Demontage im Naturschutzgebiet

Spargel-Streit in Brandenburg: Alles muss weg! Für die Familie Thiermann geht es um Millionen

Der Laie ist irritiert: Mais und Getreide können angebaut werden, aber Heidelbeeren und Spargel nicht? In Brandenburg kämpfen Landkreis und Landwirt jetzt gerichtlich darum, was auf über 335 Hektar Fläche in dem Gebiet angebaut werden darf. Und was eben nicht.

Scharringhausen – Vor vier Jahren hat Landwirt Heinrich Thiermann aus Scharringhausen, Pächter der Domstiftgüter Mötzow und Grabow, auf Ländereien in den Gemarkungen Brandenburg und Klein Kleetz Heidelbeeren angebaut. Dem Vernehmen nach gut 100.000 Pflanzen auf 35 Hektar und Spargel auf 300 Hektar. Die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Brandenburg an der Havel hat verfügt, dass alle Pflanzen und alles, was sonst noch aufgebracht wurde, etwa an Torfen oder Substraten, sowie alles, was sonst noch errichtet wurde, an Zäunen etwa, Wasserleitungen oder Brunnen, abmontiert werden müsse. Alles! Bis zum 1. März 2021.

Ortsteil Ortsteil
OrtKirchdorf
SamtgemeindeKirchdorf
LandkreisDiepholz

Die Familie Thiermann hat Rechtsmittel eingelegt. Bis zu einem abschließenden gerichtlichen Beschluss können die Pflanzen im Boden bleiben. Nein, Familie Thiermann will zum laufenden Verfahren nichts sagen.

Thiermann muss vor Gerichts-Beschluss keinen Spargel roden

„Thiermann Spargel & Beeren“ hat seinen Stammsitz im Kirchdorfer Ortsteil Scharringhausen. Angebaut werden dort auf etwa 500 Hektar Spargel, auf etwa 100 Hektar Heidelbeeren. Die Firma wirbt damit, dass ihre „Hochmoorheidelbeere“ in dem Naturschutzgebiet Darlatener Moor wächst. Und die Argumentation der Behörde in Brandenburg legt nahe, was auch in Niedersachsen durchaus denkbar wäre: Wenn statt Ackerbau Sonderkulturen angepflanzt werden, verändert sich das Landschaftsbild, heißt es. Wenn Folien eingesetzt werden, hat das Auswirkungen auf die Natur, heißt es. Beweise? Es gibt Gutachten, auf beiden Seiten, für unterschiedliche Sichtweisen. Was stimmt?

Eine Plastikwüste mit Auswirkungen auf die Natur? Es gibt Studien, die diese Frage bejahen und Studien, die diese Frage verneinen.

Etwa 25 bis 30 Prozent der Fläche der Samtgemeinde Kirchdorf stehen unter irgendeiner Art von Schutz, sagt ein Sprecher der Verwaltung auf Anfrage. Die Homepage des Landkreises Diepholz bietet eine Art „interaktive Karte“, in der jeder öffentlich alle Schutzgebiete, die es im Landkreis gibt, einzeln oder gemeinschaftlich aufzeigen lassen kann: Landschaftsschutzgebiet, Naturschutzgebiet, Vogelschutzgebiet. Was sich nicht einfügen lässt: Welche Flächen wie landwirtschaftlich genutzt werden. So ist nicht belegt, welche Flächen genau, mit was bepflanzt werden. Das weiß nur der Landwirt.

Spargelanbau ist in Naturschutzgebieten verboten

Für jene Flächen in Schutzgebieten, die landwirtschaftlich genutzt werden können, gelten Bedingungen. Eine davon ist eine Verträglichkeitsprüfung, die, natürlich, vor dem ersten Spatenstich abgeschlossen sein muss. Die Frage, die zu klären wäre, ist: Hat die Thiermann GmbH & Co. KG für den Vielfruchthof Domstiftsgut Mötzow diese Prüfungen durchgeführt, vorab? Gab es eine Genehmigung zur Anpflanzung? Fragen, die nicht nur für die Bewirtschaftung der Domstiftsgüter in Brandenburg gelten.

Aus der richtigen Perspektive wirken die Folientunnel wie ein gleißendes Versprechen an die Zukunft.

Anbau von Spargel oder Kulturheidelbeeren im Landkreis Diepholz klar geregelt

Kontaktiert der Landkreis Diepholz betroffene Landwirte, um etwaige notwendige Verträglichkeitsprüfungen einzufordern? „In jeder Schutzgebietsverordnung sind die zulässigen Nutzungen beschrieben. Dabei sind in der Regel die bestandsgeschützte bisherige Nutzung und somit auch die landwirtschaftliche Nutzung freigestellt. Im Rahmen der Ausweisungsverfahren werden die Landwirte über die Landvolkverbände, öffentliche Auslegungen sowie Informationsveranstaltungen eingebunden“, antwortet Mareike Rein, Pressesprecherin des Landkreises Diepholz.

Und, ja, der Anbau von Spargel oder Kulturheidelbeeren in den unterschiedlichen Schutzgebieten im Landkreis Diepholz ist klar geregelt: „Ein Anbau von Spargel- oder Heidelbeerkulturen ist in den Naturschutzgebieten im Landkreis Diepholz grundsätzlich nicht gestattet. In Landschaftsschutzgebieten ist die ordnungsgemäße landwirtschaftliche Nutzung einschließlich der Änderung der Kulturarten in der Regel zulässig. In Vogelschutzgebieten bedarf die Neuanlage von Spargel- oder Heidelbeerkulturen einer Verträglichkeitsprüfung“, bestätigt Rein.

Spargelanbau: Für Thiermann geht es um Millionen

Was also, wenn der Landwirt die bisherige Nutzung aufgrund der neuen Unterschutzstellung ändern muss? Gäbe es eine Entschädigung? Nein. Mareike Rein erklärt: „Da die bisherige ackerbauliche Nutzung in der Regel freigestellt ist, entfallen auch Entschädigungszahlungen. Erschwernisausgleichszahlungen gibt es nur in Naturschutzgebieten im Bereich der Grünlandnutzung.“

In Brandenburg sind sich die zuständigen Kommunen nicht einig in der Handhabung des Themas und so ist es allein die Stadt Brandenburg, die Thiermann belangt. Flächen in anderen Zuständigkeiten dürfen weiterhin mit Sonderkulturen betrieben werden. Und wie könnte sich der Anbau von Sonderkulturen im Landkreis Diepholz entwickeln? Die Pressesprecherin will nicht spekulieren und verweist auf Fakten: „Eine Aussage zu unterschiedlichen Interpretationen von Landkreisen ist nicht möglich, da diesen oftmals auch unterschiedliche Sachverhalte zugrunde liegen.“

Spargel: Landkreis Diepholz kennt keine Untersuchungen zu Folgen von Foliennutzung

Dennoch: Wird die Foliennutzung im Landkreis überwacht? Gibt es Vorgaben an die Landwirte in Bezug auf die Folie? Die amtlichen Vorgaben sind überschaubar: „Bei der Foliennutzung handelt es sich um landwirtschaftsgängige Praxis. Es ist darauf zu achten, dass keine Folienreste als Abfall in der Landschaft verbleiben“, erklärt Rein. „Derartige Vorgaben könnten gegebenenfalls vom Landwirtschaftsministerium und der Landwirtschaftskammer kommen.

Und nein, Untersuchungen in Bezug auf Artenvorkommen und Foliennutzung in der Landwirtschaft sind dem Landkreis als Genehmigungsbehörde nicht bekannt.

Mit Spannung erwartet wird der Ausgang der gerichtlichen Auseinandersetzung in Brandenburg. Es geht um Millionen, um Arbeitsplätze, die Zukunft des Betriebes – und die Frage, welche Auswirkung diese, ganz objektiv gesehen, finanzielle Katastrophe für die brandenburgischen Domstiftsgüter auf den Thiermannschen Stammbetrieb in Scharringhausen haben könnte. Auf dem wird, laut Homepage, die Saison 2021 vorbereitet. Inklusive Gastrozelt und Hofladen, wie bisher. Mit einem Saisonstart am 10. April, wenn möglich.

Konsumverhalten reflektieren ‒ Ein Kommentar von Sylvia Wendt

Auch wenn die Gülle zum Himmel stinkt: Alles, was den Verbraucher an Landwirtschaft aufregt, hat er sich selber eingebrockt. Wenn da wer mit dem Finger zeigen will, muss er sich vor den Spiegel stellen, um die richtige Person zu treffen.

Die Nachfrage bestimmt den Markt. Wenn der Verbraucher nur billiges Fleisch kauft, dann wird das produziert. Die Umweltbilanz für Schokolade ist unglaublich schlecht. Die Rosen zum Valentinstag im Februar kommen per Flieger aus Afrika, Ecuador oder Kolumbien. Und wenn der Verbraucher an Ostern Spargel will, dann wird dafür gesorgt. Egal, wie früh im Jahr Ostern ist.

Und nicht nur ein Spargelbauer nutzt entsprechende Hilfsmittel wie Folien, Tunnelsysteme und/oder unterirdische Wasserleitungen. Wenn die heimischen Bauern nicht liefern, ordern die Marktleiter für ihre Kunden eben in Chile oder Peru. Das ist alles nicht neu, wird aber immer wieder vergessen.

Rubriklistenbild: © Andres Zumaya

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