Jannis Kappelmann: Junger Weltenbummler mit Auftrag

Von Barenburg nach Barbados

Der Arbeitsweg auf Barbados: 20 Minuten zu Fuß, immer am Strand entlang, bis ins Büro. Fotos: Kappelmann

Barenburg - Von Sylvia Wendt. „Als Nicht-Akademikerkind war es für mich nie selbstverständlich, aufs Gymnasium zu gehen, nie selbstverständlich, Abitur zu machen und nie selbstverständlich zu studieren“, hat Jannis Kappelmann dem Magazin der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen erzählt. Und doch: Nach dem Abitur am Gymnasium Sulingen im Jahr 2014 wechselte er zum SPE-Studium an die ZU. SPE steht für „Sociology, Politics & Economics“.

Mittlerweile hat der 23-Jährige seinen Bachelor-Abschluss in der Tasche – und etliche Auslandsaufenthalte absolviert. Nicht allein als Tourist hat er die Länder bereist, immer mit Auftrag. Die Mail trifft aus Barbados ein.

Jannis, kannst du die fünf größten Unterschiede zwischen Barenburg und Barbados nennen?

Im Grunde sind Barenburg und Barbados komplett unterschiedlich, beide haben ihren Charme. Während Barbados wohl eines der besten Beispiele von Postkartenkaribik ist, fehlten mir in der Weihnachtszeit sowohl die Besinnlichkeit als auch mal einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt zu trinken. Fünf Unterschiede herauszustellen würde der Einzigartigkeit beider Orte nicht gerecht.

Dein Werdegang ist sehr international: Wie kommst du mit unterschiedlichen Mentalitäten zurecht?

Tatsächlich sind die Mentalitäten gar nicht so verschieden. Gerade in einer Generation, die sehr von Globalisierung geprägt ist, fallen die kulturellen Unterschiede immer weniger ins Gewicht. Es gibt es immer wieder interessante Begegnungen, die mich ungemein bereichern. Die interessantesten Momente sind wohl diejenigen, in denen in interkulturellen Gruppen Gespräche über persönliche Werte aufkommen. Sofort hinterfragt man sich selbst: Inwieweit sind meine eigenen Werte kulturell geprägt? Nachteile werden durch die Vorteile ausgeglichen. In Guangzhou hat mich die kulinarische Vielfalt und die unglaubliche Natur Chinas begeistert, in New York sind zwar die Wohnungen ziemlich klein, man ist aber im Grund nie zuhause, weil es in der Stadt immer etwas zu erleben gibt.

Hast du noch Manierismen aus den Ländern, in den du gelebt hast?

Ich übernehme einen gewissen Teil des englischen Sprachduktus und Redewendungen ins Deutsche. Das versuche ich zwar zu verhindern, aber das kann man nicht, zumal Sprache sich ja immer im Wandel befindet. Es sind kleine Gewohnheiten, die ich mitnehme. Ich habe mich nach meiner Zeit in New York mal an einem Sonntag enttäuscht vor dem Supermarkt vorgefunden. Maniereismen sind sehr resilient: In vielen Dingen bin ich typisch deutsch, in anderen bin ich es nicht oder war es nie. Ähnlich, wie die meisten Chinesen nicht typisch chinesisch und die meisten Barbadianer nicht typisch barbadianisch sind.

Bei so viel Einblick: Wie kriegt man die Menschen dazu, sich die Hände in Frieden zu reichen?

Bekomme ich bei einer richtigen Antwort einen Friedensnobelpreis? Ich glaube, dass man hier nicht die eine richtige Antwort geben kann. Aber mit mehr gegenseitigem Verständnis wäre schon viel gewonnen. Hinter jedem Handelskrieg stecken Menschen, die ihren Job verlieren, hinter jedem bewaffneten Konflikt Eltern, die ihre Kinder auf dem Schlachtfeld verlieren. Sanktionen treffen die Bevölkerung am härtesten, deren einziger Fehler es war, am falschen Ort geboren zu sein. Hinter Nationen sollten wir mehr als eine Regierung sehen, auch eine Bevölkerung, in der jede Person eigene Wünsche, Träume und Ziele hat.

Du warst länger in China, warum?

Kulturell ist Asien vermutlich von Europa am wenigsten beeinflusst, zudem sind die Universitäten auf einem guten Niveau. Für China habe ich mich auch aus politischem Interesse heraus entschieden: Ich wollte das Land besser verstehen, vor dem so viele Menschen im Westen Angst haben. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, einen tieferen Einblick zu bekommen, vor allem die Vorlesungen in Politikwissenschaft waren sehr interessant.

Wie hast du dich vorbereitet? Welche Ideen hast du mitgenommen – und welche wieder mitgebracht?

Tatsächlich habe ich mich nicht sonderlich viel vorbereitet. Ich habe zwar versucht, Chinesisch zu lernen, und einen Kurs belegt, aber die Schriftzeichen auswendig zu lernen, ist mir schon schwergefallen. Ich habe mich darauf beschränkt, Artikel zu lesen und ein bisschen chinesische Geschichte zu überfliegen. Ansonsten habe ich mich einfach in das Abenteuer gestürzt.

Beeindruckt war ich aber am Ende nicht nur von der Kultur, sondern auch von dem Grad der Modernisierung und Technisierung. Autonome Busse, fast ausnahmslos elektrische Taxen, beinahe ausschließliches mobiles Bezahlen (mit einer Mobiltelefon-Applikation) oder auch das unglaublich gute, günstige, saubere und schnelle U-Bahn-Netz sind auf jeden Fall Dinge, von denen Deutschland noch lernen kann. China ruht sich nicht auf seinem Wohlstand aus, für den Wohlstand werden aber auch Menschen entrechtet, Arbeiter und Natur ausgebeutet. Die Idee, dass man China auf gar keinen Fall schwarz oder weiß sehen kann, ist definitiv eine, die mir bestätigt wurde. Aktuell (Das Gespräch führten wir vor einigen Wochen, Anm. d. Red.) sieht man das ganz gut: Der Coronavirus wird zwar relativ effektiv bekämpft, aber 30 Millionen Menschen das Reisen zu verbieten wäre in Deutschland eben zurecht nicht möglich.

Wie hast du dich durch China verändert?

Mein Auslandssemester war mein erster länger Aufenthalt außerhalb Deutschlands, daher war es vor allem unglaublich spannend, mal eine andere Kultur aus der Nähe wahrzunehmen. Insgesamt bin ich mutiger und selbstbewusster geworden. Außerdem habe ich interkulturelle Gruppen schätzen gelernt. Da hat man gesehen, wie sich verschiedene Blickwinkel bereichern, wie ähnlich man sich aber auch ist, wenn man in derselben Generation mit ähnlichen Interessen in verschiedensten Ecken auf der Welt aufgewachsen ist.

Wie wurdest du wahrgenommen? Wie deine Arbeit?

Ich habe das Gefühl, dass sich das chinesische Bild der weißen Europäer wandelt, dass viele Chinesen ein neues Selbstvertrauen aus dem wirtschaftlichen Erfolg des Staates ziehen. Die Abhängigkeit von Investitionen aus dem Ausland sinkt, die Privilegien für ‘laowei’ (Ausländer) damit auch. Generell muss man sagen, dass ein ehrliches Interesse an der chinesischen Kultur und Kulinarik meist zu großer Freude und Hilfsbereitschaft führt.

Wie siehst du China angesichts der kritischen Punkte (Systemkritiker, Menschenrechte, Tibet etc.)?

In einem Land zu leben, in dem Menschenrechte so massiv eingeschränkt sind, war hin und wieder etwas beklemmend. WhatsApp und Facebook sind verboten, aber ich konnte diese Sperre umgehen. Solche Annehmlichkeiten sind leider für Chinesen in der Regel nicht möglich. Das chinesische Unterdrückungssystem ist hauptsächlich am Beschränken der Freiheit der eigenen Bevölkerung interessiert, aber auch diese Regel hat Ausnahmen. Eines morgens wurde ich beispielsweise von der Universitätsverwaltung auf WeChat (dem chinesischen Äquivalent zu WhatsApp) angeschrieben und gefragt, ob ich zu Hause sei. Tatsächlich sollte damit kontrolliert werden, dass ich, als einziger Politikwissenschaft-Austauschstudent, keine Demonstration zum Jahrestag des Tian’anmen-Massakers an der Universität organisiere.

Deine Arbeit bei der UN in New York ist ein weiterer Meilenstein: Wie empfindest ein überzeugter Europäer die USA?

Die Stadt an sich ist für einen überzeugten Europäer perfekt: Ich glaube daran, dass sich verschiedene Kulturen bereichern, dass wir gemeinsam stärker sind als allein. Vor allem war aber die Arbeit bei der UN eine unglaublich tolle Erfahrung. Ich habe fachlich viel gelernt, durfte an Verhandlungen über Abrüstungsresolutionen teilnehmen. Das UN-Hauptquartier ist wohl der internationalste Ort der Welt, vielleicht auch daher einer meiner absoluten Lieblingsplätze.

Du warst im Iran, magst du deine Eindrücke schildern?

Neben den kulturellen Schätzen war ich vor allem von der durchschnittlichen Bildung der Iraner beeindruckt, auch erreichen immer mehr Frauen einen Universitätsabschluss. Einige gesellschaftliche Entwicklungen kollidieren mit politischen Maßnahmen. Insgesamt habe die internationalen Sanktionen eine große Wirkung auf die Bevölkerung. Wenige Jobs, eine hohe Inflation und Einschränkung des internationalen Geldverkehrs konnten wir auch vor Ort sehen. Auf der anderen Seite waren viele Iraner unglaublich gastfreundlich und waren sich des kulturellen Schatzes bewusst, der sich im Land befindet. Viele Iraner sind sehr froh, wenn Touristen das Land bereisen, denn leider sinkt deren Quote aufgrund von Sicherheitsbedenken seit Jahren. Ich persönlich habe mich sehr sicher gefühlt.

Was hat dich nach Barbados gelockt?

Nach meinem Bachelor hatte ich das Bedürfnis, etwas komplett Neues kennenzulernen, Ich habe nach ungewöhnlichen Zielen mit interessanter Tätigkeit gesucht – und habe mit meinem Job auf Barbados die perfekte Möglichkeit gefunden, etwas Spannendes zu erleben und gleichzeitig einer wichtigen Tätigkeit nachzugehen.

Was machst du da?

Ich bin als Carlo-Schmid-Stipendiat beim Welternährungsprogramm. Unser Büro unterstützt Regierungen dabei, ihre Katastrophenschutzpläne zu verbessern, und hilft mit dem Wiederaufbau von Infrastruktur und der Verteilung von Nahrung. In der Karibik sind die größten und gefährlichsten Naturkatastrophen Hurricanes, die immer intensiver und häufiger werden. Als besonders vom Klimawandel betroffene Region müssen bereits Maßnahmen ergriffen werden, um die Folgen des Klimawandels abzumildern.

Wo ist für dich zuhause?

Ich habe natürlich ein besonderes Verhältnis zu Barenburg und der Region, aber fühle mich überall wohl, wo ich tolle Menschen finde. Die habe ich bislang überall gefunden. Über digitale Kommunikationsmöglichkeiten bin ich sehr froh: Ich telefoniere mehrmals in der Woche mit meinen Eltern und bleibe in Kontakt mit Freunden –  zuhause und in der ganzen Welt.

Welche Ziele kannst du dir für dich vorstellen?

Am wichtigsten ist mir, dass meine Tätigkeit einen Sinn hat. Ich finde Nichtregierungsorganisationen interessant, auch die Vereinten Nationen oder die Europäische Union, internationale Denkfabriken oder das Auswärtige Amt. Wichtig ist mir der internationale Bezug. Als nächster Schritt steht ein Masterstudium in Großbritannien an.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bürgerrechtler verklagen Trump - "Marsch auf Washington"

Bürgerrechtler verklagen Trump - "Marsch auf Washington"

Corona in Göttingen: Nach Massenausbruch wurde ein Testzentrum errichtet

Corona in Göttingen: Nach Massenausbruch wurde ein Testzentrum errichtet

Sonnenschutz im Auto nachrüsten

Sonnenschutz im Auto nachrüsten

Brettspiele für die ganze Familie

Brettspiele für die ganze Familie

Meistgelesene Artikel

Großfeuer auf Recyclinghof in Bassum: Müllballen gehen in Flammen auf

Großfeuer auf Recyclinghof in Bassum: Müllballen gehen in Flammen auf

„Wir müssen viele werden“

„Wir müssen viele werden“

Fünf Verletzte bei Motorrad-Unfall in Hüde - Hubschrauber im Einsatz

Fünf Verletzte bei Motorrad-Unfall in Hüde - Hubschrauber im Einsatz

Windkraft: Stadt brütet über neue Standorte

Windkraft: Stadt brütet über neue Standorte

Kommentare