Jens Grunert ist Schulsozialarbeiter an der Oberschule / Vertrag nur auf Zeit

Traumjob ohne Netz

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Jens Grunert hat als Schulsozialarbeter an der Oberschule Varrel seinen Traumjob gefunden.

Varrel - Der Schreibtisch ist voll, es klopft an der Tür: Schüler D. hätte da eine Frage, aber Jens Grunert wird gerade interviewt. Kurz darauf klingelt es zur Pause, es klopft an der Tür. Lehrerin K. guckt ins Büro und gibt die Infos im Telegrammstil durch. Keine Rangelei, aber auch keine friedliche Koexistenz auf dem Pausenhof, Einsatz für Grunert. Schüler D. hätte die Frage immer noch...

Kleiner Blick in den Alltag des Traumjobs von Jens Grunert, der als Schulsozialarbeiter seit fünf Jahren vieles auffängt. Was genau? Aktuell bereitet er mit Lehrerin Hildegard Heuer die Praxistage vor. Die Siebtklässler sammeln nach den Ferien erste Berufserfahrung, sind für fünf Wochen immer dienstags in Betrieben. Grunert bereitet den Besuch vor, der den Schülern vorab einen Blick hinter die Kulissen des Sulinger E-Centers ermöglicht. Er hat seit fünf Jahren aber nicht nur Kontakte in die heimischen Wirtschaftsbetriebe geknüpft. Mit geschultem Blick auf die Mädchen und Jungen, die in den Klassen fünf bis 10 an der Oberschule Varrel täglich Wissen pauken, fällt ihm auf, wenn etwas nicht stimmt. Das kann zum Beispiel ein Fall von Sucht sein. Online-Spiele sind aktuell ein Thema. Es fällt auf, wer morgens völlig übermüdet im Klassenzimmer sitzt, weil er die Nacht durchgespielt hat. Die Gesellschaft habe sich verändert, alles laufe immer schneller, jeder sei 24 Stunden am Tag erreichbar – das spiegele sich im Verhalten der Schüler wider, sagt Grunert. Schule setze Grenzen, aber was passiert in der Freizeit? Da seien die Eltern gefordert – Grunert ist der Kontakt in die Familien der Schüler wichtig: „Es geht nur zusammen.“

Auch zusammen mit den Schülern, einmal wöchentlich nimmt er in den Klassen fünf bis neun an den jeweiligen Klassenräten teil. Was ist gut, was war schlecht? FC-Sulingen-Torjäger Grunert verlegt das Spiel in den Klassenraum: Welches Fehlverhalten kriegt die gelbe Karte? Welches die rote? „Nein, richtige Klassenkämpfe gibt es nicht an der Oberschule“, sagt Grunert. Natürlich aber die üblichen Sticheleien.

Schulsozialarbeit ist heute selbstverständlich an der Oberschule. Und für Schulleiter Torge Sprado „unverzichtbar“. Landkreis und Samtgemeinde schultern die Kosten für Grunerts Job, immer noch ist der Schulsozialarbeiter kein fester Bestandteil des Stellenplans – leider. Aktuell wird der Vertrag, ausgelegt auf zwei Jahre, immer wieder verlängert. Grunert ist die Verbindung zwischen Schule und Elternhaus, kann sich frühzeitig und kompetent um Lösungen kümmern.

Veränderungen in der Gesellschaft müssen von „Schule“ aufgefangen werden. Dazu zählt Grunert auch rückläufige Erziehungskompetenz der Eltern. Ein Problem sei auch, dass Kinder ab frühestem Alter oft allein mit Erzieherinnen konfrontiert seien – auch an der Oberschule Varrel ist das Kollegium fast ausschließlich weiblich, bis auf Schulleiter Sprado und Kollege Grunert. In keinster Weise sei das als Kritik an der fachlichen Arbeit gemeint, betont Grunert.

Im Hinblick auf die Inklusion müsse man eine Balance finden zwischen fordern und fördern. Die Inklusion körperlich Behinderter sei kein Problem, wohl aber bedeute die Inklusion von Schülern mit sozial-emotionalen Defiziten eine Herausforderung. Nicht vergessen dürfe man: Auch für die Klassenkameraden gelte der Bildungsauftrag.

Viele Fragen sind zu klären, auch um das Bildungs- und Teilhabepaket, auf das etliche Familien Anspruch haben, aber nicht wissen, wie sie den Zuschuss für Bücher, Klassenfahrten und Co. beantragen müssen – auch hier hilft Grunert. Sprechstunden (für Schüler, Eltern und Lehrer) hat Jens Grunert montags und mittwochs von 9 bis 11 Uhr – und nach Vereinbarung.

Nach dem Interview kann Schüler D. seine Frage stellen. Er fragt Grunert „unter Männern“ um Rat in Sachen Freundin...

sis

Definition: Schulsozialarbeit

„Unter Schulsozialarbeit wird ein Angebot der Jugendhilfe verstanden, bei dem sozialpädagogische Fachkräfte, kontinuierlich am Ort Schule tätig sind und mit Lehrkräften auf einer verbindlich vereinbarten und gleichberechtigten Basis zusammenarbeiten, um junge Menschen in ihrer individuellen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung zu fördern, dazu beitragen, Bildungsbenachteiligungen zu vermeiden und abzubauen, Erziehungsberechtigte und Lehrer bei der Erziehung und dem erzieherischen Kinder- und Jugendschutz zu beraten und unterstützen sowie zu einer schülerfreundlichen Umwelt beizutragen.

Zu den sozialpädagogischen Angeboten und Hilfen der Schulsozialarbeit gehören insbesondere die Beratung (unter Berücksichtigung einschlägiger Beratungsgrundsätze) und Begleitung von einzelnen Schülern, die sozialpädagogische Gruppenarbeit, offene Gesprächs-, Kontakt- und Freizeitangebote, die Mitwirkung in Unterrichtsprojekten und in schulischen Gremien sowie die Kooperation und Vernetzung mit dem Gemeinwesen.“

Quelle: www.lag-schulsozialarbeit-nds.de

Kommentar:

Wenn etwas wichtig ist für die Arbeit an einer Schule, wenn etwas gut ist für die Arbeit mit Schülern – warum wird das nicht fester Bestandteil? Alle zwei Jahre wird neu verhandelt über die Fortschreibung der Stelle des Schulsozialarbeiters an der Oberschule Varrel. Die Finanziers in diesem Fall, Landkreis und Samtgemeinde, sind sich einig, dass die Arbeit wichtig ist und man sie nicht missen möchte. Kinder, Eltern, Schule haben damit Planungssicherheit, können sich auf fachlich versierte gute Arbeit verlassen: Hilfe im schulischen Alltag, Hilfe beim Wechsel von Schule in den Beruf, Hilfe bei familiären Problemen. Bereiche, für die Vertrauen zwischen den Protagionisten unabdingbar ist. Vertrauen muss der Stelleninhaber darauf, dass man ihm alle zwei Jahre eine Verlängerung gibt.

Das Land Niedersachsen ist hier in der Pflicht, den Stellenplan für Schulen neu zu definieren. Hausaufgabe: Statt alle paar Jahre ein paar befristete Gute (Gelder) ins Töpfchen zu füllen, ist die Aufnahme des Schulsozialarbeiters/der Schulsozialarbeiterin in den Stellenplan unerlässlich. Für alle Schulen.

Sylvia Wendt

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