1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Kirchdorf (NI)

Spargelbauer Thiermann im Interview: „Haben unsere Lehren gezogen“

Erstellt:

Kommentare

Die Folien auf den Spargelfeldern glitzern bereits in der Sonne (hier in Wehrbleck): Deutlich sichtbares Zeichen, dass die Saison bevorsteht.
Die Folien auf den Spargelfeldern glitzern bereits in der Sonne (hier in Wehrbleck): Deutlich sichtbares Zeichen, dass die Saison bevorsteht. © S. Wendt

Viele Corona-Fälle und Vorwürfe falscher Abrechnungen belasteten den Spargelhof Thiermann vergangenes Jahr. Im Interview spricht Heinrich Thiermann über den aktuellen Stand.

Scharringhausen – In die Schlagzeilen geriet im vergangenen Jahr der Frucht- und Spargelhof Thiermann mit Sitz im Ortsteil Scharringhausen der Gemeinde Kirchdorf. Zunächst rapide steigende Coronafälle, denen mit Reihentestungen und engmaschiger Aufsicht der stringent abgestimmten Arbeitsabläufe durch das Gesundheitsamt letztlich entgegengewirkt werden konnte.

Thiermann will am Standort Brandenburg festhalten

Vorgeworfen wurden der Firma danach inkorrekte Bezahlung, Intransparenz bei den Abrechnungen – sowohl am Standort Scharringhausen wie auf dem gepachteten Vielfrucht Domstiftsgut in Mötzow in Brandenburg. Die Wogen schlugen hoch. Immer wieder wurde seitens der Firma beteuert, korrekt abzurechnen, sich an alle Auflagen zu halten.

Heinrich Thiermann. Archiv
Heinrich Thiermann. Archiv © S. Wendt

„Deutschlands größer Spargelbauer“ Heinrich Thiermann und seine Mitarbeiter bereiten sich auch im Jahr 2022 auf die neue Saison vor. Aber wie? Welche Auswirkungen haben die Anschuldigungen? Aktuell halten die Nachrichten aus der Ukraine auch das Team in Scharringhausen in Atem – werden die Erntehelfer überhaupt anreisen (können)? Derweil glitzern die Folien auf den Feldern in der Sonne und Heinrich Thiermann bleibt nur Zeit, um per Mail auf die Interviewfragen zu antworten.

Nach zwei Jahren der Pandemie, wie ist der Betrieb in Scharringhausen aufgestellt? Woher kommen die Erntehelfer in diesem Jahr?

Circa 60 Prozent der Erntehelfer kommen aus Rumänien, aus Polen kommen unter anderem viele langjährige Mitarbeiter zu uns. Wir freuen uns über ein positives Feedback der Arbeitskräfte aus Polen und Rumänien.

Hat sich im Einzugsbereich etwas geändert, wenn ja, in welches Land?

Nein, im Einzugsbereich hat sich nichts geändert.

Nach der Diskussion um die Bezahlung der Erntehelfer in 2021 – gibt es Änderungen in der Transparenz der Vergütung, sprich: Gesonderte Aufklärung darüber, wie sich der Lohn im Einzelnen zusammensetzt, um Missverständnisse zu vermeiden?

Unsere Saisonarbeitskräfte werden in Einzelgesprächen detailliert über die Arbeitskonditionen und die Entlohnung aufgeklärt. Auch im Hinblick auf den neuen Mindestlohn von zwölf Euro. Hier klären wir detailliert auf, dass es keine Pauschalabrechnungen gibt und welche Sozialabgaben für jeden Einzelnen anfallen.

Gibt es Probleme, genügend Erntehelfer zu bekommen? Das gilt für beide Standorte, Scharringhausen wie auch Brandenburg.

Hier können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine klare Aussage treffen, ein Unsicherheitsfaktor ist nach wie vor die Pandemie.

Wie stehen Sie in Kontakt mit den Erntehelfern aus Polen? Das Land hat aktuell etwa eine Million Kriegsflüchtlinge aufgenommen. Kommen die Menschen dennoch als Erntehelfer nach Deutschland?

Man weiß nicht, wie sich die Situation in Polen und Rumänien entwickelt. Die Welt kann sich von einem auf den anderen Tag verändern. Die Ukrainekrise bedeutet eine unglaubliche Herausforderung in vielen Bereichen. Für unsere Rahmenbedingungen wage ich da keine Prognose. Da müssen wir momentan von Tag zu Tag weitersehen.

Wie sind die Regelungen in Bezug auf Testungen, Impfung, Hygienekonzepte und Corona-Auflagen in diesem Jahr? Gibt es dazu neue Konzepte? Oder besondere Maßnahmen, die die Firma Thiermann für ihre Abläufe entwickelt hat?

Wir haben aus dem letzten Jahr unsere Lehren gezogen. Es gilt nach wie vor ein strenges Hygienekonzept, vor Arbeitsbeginn wird täglich getestet, denn es gilt 3G am Arbeitsplatz. Parallel laufen Aufklärungen zum Thema Impfen. Hier werden die Betriebe gut von den Institutionen unterstützt. Die SVLG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, Anmerk. d. Red.) hat Erklärfilme in neun verschiedenen Sprachen bereitgestellt. Erfahrungsgemäß steigt die Impfbereitschaft nach einigen Wochen im Betrieb aufgrund der konsequenten Teststrategie. (Nachgefragt: Die Firma verlangt keine Impfung. Die Mitarbeiter in der Ernte würden sich nach einiger Zeit vor Ort häufig für die Impfung entscheiden. Getestet wird jeden Tag um 6 Uhr.)

Etwas generalisiert: Die Zahl der Stellenausschreibungen alleine zeigt, dass Mitarbeiter gesucht sind, wie von vielen Arbeitgebern. Gibt es Veränderungen in Geschäftsfeldern, weil Posten eventuell nicht besetzt werden können?

Unser Unternehmen wächst, wir möchten unsere Marktposition stärken und haben daher Bedarf an neuen Mitarbeitern. Bisher sind wir zuversichtlich, dass wir alle ausgeschriebenen Stellen auch besetzen können.

Bleibt es bei Verkaufsstellen auf Märkten und, während der Spargelsaison, an den angestammten Plätzen? Oder wird der Verkauf, aufgrund von Personalmangel und/oder Corona-Auflagen anders geregelt?

Auch hier sind wir optimistisch. Wir planen die bekannten Wochenmärkte und auch die Stände wie gewohnt zu besetzen. Hier können wir auf sehr motiviertes und erfahrenes Stammpersonal zurückgreifen. Unser Verkaufspersonal ist einfach ein gutes Team, auch hier freuen wir uns natürlich über Unterstützung. Wir stehen kurz vor dem Ende der Beschränkungen, die aufgrund der Pandemie erlassen wurden. Viele Betriebe, insbesondere in der Gastronomie, öffnen wieder ihre Tore. Dementsprechend sind Verkäufer/innen und Aushilfen sehr gefragt!

Und, was die meisten Leser interessiert: Wie ist der Start in die Spargelsaison 2022 geplant?

Eine offizielle Saisoneröffnung wird es nicht geben – unser Gastronomiezelt öffnet am 9. April. Viele unserer Stammkunden haben sich auch schon einen Platz gesichert.

In Bezug auf den Standort Brandenburg hatten auch wir über das dort anhängige Verfahren berichtet: Wie sieht dort die Entwicklung aus? (Anmerk. d. Red.: In Brandenburg kämpfen Landkreis und Landwirte gerichtlich darum, was auf über 335 Hektar Fläche in dem Gebiet angebaut werden darf – und was nicht.)

Zurzeit hat die Stadt Brandenburg im Zuge des Mediationsverfahrens ein unabhängiges Gutachten „Umweltverträglichkeit von Sonderkulturen in Schutzgebieten“ in Auftrag gegeben.

Bleibt es beim Engagement der Familie Thiermann in Brandenburg, wie bisher?

Selbstverständlich.

In Bezug auf einst geplante Projekte in Kirchdorf: Da war ein zweites Mehrfamilienhaus in der Ortsmitte geplant. Wie weit fortgeschritten sind die Planungen dafür?

Im Augenblick ist nichts in Planung.

Wie hat die Firma Thiermann die Ereignisse in 2021 überstanden – welche Auswirkungen hatten sie auf die Mitarbeiter und die Familie?

Wir als Firma behalten aufgrund der Ereignisse die Entwicklung der pandemischen Lage im Blick; immer mit dem Fokus auf die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Für das Gesamtunternehmen ergaben sich wie für die Gesellschaft im Allgemeinen große Herausforderungen, um die wirtschaftliche Position zu stabilisieren und die Ernte sowie die Vermarktung teilweise zu erhalten. Wir danken insbesondere unseren Mitarbeitenden für ihren Einsatz in dieser Zeit, für den Teamgeist, die Freundlichkeit und auch die Stressresistenz und blicken optimistisch in die Zukunft und hoffen auf ein Abklingen der epidemischen Lage.

Welche Herausforderungen meinen Sie?

Etwa, wenn große Teile der Felder nicht abgeerntet werden können. Spargel kann man zwar wachsen lassen, aber es bedeutet natürlich auch Umsatzeinbußen.

Die für die Firma gefährdend waren?

Nein, wir sind breit aufgestellt.

Oder sind Umstellungen im Unternehmen geplant?

Ich bin 79, werde dieses Jahr 80 – ich stelle nichts mehr um. Wenn aber die jungen Leute das anders sehen...

Auch interessant

Kommentare