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Von Fahnenflucht und Familienschicksal: Goldene Hochzeit im Hause Krebs

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Von: Sylvia Wendt

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Irmgard und Karl-Heinz Krebs begingen goldene Hochzeit.
Irmgard und Karl-Heinz Krebs begingen goldene Hochzeit. © S. Wendt

Ehejubiläum in Bahrenborstel: Irmgard und Karl-Heinz Krebs sind seit 50 Jahren verheiratet

Bahrenborstel – Die blühende Idylle in Bahrenborstel ist seit 50 Jahren der sichere Hafen für das Ehepaar Irmgard und Karl-Heinz Krebs. Es gibt im Garten nicht nur einen Lieblingsplatz, es sind gleich mehrere. Der Weg in diese Idylle beginnt in den 1960er Jahren, als ein Jugendlicher aus Bad Lausick in der Nähe von Leipzig nach der Maurerlehre entscheidet, zur See zu fahren.

Die DDR erlaubt nur kerngesunden Bürgern, solchen ohne irgendeinen Angehörigen im westlichen Ausland, die Aufnahme. Karl-Heinz Krebs beginnt im Alter von 17 Jahren bei der Handelsmarine. Er ist 18, als sein Schiff in Malmö vor Anker geht: Er geht hier von Bord, im Gepäck nur seinen Ausweis, beantragt in Schweden Asyl. Gar keine Bilder von den Eltern und so? „Ich war 18. Da habe ich an so was nicht gedacht“, erinnert sich der heute 71-Jährige.

Fahnenflucht heißt das, was er damals tat. Und Fahnenflucht steht noch heute in seiner DDR-Militärakte. Es ist ein Vergehen, dass die Staatssicherheit zu den Eltern fahren lässt, das Zimmer wird durchsucht. Nein, die Eltern haben keine Repressalien zu spüren bekommen, die Expertise des Vaters als Handwerksmeister war zu nachgefragt. Andere Verwandte, jene, die Mitglied der „Stasi“ waren, wandten sich indes von der Familie ab.

Was die DDR-Regierung nicht recherchiert hatte: Eine Tante wohnt in Steyerberg. Zwischenzeitlich neu verheiratet und mit neuem Namen. Karl-Heinz Krebs hatte die Tante während des Bewerbungsverfahrens nirgends angegeben. Hier hilft der gelernte Maurer im Oktober 1968 beim Bau des Hauses. Karl-Heinz hat schon den Führerschein gemacht, fährt seinen Freund Herbert immer nach Bahrenborstel zu dessen Freundin. Die wiederum hat eine Freundin, Irmgard Meyer. Fräulein Meyer und Herr Krebs sind sich sympathisch, „wir haben gequatscht – und uns dann aus den Augen verloren“, sagt Irmgard Krebs. Beide seien damals liiert gewesen.

Es ist die Hochzeit von jenem Freund Herbert, kaum zwei Jahre später, der die beiden wieder zusammenführt. Nun sind beide Single. Aber tatsächlich nicht lange: 1971 Verlobung, 1972, am 5. Mai, Hochzeit. Das goldene Jubiläum feiert das Ehepaar mit Familie, Freunden und Nachbarn im eher kleinen Kreis. Als sie den Termin gebucht haben, waren die Pandemie-Vorgaben noch andere.

Karl-Heinz Krebs führt seine Braut zum Altar, ohne dass seine Familie teilnehmen kann. Schwester und Eltern sieht er 20 Jahre nicht. 1972 wird Sohn Marko geboren. Manche Pakete aus der DDR kommen an, andere nicht, gleiches gilt für Post aus dem Westen in Bad Lausick. Die Familien kennen sich nur von Fotografien, die es zum jeweils anderen schaffen. Bad Lausick ist heute übrigens Drehort für die Szenen aus der Sachsen-Klinik für die TV-Serie „In aller Freundschaft“.

Es ist November 1982, als der zehnjährige Marko Krebs sein Rad schnappt, um die Ecke in den Laden fahren möchte. Es wird „Silo gefahren“ zu der Zeit. Ein kleiner Bub, ein großer Traktor: Es kommt zu einem Unglück, bei dem der Junge sein Leben verliert.

Auch zur Beerdigung dürfen die Eltern von Karl-Heinz Krebs nicht reisen. Die Bundesregierung in Person von Sigismund Freiherr von Braun rät dem Familienvater in Bahrenborstel, auf keinen Fall einen Fuß auf DDR-Gebiet zu setzen. Er würde sofort verhaftet. Karl-Heinz Krebs ist zur Jahreswende 1989/1990, als die Mauer fällt, das erste Mal wieder bei den Eltern.

1984 wird Tochter Julia geboren, die heute mit Ehemann Peter und den Kindern Klara (7) und Greta (4) in Göttingen wohnt. Tochter Sarah lebt mit Ehemann Florian und Sohn Johann (1) im Elternhaus, das für die neuen Bedürfnisse „zum x-ten Male“ umgebaut wird, natürlich von Opa Karl-Heinz.

Irmgard und Karl-Heinz Krebs haben sich zeitlebens über verschiedene Vereine und Projekte in die Dorfgemeinschaft eingebracht. Beruflich blieb der Jubilar dem Handwerk – er machte seinen Meister – treu, bis er 2014 in Rente ging. Die Jubilarin absolvierte nach der Schullaufbahn eine Einzelhandelslehre, versorgte dann die Kinder und die eigenen Eltern zu Hause. „Früher hatten wir hier auch noch eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen, Schafen und einem riesigen Garten zum Selbstversorgen.“ Etliche Jahre arbeitete sie wieder im Einzelhandel, im E-Center in Sulingen, bis sie 2005 schwer erkrankte und frühzeitig in Rente gehen musste.

Irmgard Krebs ist als Samtgemeindearchivarin hoch aktiv – „Geschichte hat mich immer interessiert.“ Beide zusammen gehören zu den Gründern des Heimatvereins Bahrenborstel. Die 70-Jährige sagt es, als die Glocke vom Glockenturm, gegenüber des Hauses gelegen, läutet. „Zu Mittag“, erklärt Karl-Heinz Krebs. Und zum Feierabend auf den Feldern um 18 Uhr, am Sonntagmorgen und zu Beerdigungen. Natürlich hat Irmgard Krebs auch die Geschichte dieses Glockenturms recherchiert. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

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