Praxisjahr in Kirchdorfer Kirchengemeinde

Michael Wendel: Diakon geht in die „Pastorenlehre“

Michael Wendel beim Gespräch in der Kirchdorfer Sankt-Nikolai-Kirche.
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Michael Wendel beim Gespräch in der Kirchdorfer Sankt-Nikolai-Kirche.

Kirchdorf – Für viele ist die Konstante in ihrem Leben die Kirche. Die Kirche als ein bestimmtes Gotteshaus, das sie regelmäßig aufsuchen. Andere setzen es gleich mit dem Hirten, der von der Kanzel predigt, nicht selten ist es heute eine Hirtin. Für andere wiederum ist sowohl das Haus wie auch der Hirte oder die Hirtin egal – es zählt allein das Gotteswort.

„Wir erreichen aber nur etwa drei bis fünf Prozent der Gläubigen“, sagt Diakon Michael Wendel. Einer seiner Schwerpunkte in der kirchlichen Arbeit sei deshalb die Suche nach Antworten auf die Frage, wie man neue Akzente setzen kann, wie man diejenigen erreicht, die eben nicht mehr in den Gottesdienst kommen. Noch ist der 51-Jährige als Diakon in der Paulusgemeinde in Osnabrück tätig – in zwei Wochen aber kommt er nach Kirchdorf: Er wird in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde eine Ausbildung zum Pastor machen.

Die hannoversche Landeskirche biete für diese Option der beruflichen Weiterbildung zum Pastor fünf Plätze an. Einen davon nutzt Michael Wendel. Kirchdorfs Pastor Klaus-Joachim Bachhofer erklärt es als „duale Ausbildung, die immer wieder durch Kurse an kirchlichen Ausbildungsstätten unterbrochen sein wird“. Wendel selbst beschreibt es als eine Art „Praktikum“, das ihm Einblicke in den Pastorenalltag gibt. Im Gottesdienst am 6. Juni wird Michael Wendel in der Kirchdorfer Kirchengemeinde begrüßt.

Werder-Fans, die ob der augenblicklichen Situation ihres Lieblingsclubs Trauer tragen, finden in Wendel einen gleich gestimmten Ansprechpartner. Er stammt aus Bottrop, ist „auf Schalke geboren“ und deshalb Fan des FC 04, weshalb auch er sich derzeit in einer Trauerphase befinde.

Die Gesprächsthemen mit Michael Wendel wechseln von Kirche zum Alltag und zurück wie selbstverständlich. Wie selbstverständlich Wendel seinen Glauben in seinen Alltag integriert, möchte er auch anderen als Möglichkeit aufzeigen. Dazu muss er jene, die eben nicht regelmäßig Gäste bei „Kirchens“ sind, erreichen. Wendel setzt dabei auf Musik, nennt das sein „zweites Standbein“. In Osnabrück hat er vor fünf Jahren den „Osna Gospelchor“ gegründet. Moderne Gospelgesänge, nicht die traditionellen Weisen: „Viele Menschen lieben die Musik, die geht ans Herz und bietet eine große Chance, um auf Kirche zu sprechen zu kommen.“ Wendel möchte moderne, innovative Ansätze entwickeln, wie man Menschen wieder in/zu/an Kirche kriegen kann. Über den Auftritt einer Band oder die Aufführung eines Theaterstückes etwa die Kultur der Menschen in die Kirche bringen. „Glaube kann auch Spaß machen“, sagt Michael Wendel. Wie empfindet er ihn selber? „Mit tut der Glaube gut, er ist gut für mein Leben.“

Das beginnt in einem christlichen Elternhaus im Ruhrpott. Er habe immer schon Bezug zur Kirche gehabt und sich deshalb für eine theologische, soziale Ausbildung entschieden. Nach Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit als Gemeindepädagoge erfolgte die Weiterbildung zum Diakon, zu dem er 2005 im Rheinland ordiniert wurde. Zehn Jahre war er anschließend in Krefeld tätig, hat dort eine Hälfte seiner Arbeit rund um Jugendliche konzipiert, die andere Hälfte um die „mittleren Jahrgänge“. Jene 25- bis 55-Jährigen, die eben nicht in die Kirche kommen. „Wir haben einen Kindergottesdienst, der anders gestaltet ist, als der klassische, wie haben einen Familiengottesdienst, bei dem es mal lebhafter zugehen kann – aber dass der 25-jährige Student einen anderen Anspruch, eine andere Erwartung an einen Gottesdienst hat, das ist doch auch klar.“ Liegt es denn an der Uhrzeit? Wann wäre seine Lieblingszeit für einen Gottesdienst? „Hängt es wirklich an der Zeit?“, fragt Wendel zurück. Natürlich möchte er Familien ansprechen und berufstätige Erziehungsberechtigte würden es gerade am Wochenende genießen, auszuschlafen und mit der Familie zu frühstücken, da passe 11.15 Uhr, anschließend Mittagessen. Auch 17 Uhr, weil dann der Sonntagsbesuch inklusive Kaffeetafel erledigt ist, würde sich anbieten. Samstagabend um 18 Uhr? „Da kriegt man im Ruhrpott niemanden in die Kirche, da läuft Fußball.“ Aber letztlich sei die Zeit nicht so wichtig. 10 Uhr sei jedoch vielerorts unumstößlich.

Ob ich weiß, warum der Gottesdienst um 10 Uhr beginne? Nein, fällt mir gerade nicht ein. „Um 9 Uhr waren die Bauern früher mit dem Melken fertig, waschen und umziehen – um 10 Uhr konnten sie in der Kirche sein.“

Er wolle gerne neue Akzente setzen, betont Wendel. Weniger in dem Jahr in Kirchdorf, denn die Hälfte der Zeit sei er mit dem theoretischen Teil der Fortbildung beschäftigt. Tatsächlich geplant ist ein erstes Seminar als Präsenzveranstaltung. Vertiefen der Religion, der Gottesdienste und der seelsorgerischen Bereiche, den Pastor begleiten: Wendel sieht sich selbst als unbedingten Teamplayer. Und den Posten des Pastors ebenso. Wenn eine Gemeinde immer mit einem Pastor identifiziert werde, sei das nicht sein Ansatz, er verstehe die Arbeit immer als Teamwork, Arbeit auf Augenhöhe.

Dass Michael Wendel keine Angst hat, seinen Koffer zu packen, ist schon deutlich geworden. Er sieht in neuen Orten, neuen Gemeinden eine Chance. Der Posten als Diakon in Osnabrück etwa sei von Anfang an auf fünf Jahre befristet gewesen. Anders hätte er es nicht haben wollen, sagt er. 20 oder 30 Jahre in einer Gemeinde? „Da kann ich der ja nix Neues mehr erzählen. So aber gibt es frischen Wind.“

Der pustet ihn ab 1. Juni für ein Jahr nach Kirchdorf, ob er am Ende dieser Zeit oder in seiner ersten eignen Gemeinde zum Pastor ordiniert wird, bleibt abzuwarten. Wendel bleibt der hannoverschen Landeskirche, die ihm diese Qualifikation zum Pastor ermöglicht, erhalten. Und sonst? Seine beiden 13 und 16 Jahre alten Söhne wohnen mit ihrer Mutter in Oberhausen. Wendel ist geschieden und wohnt mit seiner Lebenspartnerin in Sulingen.

Ob ich ihn gegoogelt habe vor dem Interview. Nein. Tatsächlich aber kriegt, wer ihn googelt, ständig den Schlagersänger Wendler angezeigt. Kleiner Sprech- und Tippfehler, der Michael Wendel schon lange begleitet – und letztlich seine Gegenüber und ihn stets mit einem Lächeln in ein Gespräch starten lasse.

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