in den Freistätter Einrichtungen geworben. Etwa 30 Anmeldungen trudeln ein. „Kann man das überhaupt lesen, was ich da ohne Brille geschrieben habe?“, fragt einer der Klienten und macht damit erschreckend deutlich, dass auch Formulare auszufüllen (etwa, um Hilfen zu beantragen) ein Hindernis darstellt, wenn man keine Brille hat.

Einer der Hauptgründe, warum obdachlosen Menschen die Brille fehlt: „Sie wurde ihnen gestohlen“, erklärt Christiane Faude-Großmann. Es fehle das Geld und meist die Krankenversicherung, um eine neue zu beantragen.

Kleiner Einblick in die Auskunft eines Klienten.

Über die „Brillen-Sprechstunden“ von „Mehrblick“ kommen die Fachleute zum Klienten, statt umgekehrt. Charlene Kautz (Optik Evers) und Richard Schmitz (Brillen Schmitz) nehmen sich für jeden Kunden vor sich Zeit, wie sonst auch. Sie überprüfen den Sehkraftverlust auf jedem Auge. „Das kann zwischen zehn und 20 Minuten dauern“, erklärt derweil Christiane Faude-Großmann. Oder nur fünf Minuten, wenn es allein einer Lesebrille bedarf.

Dank der doppelten Sprechstunden durch die beiden Sulinger Fachkräfte, die ehrenamtlich aktiv sind, können in den drei Stunden, die in Freistatt zur Verfügung stehen, alle angemeldeten Klienten in Ruhe versorgt werden. Die meisten von ihnen hatten schon einmal eine Brille, aber viele waren seit Jahren nicht beim Augenarzt und benötigen jetzt eine andere Brille. Wäre es da nicht besser, die Sehkraft öfters prüfen zu lassen? „Unsere Klienten haben ganz andere tägliche Probleme“, sagt Faude-Großmann. Dass sie Texte schwer oder gar nicht mehr lesen können, genieße keine Priorität.

Aber für manche eben doch. Nachrichten auf dem Smartphone lesen etwa oder das Fernsehprogramm „oder den Videotext“, sagt ein anderer. Florian Schietke, Sean Welzer, das „Mehrblick“-Team und die Sulinger Optiker, die beide jeweils das erste Mal diese Organisation unterstützt haben, wollen sich zusammensetzen und die Freistätter „Brillen-Sprechstunde“ analysieren. Eine Wiederholung sei durchaus möglich.

Für die Herren Schietke und Welzer ist die Aktion eine der ersehnten Möglichkeiten, ihren Wunschberuf derzeit tatsächlich mit Leben zu füllen: Die Uni startet erst im Herbst wieder mit einigen Präsenzterminen und das pandemiebedingt eher abstrakte Online-Studium „auf eigene Faust“ kann etwas zurückgefahren werden.

„Soziale Arbeit“ stellt den Menschen in den Mittelpunkt, Sean Welzer und Florian Schietke haben genau das mit ihrer Aktion in Freistatt getan.

„Über Mehrblick“

„Eine eigene Brille gibt den Menschen wieder Sicherheit und Selbstvertrauen“, heißt es in der Werbebroschüre von „Mehrblick – Brillen für Obdachlose und Bedürftige“, das als gemeinnützige Unternehmergesellschaft geführt wird. Geldspenden werden genutzt, um die mobilen Brillen-Sprechstunden durchführen zu können. Mehrblick-Geschäftsführerin Christiane Faude-Großmann rechnet vor, dass ein Sehtest mit zwölf Euro abgerechnet wird und das „Fitmachen“ einer alten Brille bei 25 Euro liege. Zu jeder Sprechstunde bringe das Team über 300 gespendete Brillen mit – alle gereinigt, repariert und gemessen für die Neuverwendung. In den mobilen Brillensprechstunden habe das Team seit der Gründung im Jahr 2016 über 3 000 Augen mehr Blick ermöglicht. Das Ziel, das sich das Team gesetzt hat: Bis zum Jahr 2024 5 000 Brillen zu verteilen (www.mehrblick-hilft-sehen.de).

Von Sylvia Wendt

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