Friedrich Wietelmann verabschiedet sich aus der Kommunalpolitik

„Schwager“: Ein Freund der klaren Worte

Friedrich Wietelmann kandidierte nach vier Jahrzehnten nicht erneut.
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Friedrich „Schwager“ Wietelmann kandidierte nach vier Jahrzehnten nicht erneut.

Varrel – Gespräche über Politik sind selten so ehrlich wie mit Friedrich Wietelmann. Der 70-jährige Varreler ist mit Herzblut dabei. Das weiß Tochter Jana nur zu genau, rät vor dem Interview: „Rede da bloß kein dummes Zeug.“ Wer Friedrich Wietelmann kennt, der weiß: „Schwager“, wie ihn alle nennen, sagt immer klar und deutlich seine Meinung.

Das gefällt heute noch nicht jedem. Und dennoch werden ihn etliche Weggefährten vermissen, denn der 70-Jährige kandidierte nach vier Jahrzehnten in der Kommunalpolitik nicht erneut. Was sagt Wietelmann dazu? „Endlich mal ein Wahlkampf, der mir Spaß gemacht hat.“ Wie bitte? „Ja, ich musste endlich mal nicht nach Kandidaten suchen.“ Sein Vorschlag an die Kollegen von der Wählergemeinschaft war, als WGS/FDP eine gemeinsame Liste für den Samtgemeinderat Kirchdorf zu präsentieren. Nach Angaben von Wietelmann habe sich niemand dagegen ausgesprochen. „Und das Ergebnis ist doch der Hammer“, freut sich Wietelmann über das besonders gute Abschneiden bei jungen Wählern. Aus Varrel kandidierte der 18-jährige Jonas Wietelmann – Verwandtschaft? „Nein. Und den habe ich nicht mal geworben. Der ist von alleine Mitglied geworden.“ Schwager Wietelmann kann sich begeistern für Menschen, die sich für Politik begeistern.

Anfänge

Wie ist er denn in die FDP gekommen? Die Antwort ist eine dieser Geschichten, die man so nur von Schwager Wietelmann hört. Er ist in Fußballkreisen bekannt wie kaum ein anderer und darf 1972, gerade 21 Lenze jung, erstmals wählen. Er kommt also vom Varreler Wahllokal Hartje rüber ins gegenüberliegende Vereinslokal Köster, wo die Mannschaft sitzt. Und wird gefragt, was er gewählt hat. „Ich wähle nur die Kleinsten. Das war damals die FDP“, erinnert sich Wietelmann. Die Antwort hört der Varreler Friedrich Schlamann, Mitglied in eben jener FDP, und sagt dem Jungspund sofort: „Ich muss nachher mal mit dir schnacken.“ Er lädt den jungen Kicker ein nach Bonn. „Das hat mir gefallen“, sagt Wietelmann. Er, der Jungspund, inmitten von lokalen Größen und politischen Machern aus der Bonner Bundespolitik: „Wenn du 20 bist und die Herren aus den Ministerien siehst. Es gab Milch aus einer Milchkanne... was fallen mir da plötzlich wieder für Bilder ein...“

Splitterparteien

Flapsig nennt er sich selber, mit einer großen Klappe, „kennst mich ja.“ Ja, aber die große Klappe ist, genau genommen, eine ehrliche Klappe: Wietelmann ist nie gedankenlos in seinen Äußerungen, eher wohlbedacht – und mit Weitblick. Die Kleinen wählen, würde das auch heute noch gelten? „So Splitterparteien? Nein. Das ist speziell für die Kommunalpolitik nicht gut.“ 40 Jahre in der Kommunalpolitik, er habe sich Zeit genommen, sich zu erinnern: „Viele haben mir gesagt, sie wählen ja mich als Person und nicht meine Partei.“

Auszeichnungen

Friedrich Wietelmann hat sich als Person dabei nie in den Vordergrund gestellt, sondern das Thema, die Sache. Sein Engagement in vielen Bereichen bescherte ihm 2014 das Bundesverdienstkreuz, die Kicker überbrachten hohe Ehrungen auf Ebene des Niedersächsischen Fußball-Verbandes (NFV) und alle Auszeichnungen des Fußballkreises, zuletzt die selten vergebene DFB-Verdienstnadel. Dass er dabei aber auch mal in die erste Reihe rückt, nein, das war nie seine Sache. Seit 2001 laufe die Kommunalpolitik in der Samtgemeinde zielorientiert, ohne Parteigeplänkel. Auf der Ebene gehe das noch, auf Kreisebene würde es wohl ohne Parteiaufteilung nicht mehr funktionieren.

Das Lächeln wird breiter, als Wietelmann auf Erfolge in den letzten 20 Jahren verweist, die er als gemeinsam erreichte Erfolge ansieht: Die Kindergärten in der Verantwortung der Samtgemeinde alle bestens, die Turnhallen alle schick. Gerade erst die in Wehrbleck saniert. Alle Mitgliedsgemeinden schuldenfrei. Die Schulen zusammengezogen an je einem Standort. „Das sind ja Millioneninvestitionen. Und wenn ich daran denke, dass wir in Varrel jahrelang pleite waren.“

Und dann musste er doch mal in die erste Reihe, ausgerechnet vor einer heiklen Sitzung ist der Bürgermeister krank. Wietelmann, damals dessen Stellvertreter, erinnert sich: „Da waren 50 Bürger in der Gaststätte Kröger-Nöhre und es ging um die alte Schule in Dörrieloh, die ,Bethel‘ für die Schule in Freistatt haben wollte.“ Heute ist die alte Schule komplett in Feuerwehrhand: Die Ortsfeuerwehr Dörrieloh hat ihr Gerätehaus in Eigenleistung erweitert und modernisiert.

Bundespolitik

Friedrich Wietelmann verfolgt die aktuelle Politik interessiert und hat auch hier klare Worte: „Du siehst ja nur die Spitzenleute, hast aber auch immer Andersdenkende in der Partei. Dass die FDP damals, 2017, zurückgezogen hat – ich fand, die hätten das durchziehen müssen. Eine Ampel in Berlin und in der Landesregierung in Hannover mit SPD und den Grünen. Als es alles anders kam, habe ich mich schon gefragt: Biste hier noch richtig? Aber die Parteizugehörigkeit machste nach 47 Jahren nicht abhängig von nur einer Sache. Guck dir die CDU an, wie schnell das geht und dann haste überall Theater.“

Regierungsbildung

Und die aktuellen Verhandlungen? Wie sieht er die? „Pro Ampel. Wenn das jetzt nicht klappt, dann ist die FDP für die nächsten zehn Jahre weg. CDU, FDP und Grüne wäre auch eine Option gewesen.“ Für Wietelmann ist die Einigkeit in strittigen Fragen eine Sache und dass die Verhandlungsführer das Ziel nicht aus den Augen verlieren dürfen die andere, weitaus wichtigere: die Regierungsbildung für ein ganzes Land. Da sei etwa die Frage nach Tempo 130 nicht sooo wichtig.

Wird er noch zu den Sitzungen kommen? „Nein. Ich habe es immer so gehalten, dass ich wirklich aufgehört habe, wenn ich etwas beendet habe. Aber wenn die mich zum Marktempfang nach Kirchdorf einladen, das war immer eine tolle Atmosphäre...“

Politische Eckdaten

Im Rat der Gemeinde Varrel übernimmt Friedrich Wietelmann von 1986 bis 2006, vier Wahlperioden lang, das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters, ist von 1996 bis 2006 zudem Verwaltungsvertreter. Dem Rat der Samtgemeinde Kirchdorf gehört er von 1981 bis 2021 und damit acht Wahlperioden an. Wietelmann ist von 2001 bis 2006 stellvertretender Samtgemeindebürgermeister, wirkt von 2006 bis 2021 als Beigeordneter im Samtgemeindeausschuss mit und ist zudem Mitglied im Ausschuss für Jugend und Soziales.

Von Sylvia Wendt

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