Fotos von Klaus-Dieter Hinkelmann und Bilder von Ralf Bolte

Neue Ausstellung in Kirchdorf: Die stillen Künstler

Olaf Rapsch mit Hinkelmanns Froschbild: Wie viele Amphibien sind zu sehen?
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Olaf Rapsch mit Hinkelmanns Froschbild: Wie viele Amphibien sind zu sehen?

Kirchdorf – Wie waren die 79 Jahre angefüllt? Was bleibt nach 79 Jahren, wenn man als Wohnungsloser lebt? Bei Klaus-Dieter Hinkelmann sind es Fotos. 1942 geboren und im Frühjahr 2021 verstorben: Mehr weiß Olaf Rapsch, Allgemeinmediziner mit Praxis in Barenburg, nicht. Zur Praxis zählt eine Dependance in Freistatt. Hier trifft Rapsch auf etliche Lebensgeschichten und Charaktere.

Rapsch, nach 16 Jahren in Norwegen seit 2016 in Barenburg, ist nicht der typische Doktor. Weißer Kittel? Weiße Hose? Weiße Socken und weiße Schuhe? Nicht mit Rapsch. Er baut gar nicht erst Barrieren zwischen sich und dem Patienten auf. Sucht nach dem gemeinsamen Nenner mit der Person, die vor ihm sitzt. Und findet ihn bei Hinkelmann in der Ornithologie. Rapsch ist selbst begeisterter Vogelkundler und kommt mit Hinkelmann ins Fachgespräch. Er stellt fest, dass der Patient vor ihm Zeit und unendliche Muße hat, sich auf den sechs Kilometern zwischen Freistatt und Heimstatt mit einer flirrenden Libelle ebenso lange zu beschäftigen wie mit der Schnecke, die ihre Umgebung millimetergenau erkundet. „Ich weiß nicht, wie er an sie rankam, aber Klaus-Dieter Hinkelmann hatte eine Kamera. Kein neues Modell und kein ausgefeiltes, aber eines, das gute Fotos machte“, sagt Rapsch. Er ist begeistert, als er die ersten Aufnahmen sieht. Hinkelmann hat nur wenige Abzüge im kleinsten Format machen lassen, mehr kann er sich nicht leisten. Rapsch ordert Abzüge auf Keilrahmen und stellt die in seiner Praxis aus, weil: „Das muss man zeigen.“ Und auf die Praxis folgen in den kommenden Wochen die Wände des Rathauses in Kirchdorf. Hinkelmanns zweite Ausstellung sozusagen. Nur: Diese erlebt er nicht mehr mit.

Das Rotkehlchen zwitschert jetzt im Rathaus.

Hat Rapsch ein Lieblingsbild? „Ja!“ Es zeigt ein Rotkehlchen. Der Arzt ist so begeistert, dass er die Aufnahme beim Nabu einreicht, der Naturfoto-Wettbewerbe biete. Und das Rotkehlchen als Vogel des Jahres 2021 sei doch passend. Ein Foto mit einem wunderbaren Ausdruck: Der Piepmatz macht gerade genau das, piepen, also zwitschern. „Die pure Lebensfreude“, findet Rapsch.

Hinkelmann sei ein klarer Einzelgänger gewesen, kein Alkoholiker. Er habe nichts außer seinen wenigen Klamotten gehabt. Keine Besitztümer, außer der Kamera – und USB-Sticks voller Fotos. Einmal habe man ihn ausgeraubt und dann waren alle Bilder futsch, berichtet Rapsch. Die Naturfotografie sei Hinkelmanns Thema gewesen. Sie ist eigentlich ganz einfach: warten, bis man das Tier vor der Kamera hat und im richtigen Moment abdrücken. Tierfotografen wissen, dass man dafür meistens Monate oder gar Jahre braucht. Vier Jahre habe er Hinkelmann gekannt, als Patienten, als Fotografen. Über den Menschen Hinkelmann, der still für sich sein wollte, aber wenig gewusst.

Man munkelt, Ralf Bolte starb 2018 auf einer Parkbank in Berlin. Über ihn weiß Rapsch, dass er 1958 geboren wurde – und sich als Künstler fühlte. Als Künstler wurde er jedoch oft ignoriert, wenn er erklärte, er habe psychische Probleme, sei Alkoholiker: „Dann verschließen sich die Türen“, hat er 2006 in einem Interview erklärt, als er in Rastede eine Ausstellung eröffnet hat. Die Ausstellung und die Aufmerksamkeit, die ihm dadurch zuteilwurde, hatte Bolte genutzt, um auf die Situation von psychisch Kranken, von Wohnungslosen, von Alkoholikern aufmerksam zu machen.

Als gemeinsamer Gesprächsnenner mit seinem Hausarzt findet sich eben jene Malerei, die auch Rapsch durch sein Leben begleitet. Wie Bolte findet er nicht den elitären Zugang zu Farben und Leinwand, sondern das Malen an sich. Was bedeutet ihm, Rapsch, das Malen? „Reflexion. Genießen. Sich freuen. Es sind Glücksmomente, die ich abrufe, wenn ich ein Bild betrachte“, sagt der Mediziner.

Ralf Bolte sorgt für bunte Wände im Obergeschoss.

„Ich möchte die Leute abholen, wo sie stehen. Ich möchte Ängste abbauen, nahbar sein.“ In den Gesprächen seien sie nicht mehr nur Patienten. Eine Ausstellung sei keine elitäre Sache mit Vernissage und so: Ein Bild könne ein Anstoß sein, selber kreativ zu werden, seine Zeit kreativ zu nutzen.

Die Werke von Klaus-Dieter Hinkelmann und Ralf Bolte sind bis mindestens Ende August zu sehen, jeweils zu den Öffnungszeiten des Rathauses in Kirchdorf.

Ob das Rotkehlchenfoto posthum einen Preis gewinnt, steht noch nicht fest, sagt Rapsch. Er habe noch keine Antwort bekommen.

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