Nur 30 Minuten Zeit: Duschen oder essen?

Obdachloser Andy Laas versucht Neustart – und spricht über seinen Alltag

Andy Laas möchte sein Leben wieder in den Griff kriegen, er arbeitet derzeit im Team des Hausrat-Second-Hand-Shops „Stöberkästchen“ in Freistatt.
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Andy Laas möchte sein Leben wieder in den Griff kriegen, er arbeitet derzeit im Team des Hausrat-Second-Hand-Shops „Stöberkästchen“ in Freistatt.

Freistatt – Eine halbe Stunde pro Person, und deshalb muss man sich derzeit entscheiden: duschen oder essen? „Eigentlich will ich beides“, sagt Andy Laas. Unter Corona-Bedingungen hat eine Obdachlosenunterkunft ihr Angebot anpassen müssen: Nicht mehr vier Leute können gleichzeitig duschen, sondern nur einer. „Und dann stehen da 50 bis 100 Leute und du musst Stunden warten“, schildert Andy Laas ein Stück Alltag. Ein Alltag als Obdachloser, dem er entfliehen möchte.

Sein 47 Jahre alter Körper gibt klare Signale im Spätsommer 2020: Er ist müde, schlapp, der Winter steht vor der Tür. Aber noch einen Winter ohne festen Wohnsitz? Auf der Straße? Im Freien? „Irgendwann ist Schluss“, das habe ihm der Sozialarbeiter in Bingen am Rhein erzählt. Dort war er zuletzt. Irgendwann machen die Ämter es nicht mehr mit, dass er heute hier und morgen dort ist. Der 47 Jahre alte Körper von Andy Laas sei mürbe: Schuppenflechte. Seinem Lebensstil sei es geschuldet, dass er HIV-positiv ist heute. „Ich war halt Lebemann“, erklärt Laas. Sein eh schon geschwächtes Immunsystem könne die Kälte nicht gut vertragen.

Laas hat gezielt in Freistatt Obdach gesucht. Er will einen Schlussstrich unter das bisherige Lebensmodell ziehen. Eines, das er nicht ganz freiwillig für sich ausgesucht hat.

Andy Laas wird in Prenzlau geboren, die Familie habe einen Ausreiseantrag gestellt, sei Ende der 1970er Jahre aus dem Dorf in Brandenburg umgezogen nach Dortmund. Andy Laas beginnt nach der Schule eine Kochlehre in Köln, der Job macht ihm Spaß. Aber er schmeißt hin, als es auf die Prüfung zugeht: „Ich hatte Angst.“ Als Beikoch, Küchenkraft habe er sechs Jahre im Münchner Hofbräuhaus gearbeitet, Wechsel nach Hamburg, in ein Fünfsternehotel in der Hamburger Innenstadt. Die eigene Wohnung in der Hansestadt verliert er Anfang der 2000-er Jahre: Als er arbeitslos wird, erhält er über eine Zeitarbeitsfirma einen neuen Job, allerdings geht die Bezahlung nicht regelmäßig auf seinem Konto ein. Als er in Mietrückstand gerät, kommt die Kündigung, dann eine Räumungsklage. Andy Laas sucht keine Hilfe. „Stattdessen habe ich meine Sachen gepackt und bin weg.“

Leben in einer Großstadt: „Da kann man leichter untertauchen“

Ein Verhalten, das zum stetigen Begleiter wird. Probleme? Ärger? Sachen packen und weg. Immer in eine andere Großstadt. Warum? „Da ist man anonymer. Da kann man leichter untertauchen.“

Das Zelt aufzubauen auf öffentlichem Grund ist allerdings fast nie erlaubt. In Frankfurt-Höchst ist es ein frei zugängliches Friedhofsgelände, das eine ruhige Schlafstätte bietet.

„Ich habe die letzten Jahre gemerkt: Das geht an die Substanz. Ich habe Leute getroffen, die sind schon seit Jahrzehnten obdachlos. Mancher mag sich das vorstellen wie campen. Aber Obdachlosigkeit ist Stress für den Körper. Jeden Tag muss ich eine neue Schlafstätte suchen. Und was zu essen und zu trinken und zum Pflegen. Und: Du bist nicht der Einzige, der ansteht.“

Hat er eigentlich einen Ausweis? „Jetzt ja. Ich hatte über zwei Jahre immer nur einen vorläufigen Ausweis. In Berlin etwa ist Friedrichstraße das Einwohnermeldeamt für Wohnungslose. Zwei Jahre mit so einem vorläufigen Ausweis. Das geht so nicht weiter. Und dann, wenn du deinen Ausweis zeigen musst. Zum Beispiel bei der Polizeikontrolle. Dann wirst du gefragt, wo du wohnst. Dabei steht da, dass ich keine feste Adresse habe.“

Laas hat ein eigenes Konto, online. Post geht an die jeweilige Beratungsstelle in der Stadt, in der er gerade... wohnt. Post werde meist etwa eine Woche aufbewahrt – und dann zurückgeschickt.

Corona-Sommer stürzt Laas in Depressionen

Der Corona-Sommer 2020 stürzt Andy Laas in Depressionen. „Früher habe ich gedacht, ich bin noch jung, das wird schon. Doch mit 43 oder 44 habe ich angefangen, nachzudenken. Und im Sommer war der Wunsch da, was Eigenes zu haben. Ein eigenes Zimmer. Du bist in den Unterkünften immer mit vielen Menschen auf engstem Raum.“ Laas berichtet von einem 20 Quadratmeter großen Raum, mit mehreren Stockbetten und (nicht abschließbaren) kleinen Spinden, in die sein Trekking-Rucksack aufgrund der Größe nicht passt, E-Heizung: „Eine Viren-Schleuder. Und wenn dann deine HIV-Tabletten zu Ende gehen und du beim Arzt bist, der fragt, wo man schläft und wo man wohnt. Auf der Straße? Nein, auf der Straße, das gehe nicht bei der Krankheit, sagt dann der Arzt. Meine Werte sind ganz gut. Noch.“

Die Stellen, die Obdachlose ansteuern können, sind coronabedingt zumeist geschlossen. „Es macht depressiv, wenn nichts klappt. Wenn du nichts zum Duschen findest. Die haben umgestellt auf Fensterausgabe: Das gibt dann belegte Brote und Tee, aber keine warme Mahlzeit mehr.“ Laas sammelt Flaschen. „Aber im ersten Lockdown sind die Straßen leer, nichts mehr zu finden.“ Der Vorteil: Es stört keiner mehr nachts, beim Schlafen.

Wie hat er von Corona erfahren? „Ich habe ein Handy. Und darauf eine Fernseh-App, da gucke ist viel. Ich war in Wiesbaden letztes Jahr im März. Da gab es dann ein letztes Mal Suppe, im Freien. Gut war, dass die S-Bahnen alle kostenlos waren. Aber die Obdachlosenstellen waren ja geschlossen.“

Es ist August 2020, als Andy Laas merkt: Es geht nicht mehr. „Ich war physisch und psychisch angeschlagen. Aber ich wusste, wenn ich in der Stadt bleibe, kriege ich keine Unterkunft mit Einzelzimmer. Ich habe ein Quer-durchs-Land-Ticket gekauft und bin in Richtung Freistatt gefahren. Dann aber doch in Osnabrück ausgestiegen, nach Bielefeld, Hannover, Bremen gefahren. Und bin erst spät in Freistatt angekommen. So gegen Viertel vor sieben abends. Ich hätte ja schon mittags da sein können. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie mich abgelehnt hätten.“

Ziel ist, ein geregeltes Leben zu führen

Fünf Tage Vollquarantäne. Seine Ziele? „Zur Ruhe kommen. Früher war ich ein stiller Mensch. Ich will meine Schulden aufarbeiten. Noch bin ich nicht bereit für eine ganz eigene Wohnung. Ich hätte Angst, sie zu verlieren. Ich möchte ein geregeltes Leben führen. Ich kann meine Prüfung nachholen und als Koch arbeiten. Das möchte ich. Ich koche sehr gerne eigentlich. Aber in meiner jetzigen Unterkunft nicht so gerne. Die anderen kommen dann immer runter, sagen: Es riecht so gut.“

Das Jobangebot von Bethel im Norden in Freistatt beschert ihm eine Arbeit im Hausrat-Second-Hand-Shop „Stöberkästchen“. Das sei zwar mitunter körperlich fordernd, aber „ich bin von mir selbst überrascht, was ich kann.“

Ein Freund von Laas meldet sich aus Hamburg: Er habe eine Wohnung und einen Job. Weckt das die Sehnsucht nach der Großstadt auch in Andy Laas? „Ich mag die Stille und fühle mich wohl hier. Ich komme hier in Freistatt gut mit den Kollegen aus. Täglich hörst du von Obdachlosen, die erfroren sind. Die meisten wollen nicht in die Winternotprogramme. Zu viele Leute in zu kleinen Zimmern. Da wird nicht getestet. Die Leute werden auch anonym aufgenommen. Auf Waffen, Drogen und Alkohol wirst du abgetastet. Alles ohne Masken. In Berlin haben sie ein Hostel geöffnet, für Obdachlose. In Berlin gibt es offiziell um die 10000 Obdachlose und eine große Dunkelziffer... Ich möchte noch ein bisschen leben.“

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