Auf Tour durch die Schulen

„Freistatt“ kehrt zurück

Bedrückendes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der Film „Freistatt“, in dem Louis Hofmann den damals 14-jährigen Wolfgang spielt.

Landkreis - Von Heinrich Kracke. Die Angst und die Hoffnungslosigkeit eines 14-Jährigen hat in den vergangenen Monaten abertausende Menschen in der Region gerührt und berührt, jetzt kehrt sie zurück.

Das Filmdrama „Freistatt“, das auf bedrückende Weise vom Schicksal des jungen Wolfgang im Erziehungsheim Freistatt erzählt, ist im Rahmen der Schulkinowochen im Februar an mehr als einem Dutzend Standorten in Niedersachsen zu sehen, unter anderem am 25. Februar in Diepholz.  Doch auch wer nicht mehr die Schulbank drückt, behält weiterhin Gelegenheit, Einblick in die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und perfiden Erziehungsmethoden am Rande des Wietingsmoores zu nehmen. „Der Film ist gegenwärtig als DVD erhältlich, die Resonanz ist auch hier beeindruckend,“ sagt Christian Weber vom Filmverleih Edition Salzgeber in Berlin. Zum Jahresende oder zu Beginn des Jahres 2017 wird „Freistatt“ dann auf dem Fernsehbildschirm erwartet.

Gleichzeitig veröffentlichte der Verleih die Besucherzahlen. Mehr als 45.000 Menschen haben den gnadenlosen Anstaltsleiter Brockmann und den prügelnden Oberbruder Wilde gesehen. „Eine sehr gute Resonanz“, heißt es aus Berlin. Beträchtlichen Anteil daran hatte die Region zwischen Bremen und Osnabrück, in der der Streifen spielt. 25.000 Zuschauer strömten allein im Raum zwischen Vechta und Nienburg, Minden und Syke in die Kinos. Und im Sulinger Filmpalast, wo gleich 5000 Besucher die Kasse passierten, war „Freistatt“ der erfolgreichste Film des Jahres. Er lag noch vor den großen Magneten wie „Fack ju Göhte“ oder „Honig im Kopf“.

Manche haben ihn mehrfach gesehen. Ingolf Semper von „Bethel im Norden“, das einen höchst facettenreichen Ableger im heutigen Freistatt unterhält, sogar mehrfach. „Insgesamt sieben Mal habe ich die 108 Minuten auf mich wirken lassen. In Saarbrücken bei einer der ersten Preisverleihungen genauso wie in den vergangenen Monaten zum Beispiel zweimal in Sulingen, und ich gestehe gern ein, selbst beim siebten Mal hat der Film nichts von seiner Wirkung everloren. Es ist die bedrückende Szenerie geblieben, die es war. Eine Handlung, die mich jedes Mal mitreißt.“

Gewiss, man habe zunächst nicht richtig geahnt, auf was man sich einlasse, vor sechs Jahren, als zum ersten Male die Idee an sie herangetragen wurde, die Ereignisse von damals zu verfilmen. Spiegel-Autor Peter Wensierski hatte zu diesem Zeitpunkt schon dies dunkle Kapitel Deutscher Nachkriegsgeschichte auch am Beispiel der von Bodelschwinghschen Anstalten in Freistatt ans Licht geholt. „Uns war klar, dass wir uns diesem Thema stellen,“ sagt Semper, „uns war klar, dass wir uns nicht verschließen können, und dass wir zur Aufarbeitung beitragen wollen. In 3000 Heimen in Deutschland wurden diese Methoden praktiziert, und wir gehörten dazu.“ Unklar eben nur, wie das Publikum reagiert. „Wir haben sehr viele Reaktionen erhalten. Und davon sehr viele positive Reaktionen.“ Lediglich einige wenige fragten, ob es denn wirklich so gewesen sein. Und wie das denn angehen könne. „Wir konnten lediglich bestätigen, dass es so war.“

Dass diese Methoden aufgegriffen wurden, erst im Nachrichtenmagazin, dann auf der Leinwand, das habe viel bewirkt und bewirke noch heute viel. „Wichtig zum Beispiel, dass den Kindern und Jugendlichen von damals Anerkennung zuteil wurde. Durch den runden Tisch etwa. Und dass ihnen wenigstens ihre Rentenzeiten anerkannt wurden.“

Bewegt hat der Film des gebürtigen Diepholzers Marc Brummond die Filmszene weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. Nicht weniger als 18 Preise heimste das finstere Kapitel aus dem Wietingsmoor ein. Den Emder Drehbuchpreis zum Beispiel, beim Filmfestival Max Ophüls den Publikumspreis und den Preis der Jugendjury, beim internationalen Filmfest im belgischen Waterloo sogar drei Preise, als bester Film, als bester Darsteller (Louis Hofmann) und den Preis der Jugendjury. Sogar als deutscher Vorschlag für die Oscar-Verleihung spielte „Sanctuary“, wie der Streifen in seiner internationalen Fassung heißt, kurzzeitig eine Rolle, ehe dann doch „Honig im Kopf“, „Das Labyrinth der Lügen“ und einige andere den Weg nach Hollywood antraten.

„Dieser Film hat mein Leben verändert,“ sagt einer, der in den knapp zwei Stunden im Mittelpunkt des Geschehens steht. Sagt Wolfgang Rosenkötter. Nach seiner Geschichte ist „Freistatt“ konzipiert, seine Leidensgeschichte stand Pate für die Geschichte des Wolfgang, des 14-Jährigen, der erniedrigt und geprügelt wird und schließlich die Flucht ergreift. „Drei Male habe ich den Film gesehen, und jedes Mal spürte ich die Schläge, als wäre es jetzt.“

In Interviews schilderte und schildert er die Verhältnisse von damals, vor Fernsehkameras genauso wie bei Radiosendern und in Print-Redaktionen, als Referent berichtete und berichtet er von den drakonischen Strafen und von der Angst, der alltäglichen Angst, die alles lähmte. Bis nach Singapur führten ihn die Reisen in Sachen Freistatt, zum Deutschen Filmfestival, wo „Sanctuary“ ebenfalls bemerkenswerte Beachtung fand.

Inzwischen hat der Streifen das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten. Und als solcher tourt er jetzt durch die Schulen des Landes, und mit ihm Wolfgang Rosenkötter. „Gestartet sind wir in Berlin, dann ging es ins Saarland, jetzt sind wir in Hamburg und ab Mitte Februar in Niedersachsen,“ sagt Wolfgang Rosenkötter. Allein in jenem Bundesland, in dem ihm das alles widerfahren ist, steht er in 30 Veranstaltungen Rede und Antwort.

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