Besucherin kritisiert Arbeiten der Landesforsten

Kuppendorf: Holzernte für Tierstreu, Paletten, Klopapier

Tiefe Furchen zwischen einzelnen Bäumen: Es sieht wüst aus in einem Waldstück in Kirchdorf, das zum Bestand der Niedersächsischen Landesforsten gehört.
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Tiefe Furchen zwischen einzelnen Bäumen: Es sieht wüst aus in einem Waldstück in Kirchdorf, das zum Bestand der Niedersächsischen Landesforsten gehört.

Kirchdorf – Von einer „Waldvernichtungsaktion“ spricht Manuela Schleussner aus Bunde. Als planmäßige Holzerntemaßnahme mit anschließender Verjüngung von Kiefernbeständen erklärt es Henning Schmidtke, Leiter des zuständigen Forstamtes in Nienburg. Er sagt selbst: „Es sieht wüst aus dort, im Knickberg rund um den Franzosenstein in Kuppendorf.“ Er verspricht: „In wenigen Wochen ist alles wieder ordentlich – spätestens.“

Auf einem Spaziergang durch die Kuppendorfer Heide hat Manuela Schleussner im März nach eigenen Angaben Fotos geschossen, die sie jetzt an die Kreiszeitung verschickte – ebenso an die Niedersächsischen Landesforsten. Für Schleussner ist die Maßnahme ein „No-Go“ in Zeiten des Klimawandels und der Erkenntnis, wie wichtig intakte Waldökosysteme sind. Sie befürchtet, dass dieser Wald in den nächsten Jahren tot sei, „mit unseren Steuergeldern“, auch wenn neue Bäume darin aufgeforstet würden. Und die Erklärung von Schmidtke sei eine „Auskunft, welche jedoch allen, die wenigstens etwas Baum- und Waldverständnis haben, die Haare zu Berge stehen lassen.“

Schmidtke, der Forstwirtschaft an der Uni Göttingen studiert hat, hat bereits in einem Telefonat mit Manuela Schleussner deren Fragen beantwortet. Grundsätzlich freue er sich über Bürger, denen er Informationen geben kann.

Revierleiter ist Marco Becker und der ist alles andere als glücklich über den Anblick des Bereiches, in dem der Kiefernbestand unbearbeitet war. Er sagt aber auch: „Wenn wir nur ein bisschen wegschneiden und nur kleine Arbeiten machen, müssen wir schnell wieder tätig werden.“ Deshalb erfolge jetzt, nach etlichen Jahrzehnten, ein großer Eingriff. Die Holzstapel, die die Besucherin im März gesehen hatte, sind bereits abgefahren. Im Einsatz ist jetzt der Minibagger, Mischbaumsamen werden in tiefe Furchen gesät. Das Projekt bewege sich durchaus auf den Spuren von Oberförster Friedrich August Christian Erdmann (1859 bis 1943), denn: Die Forstbetriebsplanung umfasse den Waldumbau der Kiefernbestände, insbesondere in den Bereichen Rauher Busch (Uchte), Knickberg (Kirchdorf) und Hemsloh/Dickel.

Revierleiter Marco Becker prüft die Neusaat in einer der Furchen.

Wo die Förster erklären, dass sie den Unterstand entnommen haben, um „eine Lichtsituation zu schaffen, die den Samen der Altkiefern genügt, um zu keimen und zu wachsen“, argumentiert Besucherin Schleussner, dass durch die Auslichtung Verbiss produziert werde, das Wild ungehindert in den von Sträuchern und Hindernissen bereinigten Wald komme. Schmidtke erinnert an den Einsatz der Jagdgenossenschaften, die den Wildbestand genau im Blick hätten. Die Kritikerin moniert zudem, dass die Sonnenwärme, die durch die Auslichtung auf den Boden falle, diesen in der kommenden Hitzeperiode noch mehr aufheize.

Die Furchen sind Absicht: Ein Minibagger habe mit speziellem Scheibenräumgerät den Mineralboden geöffnet, so sei der Rohhumus zur Seite gelegt worden, um die Samen einzubringen. Ein Verfahren, das gegenüber dem herkömmlichen Vorgehen erheblich schonender sei, erklärt Henning Schmidtke. Ein Versuch, den das Forstamt ausbauen werde. Auch wenn das Prozedere eher aussieht, als würde hier ernsthaft der Wald gerodet.

Die Stämme der Bäume, die gefällt wurden, hauptsächlich Kiefern, sind auf einem Weg aufgeschichtet, zu sogenannten Holzpoltern. „Ich bin froh, dass wir das Holz an Abnehmer in der Region geben konnten“, sagt Marco Becker. Es gehe an Firmen in den Landkreisen Diepholz, Vechta, Osnabrück und Nienburg. Laut Henning Schmidtke werde eine der Firmen daraus Tierstreu fertigen, denn der Bedarf daran sei während der Corona-Pandemie erheblich gestiegen. Ein paar Schritte weiter erhellen Sonnenstrahlen eine kleine Ecke im Wald, auf die der Forstamtsleiter zeigt und erklärt, dass die Vielfalt an Baumsorten auf diesen wenigen Quadratmetern ganz ohne Zutun der Förster entstanden sei.

Die Förster betonen, dass sie im Wald arbeiten, das Areal bewirtschaften. Dazu gehören Entnahmen und Wiederaufforstung. Präzise Bodenkenntnisse sind dabei elementar. Zwischen den Flächen der Landesforsten befinden sich private Flächen, die oft zeigen, wie es aussieht, wenn man sie sich ganz überwiegend selbst überlässt.

Grundsätzlich sei ein Ziel, die Wälder klimastabiler zu gestalten, als bunte Mischwälder – und ein „möglichst unauffälliges“ Wirtschaften. Die Erweiterung der Baumartenpalette folge den Prinzipien Erdmanns, das heiße: weg vom fast reinen Kiefernwald. Deshalb planen Schmidtke und Becker auch Lärchen, Birken, Eichen, Roteichen, Buchen, Douglasien ein. Die schon alle dort wachsen, wie beim Gang durch den Wald deutlich wird, als Schmidtke auf die jeweiligen Gewächse zeigt. Die restlichen Altkiefern auf dem Kuppendorfer Grundstück würden geerntet, wenn der junge Wald von unten nachgewachsen sei oder bleiben für den „natürlichen Zerfall“ in der Fläche.

Mit der Erweiterung der Baumartenpalette einhergehe auch die (dauerhafte und langfristige) Erweiterung der Holznutzung, was Menge, Qualität und Baumarten angehe.

Etliche Holzpolter säumen den Waldweg, sortiert nach den Abnehmern, die allesamt aus der Region stammen.

Das gestapelte Holz, das Besucherin Schleussner fotografiert hatte, sei sogenanntes Energiehackholz, das „in der Regel als Hackschnitzel regional zur Wärme- und Stromerzeugung verwertet wird“, erklärt Schmidtke, der die Ernte von Holz als „Wesen der Forstwirtschaft“ bezeichnet. Dabei diene die Ernte der Allgemeinheit. Etwa durch die Hackschnitzel als Beitrag zur Energiewende. Ältere Kiefern, die geerntet wurden, würden als Verpackungsholz, für Paletten oder auch für die Gewinnung von Zellulose (Stichwort: Toilettenpapier) verwendet. Schmidtke rechnet vor: „Rechnerisch verbrauchen wir in Niedersachsen rund zehn Millionen Kubikmeter Rohholz pro Jahr, also 1,25 Kubikmeter pro Kopf. Die niedersächsischen Wälder liefern nachhaltig nur fünf bis sieben Millionen Kubikmeter pro Jahr. Tendenz sinkend, unter anderem wegen des Waldsterbens.“ Alles hier geerntete Holz müsse nicht von woanders herkommen. Das sei ohnehin noch genug und verzichten wolle auch fast keiner auf Holzprodukte.

Niedersachsen sei ein Flächenland mit reichlich Wald. Dieser solle naturnah ausgestattet sein und trotzdem noch wirtschaftlich genutzt werden.

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