Förderschulinternat Freistatt: Team zieht eine erste positive Zwischenbilanz

Das Modell funktioniert

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Der Blick ins Zimmer ist ausdrücklich erlaubt: Hier wohnt ein Bayern-München-Fan...

Freistatt - Von Sylvia Wendt. Weihnachten, Familienidylle unterm geschmückten Baum, Geschenke, besinnliche Stimmung. Schön, wenn das so ist. Was, wenn von der Liste nur Weihnachten übrig bleibt? „Hilfe aus einer Hand“ verspricht das Janusz-Korczak-Förderinternat Freistatt, seit gut neun Monaten für acht Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. Eine Zwischenbilanz.

Die Feiertage im Förderschulinternat Freistatt bescheren fast allen Jungs eine Heimreise, nur einer bleibt in Freistatt. Im Internat allerdings stehen alle Zeichen auf Festtage: Das Lebkuchenhaus ist fertig zusammengekleckst, die Deko überm Esstisch kombiniert Glitter und Natur. In der Küche steht das Essen bereit, das Wohnzimmer ist aufgeräumt und der Baum geschmückt. Die Zimmer sind aufgeräumt. Eines darf angeschaut werden: Da schlafen doch tatsächlich ein Bayern-Fan und ein Schalke-Fan einträchtig unter einem Dach. Alles mutet an, als käme man zu Besuch in eine Familie.

Wie schwer Probleme wiegen, mit denen Kinder schon in jungen Jahren belastet werden, kann sich nur vorstellen, wer beruflich seit Jahren mit der Thematik betraut ist. Das ist seinerzeit Grund gewesen für Frank Simon, Diplom-Pädagoge und Lehrer, und Heiner Thiemann, Leiter des Schulverbundes Freistatt, ihre Erkenntnisse aus Schule, Jugendhilfe und pädagogisch begleiteter Freizeitgestaltung in einem bundesweit einmaligen Modell zu bündeln.

Das Förderschulinternat Freistatt bietet Platz für acht Jungs im Alter zwischen sechs und 13 Jahren. Erziehungsleiter ist Sozial-Pädagoge Björn Haust, vier weitere hauptamtliche Mitarbeiter zählt das Team, nicht eingerechnet sind die Einzelhelfer in der Ganztagsschule am Schulverbund, Psychoanalytiker. Das Team ist handverlesen – die Arbeit für Berufsanfänger eher nicht geeignet. Die Nähe, die Internatsleben grundsätzlich bedeutet, muss man zulassen können. Sich selbst, seine Arbeit, seine Erlebnisse täglich zu hinterfragen, tägliche Abstimmungen des Teams bedeuten, dass die Betreuung der acht Jungs höchst engmaschig erfolgt. Präzise Beobachtungen und konsequentes Handeln, fachspezifisch und individuell auf jeden einzelnen Jungen im Internat zugeschnitten – ergeben nach neun Monaten eine erfolgreiche Zwischenbilanz. Das Modell funktioniert.

Manche „Stellschrauben“ hätten nachjustiert werden müssen, sagen Simon und Haust. Das Grundgerüst aber trage das Internat. Und die Dienstleistung ist nachgefragt. Thiemann, Simon und Co. haben im Vorfeld viele Widerstände überwunden, haben unablässig Einsprüche aus dem Weg diskutiert. Es ist durchaus Stolz, der mitschwingt, wenn positive Entwicklungsgeschichten der Jungs erzählt werden, ohne zuviel zu verraten. Die Internatsschüler sind ebenso handverlesen wie das Team. Nicht alle passen, Frank Simon hat sich die Jungen dann persönlich angeschaut, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, hat sich nicht auf geschriebene Statements verlassen.

Während die Kinder im Förderschulinternat Freistatt sind, wird auch mit den Eltern gearbeitet. Ziel sei immer die Rückführung: in die Regelschule, in die Familie, in die Selbstständigkeit.

Es ist die Ruhe, die die Kinder in Freistatt erstmals finden können, die Zeit für Gespräche, dass sie nicht geschlagen werden, wenn ihnen ein Missgeschick passiert, dass geschultes Personal hilft, sich als Persönlichkeit zu finden: Die Mitarbeiter bei den Ämtern sind jetzt überzeugt von der Arbeit. Und sie fragen häufiger nach freien Plätzen.

Das Modell Förderschulinternat lebt von dem Gefühl von Familie, das es bietet. „Sich mal fallen lassen können. Liebhaben, das kennen viele nicht“, berichtet Björn Haust. Die Gruppe stromert zusammen durchs Moor, man darf sich dreckig machen, mit Stöcken schmeißen, über Gräben springen, gemeckert hat im Anschluss nur die Waschmaschine...

Und die vielen Vorbehalte auch in der Freistätter Bevölkerung? Keine Beschwerden, Zusammenstöße oder dass jemand die Notfalltelefonnummer jemals hätte wählen müssen: Das Förderschulinternat arbeitet, nach außen, „unauffällig“.

Ganztagsschule, Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung: Die Erkenntnisse der Jugendarbeit, die in Freistatt gewonnen werden, führen aktuell dazu, dass die Arbeit mit einem der Internatsschüler bereits so erfolgreich war, dass die Rückführung vorbereitet wird. Gerüchte, dass eine Vergrößerung des Internats bereits beschlossen sei, dementieren Thiemann und Simon energisch. Das Konzept basiert auf dem Team und maximal acht Jungs. Es sei nicht beliebig erweiterbar. Ob und dann in welcher Form weitere Plätze geschaffen werden könnten – damit will man sich frühestens nach Ablauf des ersten Internatsjahres befassen, im April 2016.

Leichtfertig geht man mit dem Thema Kinder- und Jugendhilfe im Internat nicht um, es ist eine Herzenssache, das zeigt das Engagement von Björn Haust, Frank Simon und Heiner Thiemann. Im Mittelpunkt: Die Kinder und ihre Zukunft als Teil der Gesellschaft. Immer, nicht nur zu Weihnachten.

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