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Die Schicksale hinter den Namen

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Von: Sylvia Wendt

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Theodor Seiker, von 1964 bis zu seinem Tod 1974 Bürgermeister der Gemeinde Bahrenborstel, um 1950 bei der Kranzniederlegung am Ehrenmal.
Theodor Seiker, von 1964 bis zu seinem Tod 1974 Bürgermeister der Gemeinde Bahrenborstel, um 1950 bei der Kranzniederlegung am Ehrenmal. © Archiv der Samtgemeinde Kirchdorf, Matthias Stelloh (2)

Bahrenborstel – Ein Denkmal, Namen. Kein Gesicht dazu, keine Geschichte. Aber doch stecken Schicksale dahinter. Das Denkmal ist Mahnmal, erinnert an Geschichte, an das, was sich nicht wiederholen darf. In Bahrenborstel steht das frisch sanierte Denkmal als Erinnerung an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege in der Ortsmitte. Eine Tafel auf der rechten Seite ist den Heimatvertriebenen der Gemeinde Bahrenborstel gewidmet, Männern, Frauen und Kindern, die während des Krieges oder auf der Flucht starben.

„Das Denkmal soll eindringlich daran erinnern, dass nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten dem Schrecken des Krieges zum Opfer fielen“, erklärt Irmgard Krebs, Archivarin der Samtgemeinde Kirchdorf – und „Nachbarin“ des Denkmals.

Hinter jedem Namen steht eine Geschichte

Die Bahrenborsteler sind im Besitz eines unglaublichen Schatzes: Aufgeschrieben wurden die Schicksale, die sich hinter den Namen verbergen. „Zu jedem einzelnen der gefallenen oder vermissten Soldaten der beiden Weltkriege gibt es eine Geschichte, sind Todeszeitpunkt und Todesursache notiert, ebenso die Angaben, wo und unter welchen Umständen er gefallen ist und bestattet wurde. Außerdem liegen Angaben vor, zu welcher Einheit, zu welchem Regiment er gehörte und von welcher Hofstelle er kam, sein Beruf, ob er ledig oder verheiratet war, sein Geburtsdatum und andere besondere Ereignisse, die sich zugetragen haben“, berichtet Krebs.

Hermann Dummeyer, Bürgermeister in Bahrenborstel von 1939 bis 1945, habe alle Angaben zu den 59 Namen sehr genau recherchiert und in den 1960-er Jahren in einer Liste zusammengefasst. Zusammen mit dem damaligen Pastor Schacht habe er die Sterbedaten den Kirchdorfer Kirchenbüchern entnommen, die Geschichten und Berichte mit den jeweiligen Angehörigen und den heimgekehrten Soldaten recherchiert – und aufgeschrieben.

Etwa die von Fritz Nordloh, geboren 1908. Nordloh kam 1939 zur Wehrmacht, zur Infanterie. Er wurde bei Stalingrad verwundet, kam nach Kriegsende in Kriegsgefangenschaft nach Frankreich. Ein Heimkehrer aus Frankreich berichtete den Angehörigen, dass Fritz von den Franzosen im September 1946 erschossen worden sei.

Was war passiert? Die deutschen Gefangenen hatten aus Hunger Kartoffeln im Lager geklaut. Die Franzosen hätten die Gefangenen aufgefordert, die Täter zu verraten, was diese aber nicht getan hätten. Daraufhin hätten die deutschen Gefangenen antreten müssen. Es wurde abgezählt, jeder sechste Mann musste vortreten – und wurde zur „Abschreckung“ erschossen. Darunter auch Fritz Nordloh, 38 Jahre alt, verheiratet.

Das Denkmal in Bahrenborstel: Auf dem linken Flügel wurde eine Tafel mit dem Namen der Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges eingelassen, während die Tafel auf der rechten Seite den Heimatvertriebenen der Gemeinde Bahrenborstel gewidmet ist.
Das Denkmal in Bahrenborstel: Auf dem linken Flügel wurde eine Tafel mit dem Namen der Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges eingelassen, während die Tafel auf der rechten Seite den Heimatvertriebenen der Gemeinde Bahrenborstel gewidmet ist. © Matthias Stelloh

Oder die Geschichte der drei Schröder-Brüder: Fritz fällt im August 1941 vor Petersburg in Russland. Er ist 30 Jahre alt, verheiratet. Adolf ist 24, ledig, er fällt im Juni 1942, ebenfalls in Russland. Erwin ist 21 Jahre alt, ledig, als er im Juni 1944 in Monte Cassino bei Rom stirbt.

Irmgard Krebs berichtet von Heinrich Stamme, geboren 1915. Der habe in der Nacht des Heiligen Abends 1944 in einem Feldpostbrief an seine Frau Frieda geschrieben, dass er sich so freue auf das Wiedersehen. Er denke immer daran und wie es wohl sein werde, in der Tür zu stehen, um sie und seine kleine Tochter Erika zu überraschen und in die Arme zu schließen. Er hoffe so sehr, dass es das letzte Weihnachtsfest unter diesen schrecklichen Umständen sein werde, das letzte Fest, das er ohne seine kleine Familie feiern muss.

Das letzte Weihnachtsfest

„Es war das letzte Weihnachtsfest für ihn, er hat seine Frau und seine fünfjährige Tochter nie wiedergesehen. Am Tag danach, am ersten Weihnachtstag 1944, ist er in Kurland gefallen“, berichtet Irmgard Krebs. Und kündigt an, dass im Rahmen der Geschichtswerkstatt Bahrenborstel/Holzhausen in diesem Jahr eine Veranstaltung zum Thema angeboten werden soll, um die Geschichte des Denkmals und die Schicksale der namentlich auf den Tafeln verzeichneten Personen aufzuarbeiten. Ob allerdings der Termin am 19. Februar, wie im neuen VHS-Programm angekündigt, eingehalten werden kann, sei angesichts der aktuellen Corona-Situation fraglich.

Sämtliche Original-Berichte, Listen und Fotos befinden sich im Archiv der Samtgemeinde Kirchdorf in Bahrenborstel. Sie sollen präsentiert werden.

Sanierung: Granitplatten ersetzen verwitterte Sandsteinplatten

Die Sanierung des Denkmals war notwendig geworden, wie Bürgermeister Matthias Stelloh erklärt: „Es ist in die Jahre gekommen, die Schrift ist immer mehr verwittert und einzelne Namen waren immer weniger lesbar.“ Die Arbeiten an der Gedenkstätte seien nicht infrage gestellt worden, denn sie sei ein wichtiger Teil der Bahrenborsteler Geschichte, erklärt Stelloh. Die Fugen seien ausgestemmt und erneuert, die Sandsteinplatten durch Granitplatten ersetzt worden.

Die Sandsteinplatten wurden jetzt durch Granitplatten ersetzt.
Die Sandsteinplatten wurden jetzt durch Granitplatten ersetzt. © Matthias Stelloh

Das Denkmal stammt aus dem Jahr 1921. Es wurde für die Gefallenen und Vermissten des Ersten Weltkrieges als „einfaches“ Ehrenmal auf dem Schulhof errichtet. Laut Irmgard Krebs seien mittels Pferdegespannen große und kleine grobe Feldsteine aus der Feldmark von den Bauern der Gemeinde herangeschafft und vom Maurermeister Heinrich Barg und freiwilligen Helfern als Denkmal verbaut worden.

Die Bürger spenden die notwendigen Gelder

Möglich gemacht hätten dies viele unentgeltlich geleistete Arbeitsstunden und Spenden der Gemeindemitglieder. Die feierliche Einweihung erfolgte am 26. Juni 1921 durch Pastor Schlömann, Schulkinder sangen Lieder und sagten Gedichte auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Denkmal nach einem Entwurf von Lehrer Lotsch neu gestaltet worden. „Kreisförmig schließen sich jetzt an beiden Seiten, ebenfalls aus groben Feldsteinen und Findlingen gemauert, zwei Bögen an. Diese sind etwas niedriger als der mittlere Teil, dem ersten Ehrenmal“, beschreibt es Krebs. Und erneut waren die Arbeiten möglich dank der Spenden und der freiwilligen Arbeitsleistung der Bürger. Eingeweiht wurde es am Volkstrauertag 1953 durch den damaligen Pastor Chappuzeau, Bürgermeister Brand, Lehrer Lotsch und Oberkreisdirektor Dr. Brunow. „Ebenfalls wieder unter Mitwirkung der Schulkinder und des Posaunenchores“, berichtet Archivarin Irmgard Krebs.

Von Sylvia Wendt

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