Heimatpfleger als Chronisten der Gasthaus-Historie

Flucht vor der Einsamkeit bis Erlebnishunger

Die Aufnahme aus dem Jahr 1942 zeigt das „Lagerorchester“, bestehend aus französischen Kriegsgefangenen, am Gasthaus Krome in Bahrenborstel.

Kirchdorf - Zack, ist die Viehabnahme am ehemaligen Gasthaus Krome in Bahrenborstel weg. Gut, dass Nachbarin Irmgard Krebs als Samtgemeindearchivarin immer ein waches Auge – und die Kamera griffbereit hat. Der Anbau ist nun zwar abgerissen, Saal und Haupthaus des ehemaligen Gasthauses stehen noch, der Betrieb indes ist seit Jahren geschlossen; wie viele Gasthäuser (nicht nur) in der Samtgemeinde Kirchdorf.

Manchen sieht man es von außen noch an, dass sie einst Treffpunkt der lokalen Sportler, Schützen, Politiker, Landwirte oder anderer Gruppen waren. Andere sind bereits seit langen Jahren neuen Gebäuden gewichen. Geblieben sind, noch Zeitzeugenberichte, Dokumente und Fotos. 

Diese drei Komponenten möchten die Mitglieder der örtlichen Heimatvereine und Arbeitskreise Dorfgeschichte jetzt einen, erneut für ein Gemeinschaftsprojekt von Heimatpflegern im Landkreis Diepholz unter Federführung von Kreisheimatbund und Kreismuseum Syke. Irmgard Krebs hatte die Kollegen für Donnerstag ins Rathaus gebeten, Historiker Ralf Weber stellte ihnen mögliche Themenbereiche rund um das Gaststättenwesen vor.

Immer wieder Neues zu entdecken

Etliches an Vorarbeit haben die Chronisten bereits erledigt: Viele Ortschaften haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Recherchen für Chroniken erstellt. Und doch gebe es immer wieder Neues zu entdecken, berichtet Irmgard Krebs. Wichtigste Informationsquellen seien die Hinweise von Zeitzeugen. Deshalb werde jetzt untersucht, was es mit dem Friedensvertrag auf sich habe, der 1866 im Heerder Gasthaus „Zum Klick“ unterschrieben wurde, zwischen Vertretern der hannoverschen und preußischen Truppen. 

Fotografieren müsse man das ehemalige Gasthaus Nachtigall in Kirchdorf, solange das noch stehe. Und in dem wohl ein Kapitel der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) geschrieben wurde. Aus Gesprächen mit der Familie Nachtigall berichtet Irmgard Krebs, dass sich Fritz Nachtigall erinnere an die „großen blonden Frauen, zu denen keiner hindurfte“. Laut Krebs seien 24 Entbindungen in der NS-Zeit registriert von Frauen, die aus Hamburg, Bremen oder Holland aus zur Entbindung nach Kirchdorf geschickt wurden.

„Lagerorchester" spielte sonntags auf

Weitere Recherchen hätte auch die Geschichte des „Lagerorchesters“ in Bahrenborstel verdient. Französische Kriegsgefangene waren einquartiert im Gasthaus Krome, schliefen im Saal. Tagsüber halfen sie gegen Entgelt auf den Feldern. Vom Lohn hätten sie sich Instrumente gekauft – und als „Lagerorchester“ sonntags im Saal aufgespielt.

„Spüren sie die Geschichten auf, wir freuen uns auf ein Buch, in dem wir schmökern können“, hatte Samtgemeindebürgermeister Heinrich Kammacher die Heimatpfleger zur Tagung im Rathaus begrüßt. Kammacher kennt Gastronomie aus eigener Erfahrung: Seine Familie betrieb „Döpkes Kneipe“ im Barenburger Ortsteil Munterburg, auch sie ist heute geschlossen.

Geschichten zwischen Stammtisch und Schnapsbrennerei

Fotos, Dokumente: Die Heimatpfleger werden sich in den kommenden Monaten um den historischen Lückenschluss bemühen. Von Trunkenbolden erfahren und Reformgasthäusern, wie Gasthäuser einst genutzt wurden (als Telefonzelle, Kolonialwarenladen, Sparkasse, Posthalterei und mehr). Laut Ralf Weber ist die Datenbank der Landkreis-Historiker bereits mit 200 Gaststätten gefüllt. 

In dem geplanten Buch werden nicht alle aufgeführt werden können, 300 Seiten müssen reichen, um die Geschichten zwischen Stammtisch und Schnapsbrennerei zu nennen, von der Flucht vor der Einsamkeit bis hin zum Erlebnishunger als Gründe der Gäste für einen Besuch in ihrem Gasthaus zu erzählen. Eine Wanderausstellung ist ebenso geplant. Und wer hat noch eine Musikbox? „Die vermisse ich am meisten“, klagt Weber. Er ist nicht der einzige... - sis

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