Bauliche Besonderheiten nimmt die Familie mit Humor

Das Freistätter Haus mit dem Turmzimmer

Das „Moorstift“ genannte Haus, das in vielen Kleinigkeiten Originales aus dem Jahr 1902 vorweisen kann.
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Das „Moorstift“ genannte Haus, das in vielen Kleinigkeiten Originales aus dem Jahr 1902 vorweisen kann.

Freistatt – Humor hat, wer es trotzdem kauft. So könnte das Motto lauten. Nach einer Stunde Rundgang durch zwei der Stockwerke des Hauses an der von-Bodelschwingh-Straße können die Augen des Gastes nicht mehr größer werden, ob mancher baulichen Besonderheit.

Das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1901. „Der linke Teil jedenfalls mit dem Turm“, erklärt Andreas Lüschow. Das Haus gekauft haben seine Mutter, Marita Sengstake, und deren Lebensgefährte im Jahr 2001. Es hatte damals bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die Andreas Lüschow kontinuierlich ergänzt um alle Informationen, die ihm in die Hände fallen.

Das Haus ist Teil der Freistätter Geschichte, dieser Kolonie im Moor, die Friedrich von Bodelschwingh im Jahr 1899 gründet. Das Haus, eben jener linke Teil mit Veranda und Turm, sei gedacht gewesen als Ferienwohnung für Betheler Pastoren. Zwei Zimmer unten, zwei oben, der Turm beherbergt das Treppenhaus. Gebaut wurde es auf Pfählen – wegen des hohen Grundwasserspiegels. Erst später wurden die Kellerräume fest umbaut.

Das Haus im Jahr 1902.

Und noch viel später zumindest ein Teil der Räume auf eine Höhe angehoben, dass man in ihnen stehen konnte, zumindest zum Wäschewaschen.

Gebückt geht Andreas Lüschow bis in den hintersten Raum, greift in eine Nische in der Wand und friemelt einen braunen Gegenstand hervor. „Das ist der Beweis dafür, dass die Isolation zwischen der Holzverkleidung und den Raumwänden aus Torf besteht.“ Und der ist nach über 100 Jahren gut getrocknet, dadurch in der Masse weniger und dadurch wiederum nach unten gerutscht. So flirrt die Hitze im Sommer quasi ungefiltert durchs Haus, aber ebenso auch die Kälte im Winter.

Das Haus heute.

Bis 1966 sei mit Torf geheizt worden, heißt es in Niederschrift durch Frau Lähnemann, Ehefrau des ehemaligen Pastors Karl-Heinz Lähnemann, der als Anstaltsleiter der Diakonie Bethel von 1954 bis 1979 mit seiner Familie in dem Haus lebt. Es sei bis 1966 mit Torf geheizt worden, nur in der Küche habe es zusätzlich Propangas gegeben. Benötigt habe man 15 Loren Torf im Jahr, also 15 Tonnen. Unter jedem Fenster ist sichtbar eine Art Klappe – da ragten einst die Rohre der Öfen raus – jedes Zimmer verfügte über einen eigenen. Die Zentralheizung ist noch fast neu.

Die Schwalbennester überall entlang der Fassade zu verfüllen würde nichts bringen, sagt Lüschow: „Der Specht klopft sie dann wieder auf.“ Der markante Baustil mit der Holzfassade und dem Farbanstrich in Braun, Grün und Gelb ist in den Anfängen der Diakonie innerhalb der Einrichtung sehr verbreitet. Besitzerin Marita Sengstake und ihre Familie haben den Farbanstrich inzwischen einmal erneuert – und die Farbgebung beibehalten. Hat die Farbauswahl eine besondere Bedeutung? Andreas Lüschow muss passen: „Das weiß ich nicht, ... könnte aber sein.“ 

Ein Blick auf die Zeichnungen für das „Ferienhaus im Wietingsmoor“, einst gedacht für Betheler Pastoren.

Der rechte Teil neben dem Turm ist anhand der anderen Dachkonstruktion als Anbau zu erkennen. Ist das Dach eine Terrasse für das Turmzimmer? „Nein. Nur ein Flachdach.“ Der einzige, der da rauf darf, weil er es muss, ist der Schornsteinfeger. Lüschow vermutet, dass das Turmzimmer einst als Ausguck bei Moorbränden diente.

Apropos Moor: Eine Aufnahme des Hauses aus dem Jahr 1902 zeigt, dass an dieser Stelle an der Straße zwischen Diepholz und Sulingen einst wirklich nur das Moor war. Aufgrund des nassen Untergrunds sei das Haus auf Pfählen errichtet worden, unter dem Haus weideten die Schafe. Den Torf für die Dämmung habe man direkt am Haus selbst gestochen. „Das war nahe liegend“, sinniert Lüschow mit einem Grinsen. Der in den Keller runtergerutschte Torf sei nachgefragtes Mäusefutter, wie besonders nachts deutlich zu hören sei.

Mit Humor nimmt Lüschow auch die nachträglich eingebauten und verlegten Leitungen und Rohre: Ein Teil eines Wasserrohrs ist in der Küche zu sehen. Neulich leckte es, das habe die Familie sofort feststellen können – eben weil das Rohr nicht hinter Wänden versteckt sei. Ha. Und die Warmwasserleitung eigne sich super als Handtuchtrockner, ergänzt Marita Sengstake.

Durch eine Nische in der Wand kann Andreas Lüschow an Torf heranreichen, der einst als Dämmung diente.

Das Haus umfasst heute 240 Quadratmeter Wohnfläche. Aufgrund der unterschiedlichen Ergänzungsbauten im Laufe der Jahrzehnte (unter anderem wurde das Haus umgebaut zum Jugendtreffpunkt, hieß „Moortreff“), weist das Haus etliche Eigenheiten auf: Nicht immer erschließt sich der Sinn der vorhandenen Treppenstufen und eine schier endlose Zahl an Türen erschwert das Platzieren von Möbeln.

„Es gab Pommes“: Der Jugendtreff

Würde sie das Haus wieder kaufen? Marita Sengstake muss nicht überlegen: „Ja. Eher noch als neu bauen. Es hat einfach was.“ Als Kind durfte sie mit der Mutter, die als Hauswirtschafterin hier angestellt war, manches Mal mit. Sie wächst im Haus gegenüber auf. Als Jugendliche besucht sie Mitte der 1980er Jahren den hier eingerichteten Jugendtreff („Es gab hier Pommes!“).

Auf der Suche nach etwas Eigenem ist es letztlich auch dieses Haus, das ihr angeboten wird. Kindheitserinnerungen kommen wieder – und lassen sie den Kauf realisieren. Wohlwissend, dass „viel dran gemacht werden muss“. Mittlerweile sind alle Fenster doppelt verglast. Die Dämmung bleibt eine komplizierte Rechnung, die die Familie noch nicht lösen konnte. Aber das Schwitzen im Sommer und rigorose Heizen im Winter mit Humor nimmt.

Serie Hausgeschichte(n): Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

Von Sylvia Wendt

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