34 Jungen und Mädchen erleben das Freistätter Moor auf kreative Weise/Torfköpfe geschaffen und Floß gebaut

Moor ist „more“ als Playstation

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Erstaunliches Material: 150 Jahre haben die Torfsoden für ihre Entstehung gebraucht. Jetzt lassen sich daraus tatsächlich „Torfköpfe“ basteln.

Freistatt - Von Anke Seidel. Zuviele künstliche Welten, zu wenig reale Erfahrung – genau das prägt die Lebenswelt von Jungen und Mädchen, bestätigt selbst das Handbuch Kinderpädagogik. „Die Lebensbedingungen der Kinder haben sich heute so grundlegend verändert, dass zwischen unserer alten und der neuen Kindheit kaum noch Gemeinsamkeiten bestehen“, behauptet die Autorin Charmaine Liebertz. Lassen sich Kinder dann überhaupt noch für eine Woche aus den virtuellen Welten ins reale, karge Moor versetzen? „Ja. Definitiv!“, antwortet Twistringens Jugendpflegerin Claudia Möllenkamp.

Gemeinsam mit ihren Kollegen hat sie 34 Jungen und Mädchen im Alter zwischen neun und 13 Jahren für eine Woche in die Moorwelten von Freistatt versetzt. Motto: „Moor ist more“ – mehr als Spiele auf der Playstation oder dem Handy, das nach Möglichkeit zu Hause bleiben sollte. „Manche hatten Handys dabei, haben sie aber nicht benutzt“, sagt die Jugendpflegerin, die mit ihren Kollegen aus Sulingen und Stuhr sowie der Jugendpflege des Landkreises zusammenarbeitete. Fünf Betreuer, tageweise mit weiterer Unterstützung, kümmerten sich um die jungen Moor-Abenteurer. Sie hatten ihre Zelte am Freistätter Sinnesgarten aufgeschlagen – sprich ihre eigenen selbst mitgebracht und aufgebaut.

Selbst etwas können, selbst etwas leisten: Genau das ist der Schlüssel zu dem Gefühl, stolz auf sich sein zu können und Selbst-Vertrauen zu entwickeln. Wie die Jungen, die eine Birke fällen durften – und sie mit glänzenden Augen zum Mast für das Lagerbanner umfunktionierten.

Klassiker bei jedem sommerlichen Zeltlager: Wasserschlachten und ungezählte Planschbecken (aufgebaut von Mitarbeitern der Diakonie Freistatt) sowie Stockbrot-Backen am Lagerfeuer. Weil dazu seit Urzeiten das Geschichten-Erzählen gehört, hatten die Organisatoren die Märchenerzählerin Brigitta Wortmann eingeladen. Dass Märchen Kinder von heute langweilen, ist offenbar ein Märchen: „Die Kinder hingen wie gebannt an ihren Lippen“, berichtet Claudia Möllenkamp über einen romantischen Abend am Rande eines Lebensraums, der den Jungen und Mädchen völlig fremd war – wenngleich er einen beachtlichen Teil des Landkreises Diepholz prägt.

Die Brücke zum Moor schlug deshalb der „Torfkopf“, den die Kinder aus Torfsoden schneiden, kreativ gestalten und bemalen durften. Dann die Entdeckungsreise der besonderen Art: Die Fahrt mit der Moorbahn in den weiten, menschenleeren Lebensraum. Dort gedeiht zum Beispiel der Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze. Und dort verdunkeln, so erlebten es die Kinder mit ihrem Moor-Führer Jörn Ramundt, manchmal Mückenschwärme den scheinbar endlosen Himmel. Die Mutigsten probierten das allgegenwärtige Moorwasser, dessen PH-Wert sie zuvor bestimmt hatten. „Das ist so sauer, dass alle Bakterien darin tot sind“, schmunzelt Claudia Möllenkamp.

Das Wasser mit einem selbst gebauten Floß aus Planken, Kanistern und Seilen zu erobern – auch das gehörte zu den Moor-Erfahrungen der Kinder, die ihre Gefährte auf dem Großen Meer bei Dickel zu Wasser ließen und mit Schwimmwesten gesichert erlebten: Das, was ich gemeinsam mit anderen sorgfältig und verantwortungsvoll baue, kann mich tragen. Traumfänger basteln, Moor-Olympiade und Besuch im Naturfreibad Kirchdorf – auch das gehörte zum Programm. Genauso wie die Erfahrung, dass Backen für andere einem selbst Freude machen kann. Zum Beispiel dann, wenn der Hefeteig der Pizza mit den Händen kräftig durchgeknetet werden muss.

Klar, dass in einer solchen Freizeit ganz menschliche Probleme gemeistert – sprich Insektenstiche und Nasenbluten verarztet werden müssen. Dazu gehört in diesem Fall die Erfahrung: Es ist immer jemand da, der mir hilft. Ich bin sicher.

Weil zu einer Lebensgemeinschaft auch ein gemeinsamer Erfahrungsaustausch gehört, erarbeiteten die Kinder ihre eigene Moorfreizeit-Zeitung, schossen 800 Fotos (wie die drei in diesem Artikel), füllten Rubriken wie „Tipp des Tages“ und verfassten Artikel für ihre große, täglich wechselnde Wandzeitung.

Handy und Playstation? In diesen ereignisreichen Tagen eine fast vergessene Nebensache für die Kinder. „Es war richtig schön zu sehen, dass sie das alles nicht brauchten“, so das Fazit von Claudia Möllenkamp.

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