„Initiative Tierwohl“ im Blick

Landwirte wollen sich modernisieren – doch: „Die Vorgaben sind praxisfern“

Bernd Förthmann will weiterhin Schweine züchten.
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Bernd Förthmann will weiterhin Schweine züchten.

Bahrenborstel – „Wir sind Spezialisten für Schweine, Babyferkel produzieren – da haben wir Spaß daran. Das ist das, was wir können“, sagen Anette Meier und Ehemann Bernd Förthmann unisono. Seit 1830 ist die Bahrenborsteler Hofstelle in der landwirtschaftlichen Nutzung – aber wie lange noch?

Hat die Familie Ideen für den „schlimmsten Fall“? Die Antwort von Meier und Förthmann kommt übereinstimmend und sofort: „Darüber machen wir uns erst gar keine Gedanken.“ Sie schauen positiv nach vorne, betreiben Landwirtschaft mit Herzblut.

Und doch stehen sie nach einer gerade im Jahr 2018 erfolgten Millioneninvestition schon wieder am Scheideweg. Warum nur? „Schuld“ ist der sogenannte Borchert-Plan. Unter der Leitung von Ex-Landwirtschaftsminister Jochen Borchert haben rund 30 Fachleute aus verschiedenen Sparten eben jenen Plan entwickelt, als Grundlage für die künftige Tierhaltung. Das klingt zunächst gut, aber: „Der Plan ist nicht aus dem Stand der Technik heraus entwickelt worden“, kritisiert Landvolk-Pressesprecher Stefan Meyer. Das heißt? „Die Vorgaben sind praxisfern.“ In dem Borchert-Plan aufgeführte Zahlen basierten nicht auf Erfahrungen, sondern seien „aus dem Nichts“ heraus genannt. Und: Der Plan ist eben das – ein Plan, aber noch keine gesetzliche Vorgabe, das müsste der neue Bundestag erst beschließen.

Das alleine würde schon Kopfzerbrechen bedeuten für alle Pläne, für alle bestehenden Ställe. Gibt es für die denn Bestandschutz? Meyer zuckt die Achseln: Das ließe sich so nicht aus dem Plan herauslesen. Die 30-köpfige Gruppe, die den Plan erstellt hat, hat sich scheinbar auch nicht mit den seit Jahrzehnten zu eben jenen Themenbereichen forschenden Landesversuchsanstalten abgesprochen. Die Fachleute in den Anstalten seien sonst immer auch Gradmesser für Neuerungen, insbesondere Ansprechpartner. Die niedersächsische Versuchsanstalt in Echem kann aktuell aber nicht weiterhelfen: Die nach den Plan-Vorgaben beantragte Anlage wurde bisher nicht genehmigt.

Viele Fragen, aber kaum Antworten für Landwirte

„Wir können froh sein, dass wir in einer Region leben, in der Kommunalpolitik noch Einblicke und Kenntnisse hat in Bezug auf Landwirtschaft“, sagt Anette Meier. Miteinander reden statt übereinander: Familie Förthmann plant die Modernisierung des Betriebes seit 2012, konzentriert ihn an zwei Standorten. Vor Corona und vor dem Millionen-Neubau für die Ferkelaufzucht an der Grünen Riede hat Förthmann mit zig Besuchen bei Kollegen im In- und Ausland Erfahrungswerte gesammelt, um seine Pläne zu perfektionieren.

Die Familie hat alle Bereiche erweitert um die Vorgaben der „Initiative Tierwohl“. Das Ziel für Bernd Förthmann: Eine möglichst perfekte Aufzucht für die Ferkel, möglichst ohne Einsatz von Medikamenten. Das gelingt nur, so sein Credo, wenn die Tiere ein gesundes Umfeld vorfinden.

Der Plan der Borchert-Kommission verlange eine Option für alle Tiere, nach draußen gehen zu können, wenn das Tier es möchte. „Außenbalkone“ heißen diese Bereiche. „Wie soll das gehen?“ fragen Förthmann und Meier. Die Genehmigung für den bestehenden Betrieb sieht weder am Koppelweg noch an der Grünen Riede vor, dass sich die Tiere draußen aufhalten. Dafür müsste Förthmann eine gesonderte Genehmigung beantragen – wegen die Immissionswerte.

Die Arbeit im Büro ist Anette Meiers Aufgabe im Betrieb.

Die in den Kommissionssitzungen entwickelte Idylle von Schweinen im grünen Gras, respektive beim Spiel im Stroh könnte an der Auflagen scheitern, die die Landbewohner vor zuviel Landgeruch schützen. Die Grundlage für die Investition in die Modernisierung begründete das Ehepaar Förthmann seinerzeit damit, dass die betriebswirtschaftliche Kalkulation eine Vergrößerung notwendig machte.

Die aktuellen Pläne, für die der Gemeinderat jüngst mit Mehrheitsbeschluss „grünes Licht“ gab, betrifft den Bereich der Hofstelle am Koppelweg. Hier befinden sich ein Deckzentrum und der Sauenstall. Letzterer ist nach heutigen Vorgaben mit dem Kastenstand nicht mehr genehmigungsfähig – und deshalb soll modernisiert werden.

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Doch nach welchen Vorgaben? Was sie nun tun müssen, um Pläne zu entwickeln, die 20 bis 30 Jahre Bestand haben und damit eine Zukunft für den Familienbetrieb bedeuten? „Keine Ahnung“, sagt Bernd Förthmann.

Die Pandemie verhinderte die bewährten Besuche und Gespräche vor Ort mit Kollegen im In- und Ausland. Erfahrungswerte wären wertvoll: „Bei 400 Ferkeln pro Woche ist wichtig, die optimalen Arbeitsabläufe zu planen, auch für die Mitarbeiter“, betont Meyer. Sollen dann pro Tier entsprechende Quadratmeter Außenfläche vorgehalten werden, müsste Fläche dazugepachtet werden, der Einstreu mit Stroh wäre immens, alles kaum zu realisieren. Die Vorgaben klingen, als sollte sie dazu dienen, die Betriebe klein zu halten. Zu klein bedeute aber Unwirtschaftlichkeit. Stefan Meyer zitiert dazu die Entwicklung in Schweden: Hier seien in den 1990er Jahren sehr hohe Tierwohlauflagen vorgeben worden, was dazu geführt habe, dass etwa 80 Prozent der Schweineproduzenten in Schweden aufgegeben hätten. „In der Konsequenz wird nun etwa 70 Prozent des Schweinefleisches importiert, aus Ländern, die deutlich geringere Auflagen haben, als die Schweden.“

Förthmann setzt auf regionale Produkte

Förthmann will auf regionale Produktion setzen und nicht aufgeben: „Wir sind Nahrungsmittelproduzenten in einem der Länder mit den höchsten Standards.“ In 2020 sollen zehn Prozent seiner Kollegen aufgegeben haben „und in 2021 sind es noch mehr“, sagt der Bahrenborsteler. Der Förthmannsche Betrieb bedeute aktuell Broterwerb für drei Generationen der Familie und fünf Angestellte. „Und das geht nur, wenn es den Schweinen gut geht.“ Das Tierwohl profitiert immer, wenn es neue Ställe gibt, sagt Stefan Meyer. Entscheiden werden müsse, ob man heimische Landwirtschaft will – oder nicht.

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