Lydia Steinmetz engagiert sich – für mehr Miteinander

„Ich bin Bürgerin von Freistatt“

Der neue Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Freistatt: Pastor Michael Krause, Annette Lydia Steinmetz, Pastorin Silke van Doorn, Dirk Dymarski, Marina Kastens und Frank Kruse (von links).
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Der neue Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Freistatt: Pastor Michael Krause, Annette Lydia Steinmetz, Pastorin Silke van Doorn, Dirk Dymarski, Marina Kastens und Frank Kruse (von links).

Freistatt – Frankfurt am Main oder Freistatt im Moor? Für Annette Steinmetz, die immer nur Lydia genannt wurde, ist es im Herbst 2021 keine Frage. Sie sitzt am Frankfurter Bahnhof und sieht das Plakat von Bethel im Norden. Sie hat kein Zuhause, sie ist obdachlos, sie hat keinen Job, kein Essen: „Ich saß am Bahnhof und sah das Plakat – und habe angerufen.

Ich wurde sofort aufgenommen.“ Lydia Steinmetz, Jahrgang 1962, gebürtig aus Hamburg, aufgewachsen in der Mainmetropole, erzählt mit fester Stimme, wie sie nach Freistatt kam.

Und ebenso bestimmt vertritt sie ihre Ansichten. Aufmerksam ist Lydia Steinmetz, nimmt wahr, was um sie herum passiert. Der Halt, den ihr Bethel gibt, ist nicht allein die Unterkunft. Sie hat wieder „Boden unter den Füßen“. Eine Grundlage, die der Tod ihres Sohnes ihr 2015 entrissen hat. Ein Thema, über das Lydia Steinmetz nicht gern sprechen mag. Ein Kind bleibt ein Kind, auch wenn es erwachsen ist, und sein Tod ist ein Schicksalsschlag.

„Ich habe mit Gott und der Welt gehadert“

„Ich habe mit Gott und der Welt gehadert“, erinnert sich Lydia Steinmetz. „Ich bin zwar christlich erzogen und war immer Christin, aber das...“

Gerade hat sich Lydia Steinmetz wieder gefangen, hat wieder eine Anstellung gefunden, als die Pandemie beginnt. Damit verliert sie ihren Job in der Hotellerie. Die Spirale in die Abgründe endet an einem Augusttag am Frankfurter Hauptbahnhof.

Und, wie findet sie Freistatt so? „Freistatt ist anfänglich ein Kulturschock gewesen. Ganz schön ländlich“, sagt Steinmetz und muss lachen. „Momentan genieße ich die Ruhe. Die habe ich wohl auch gebraucht. Aber meinen Lebensabend möchte ich hier nicht verbringen“, sagt die 59-Jährige. Und man weiß nicht so genau, wie das zu verstehen ist, angesichts des Engagements, das Lydia Steinmetz an den Tag legt. Am Sonntag wurde sie als Mitglied des Freistätter Kirchenvorstandes eingeführt, zusammen mit Dirk Dymarski. „Seit ich im Kirchenvorstand bin, habe ich eine tolle Resonanz erfahren“, freut sich die Neu-Bürgerin.

Lydia Steinmetz hat ihr feines Gespür nicht verloren. Sie kritisiert, dass das Miteinander der Menschen in Freistatt nicht so funktioniert, wie es funktionieren könnte. „Ich habe oft das Gefühl, kein richtiges Mitglied hier im Dorf zu sein und ich bin nicht die Einzige, der es so geht.“ Kann sie das erklären? „Man merkt das arg, dass man mit einem Stigma angesehen wird. Es wird zwischen Anwohnern und Bewohnern unterschieden. Klar, es gibt solche und solche. Aber das gibt es überall, auch außerhalb von Freistatt. Es sind nicht die Mitarbeitenden, die einem das Stigma geben, sondern Einwohner. Uns wird unterstellt: ‚Die können nix‘. Man wird begutachtet, wie unter einer Lupe.“

Steinmetz sagt, sie grüße jeden und sei höflich zu allen. Wie kann man das Miteinander ändern? „Mit mehr Veranstaltungen. Veranstaltungen für alle, nicht nur die Klienten von Bethel im Norden. Ich bin Bürgerin von Freistatt“, erklärt Steinmetz und will Gelegenheiten schaffen, dass Menschen sich zusammensetzen und reden können miteinander, über Generationen hinweg, über soziale Barrieren hinweg.

„Mal was Neues“

Keine fünf Monate in Freistatt und Lydia Steinmetz hat schon einen Satz, den sie nicht mehr hören mag: „Weil’s doch immer so war“. Sie möchte: „Mal was Neues.“

Und macht das für sich: Als Mitglied des Kirchenvorstandes möchte sie sich einbringen in die Gemeinde Freistatt, denn „wenn wir nicht den ersten Schritt machen,...“ Das Satzende „dann wird das nix“ bleibt ungesagt. Sie will das Eis brechen. Der Kirchenvorstand finde sich gerade erst und Corona stelle eine besondere Hürde dar. Kinderveranstaltungen, Weihnachtsessen: Lydia Steinmetz freut sich auf viele Ideen, die sich im Kreis des Kirchenvorstandes entwickeln könnten. „Ob wir alles hinkriegen, ist eine andere Sache.“

Als nächster Termin steht das Kirchencafé in der Moorkirche am 16. Januar im Kalender (der Gottesdienst beginnt um 10 Uhr, er wird von Superintendent Marten Lensch geleitet). Geöffnet ist es für Menschen aller Konfessionen.

Der Weg zurück in die Kirchengemeinschaft

Lydia Steinmetz ist gelernte Köchin, liest gerne, ist gerne kreativ. Sie mag das Arbeiten und Lachen in der Gemeinschaft. In den Kirchenvorstand habe sie sich wählen lassen, „weil ich meine Liebe zu Gott wiedergefunden habe.“ Lange und viele Gespräche mit Pastorin Silke van Doorn, deren Optimismus, „ihre herrliche Art, mit Menschen umzugehen und ihre Kraft“ hätten ihre „Mauern eingerissen und Licht hineingelassen“, erklärt sie im aktuellen Gemeindebrief. „Silke half mir nicht nur, meinen Glauben wiederzufinden, sie erinnerte mich auch an das, was mir wirklich wichtig ist im Leben.“ Lydia Steinmetz begrüßt die Einrichtung Bethel im Norden: Hier könne man Kraft sammeln für seinen weiteren Lebensweg. „Egal, wie schlimm es aussieht, es geht immer weiter“, macht sie sich und anderen Mut. 

Von Sylvia Wendt

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