Jäger, Landwirte und Freiwillige nutzen Drohnen

Eine Herzensangelegenheit: 750 Rehkitze vor dem Tod gerettet

Erst etwa im Alter zwischen drei bis sechs Wochen entwickeln Rehkitze ihr Fluchtverhalten. Vor dieser Zeit sind sie im hohen Gras vor Mähmaschinen nicht geschützt.
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Erst etwa im Alter zwischen drei bis sechs Wochen entwickeln Rehkitze ihr Fluchtverhalten. Vor dieser Zeit sind sie im hohen Gras vor Mähmaschinen nicht geschützt.

Barenburg – Christian Beck reibt sich die Augen. Der junge Ströher hat sich wieder deutlich vor dem Sonnenaufgang auf den Weg gemacht mit dem schwarzen Koffer. Darin die Drohne, die, unter anderem, das Leben von Rehkitzen rettet. Nein, die Zahl 1 000 will Stefan Schwier, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Grafschaft Diepholz, beim Gespräch in Barenburg nicht nennen. „Aber 750 Rehkitze haben wir seit Anfang Mai bis heute in den 13 Hegeringen wohl schon vor dem sicheren Tod gerettet.“

Den Drohnen sei dank, dem schlechten Wetter im Frühling – und jeder Menge Menschen. Der Reihe nach: Die Kreisjägerschaft Grafschaft Diepholz habe aktuell drei Drohnen im Einsatz, zwei davon gefördert mit Bundesmitteln, eine durch Gelder aus der Bingo-Umweltstiftung, erklärt Schwier. Die richtige Handhabung will gelernt sein. Und, klar, hat auch Christian Beck einen „Drohnenführerschein“. Versicherung und rechtliche Vorgaben wollen geregelt und bekannt sein. „Viele Hegeringe haben auch privat investiert.“ Insgesamt seien etwa 15 Drohnen in den Reihen der Jägerschaft „abrufbar“, sagt Stefan Schwier.

Die Technik rund um die schwirrenden Flieger macht ständig Fortschritte. Christian Beck schildert die Probleme mit der Kameraauflösung, mit der Hitze, mit der Akkulaufzeit. Es gebe immer wieder Jäger und Landwirte, die andere Methoden bevorzugen, etwa, vorher Hunde durch zu mähende Flächen laufen zu lassen, deren Geruch die Rehe fernhalten soll. „Aber manche Ricken stören sich nicht daran“, erklärt Fiona Holthus, neue Presse-Obfrau der Kreisjägerschaft. „Andere setzen auf Geräusche, aber auch die stören manche nicht.“ Das Gespräch kommt auf eine Ricke, die seit Jahren ihren Nachwuchs in immer dasselbe Feld setzt. Das sei schon bekannt, etliche ihrer Kitze habe man da schon rausgetragen, um sie vor dem Mähen in Sicherheit zu bringen. „Das ist ihr egal. Sie kommt wieder“, sagt Holthus.

Einer der Piloten ist Tjorben Gärtner.

„Es gibt Flächen, da hätte ich geschworen: Da ist kein Kitz drin. Und dann haben wir doch welche gefunden“, berichtet Christian Beck aus dem Drohnenpiloten-Alltag. Der beschäftigt die Jäger über einen relativ kurzen Zeitraum. „Hauptsaison“ sei von etwa Anfang Mai bis Mitte Juni. Zwar gebe es auch vorher schon Kitze und auch jetzt noch tragende Rehe. Aber das Gros ist in den vier bis sechs Wochen im Mai und Juni gefährdet. Ausschlaggebend sei der erste Schnitt des Grases auf den Grünflächen, erklärt Schwier. Und dieser Schnitt sei eben wetterabhängig. Den Kitzrettern in die Hände spielte in diesem Jahr das schlechte Wetter. Da hätten sich die Landwirte alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten für den Mäheinsatz entschieden – und nicht alle gleichzeitig. Das gab den Drohnenpiloten und ihren Teams die Chance, umso mehr Flächen zu überfliegen.

Drohnen-Technik immer ausgefeilter

Beck erklärt die Technik, die schon so automatisiert ist, dass Flächen, über Kartenanbieter eingescannt, virtuell abgesteckt werden können, Maße und Koordinaten inklusive. Beck gibt der Drohne vor, wie die Flugbahnen aussehen sollen, sodass möglichst kein Zipfel, also kein Kitz, übersehen wird.

Christian Beck lässt seine Drohne in 50 Metern Höhe fliegen, basierend auf seinen Erfahrungswerten mit diesem Modell. Und wenn es so warm ist, wie in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, kann er es sein lassen: Dann ist alles warm, meldet die Anzeige. Nicht nur der Körper der Kitze. Ist es tageszeitlich egal, wann die Drohnen-Teams unterwegs sind? „Es geht abends oder morgens, eben vor dem Mähen. Und wenn es sich abgekühlt hat, dann sind die Kontraste am besten“, erklärt Beck.

Im Display ist das Kitz deutlich zu erkennen.

Das eigentliche Fliegen und Finden gehe zügig. Der Pilot weiß etwa zwei bis vier Helfer an seiner Seite, die muss er punktgenau zum Kitz führen. Die Drohne „parkt“ er so lange direkt über dem Kitz, das ihr Scheinwerfer anstrahlt. „Und da hinzukommen auf den Feldern ist wirklich nicht einfach“, sagt Stefan Schwier. Die Helfer sind im Dunkeln unterwegs, mit Karton, mit Gras, mit Handschuhen: Ihr Geruch soll nicht ans Kitz gelangen. Deshalb werde es in einen, ebenfalls geruchlosen neuen Karton (mit Luftlöchern) gesetzt und am Rand des Feldes platziert, bis das gemäht ist. Das Fiepen der Kitze, das so mit der Mutter kommuniziert, ist nichts für schwache Gemüter. Nach dem Mähen lassen die Helfer die Tiere wieder frei. Wer sind die Helfer? Jäger, manche Landwirte machen selber mit, Freiwillige. Aus Christian Becks Clique haben sich etliche für den Einsatz gemeldet, berichtet der Ströher. Die enge Absprache aller Beteiligten ist wichtig, damit pro Einsatz möglichst die gesamte Fläche abgesucht werden kann.

Freiwillige Helfer immer gern gesehen

Nein, es gebe keine gesetzliche Vorgabe bezüglich der Rehkitzrettung, sagt Stefan Schwier. Das heißt, niemand ist gezwungen, vor einem Einsatz auf dem Feld zu gucken, ob Kitz, Hase oder Damwildkälber dort liegen. Gleichwohl heißt es in einer Pressemitteilung des Niedersächischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: „Das Unterlassen dieser Vorsorge kann eine Straftat nach § 17 Tierschutzgesetz darstellen. Auch in Zeiten der Corona Pandemie müssen Rehkitze gerettet werden.“ Und weiter: „Der Landwirt ist ebenfalls tierschutzrechtlich verpflichtet, bei der Durchführung landwirtschaftlicher Maßnahmen Tieren vermeidbare Leiden oder Qualen zu ersparen.“ Für viele Landwirte gehörte das aber immer schon dazu, sagt Stefan Schwier. Für die Landwirte, wie für die Jäger sei die Kitzrettung eine Herzensangelegenheit.

Die Helfer führt der Drohnenpilot punktgenau zum Kitz.

Deshalb auch schlagen sich die Drohnenpiloten die Nächte um die Ohren. Christian Becks Wochenendeinsätze etwa beginnen um 22.30 Uhr und gehen bis 5 Uhr in der Früh. „Wir sind ja alle berufstätig“, erklärt der Ströher. Aber dann werde die ganze Müdigkeit weggewischt durch den Erfolg, im 20 Meter Umkreis gleich „neun lütsche Hasen“ gefunden zu haben. Geholfen zu haben, wenn trotz Absuchens und Vergrämens noch Tiere im Feld waren, die gerettet werden konnten. „Das Schlimme ist ja: Die werden oft nicht getötet“, sagt Stefan Schwier. Die scharfen Messer trennen Gliedmaßen ab. „Und dann guckt dich das Tier an mit großen Augen. Und du musst es erlösen. Da blutet dir das Herz.“

Die Jägerschaft Grafschaft Diepholz

Die Jägerschaft Grafschaft Diepholz hat seit kurzem eine erste eigene Homepage (www.jaegerschaft-diepholz.de). Darauf zu finden sind die Ansprechpartner in den 13 Hegeringen. Den Muff der Lodenmäntel haben die Mitglieder abgeklopft und präsentieren sich mit aktuellem Informationsmaterial zu verschiedenen Themen, samt Rezepte-Link zu „wild-auf-wild“. Wer die Drohnenteams unterstützen möchte, kann sich gerne melden, im Hegering seiner Wahl. Die Entscheidung, den Themenbereich Aus- und Weiterbildung mit einem knuffigen Welpenfoto zu illustrieren, kommt nicht von ungefähr, da ja auch Hundeführerkursus und Jagdhundeausbildung in diesem Ordner zu finden sind.

Zwei Presse-Obfrauen, Anne Schilbach und, neu dabei, Fiona Holthus, kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Vorsitzender Stefan Schwier aus Melloh bei Sulingen erwähnt weitere neue Einsatzgebiete, für die, zum Teil, auch Zuschüsse geflossen sind. Etwa das neue Entdeckermobil, das den Anhänger voller ausgestopfter Tiere ersetzt. Auch Biotope habe man angelegt. Zeichen, wie aktiv die Jägerschaft im Landkreis Diepholz ist.

Von Sylvia Wendt

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