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Demografischer Wandel: Keine Fachkräfte, kein Wohlstand

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Von: Gregor Hühne

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Constantin von Kuczkowski.
Runder Tisch: Unter anderem Constantin von Kuczkowski (IHK) stellt Projekte vor, um Fachkräfte zu gewinnen. © Gregor Hühne

Der Fachkräftemangel und der demografische Wandel gehen mit großen Herausforderungen einher. Was tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Darüber haben sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Taff (Verein Technische Ausbildung für Fachkräfte) in Bassum ausgetauscht.

Bassum – Wie die Fachkräfte von morgen gewinnen und dem demografischen Wandel begegnen? Über diese Fragen haben sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Taff – Verein Technische Ausbildung für Fachkräfte – in Bassum am Dienstag ausgetauscht. Das Trainingszentrum gilt als Leuchtturm in der Qualifizierung junger Leute, und sieht sich selbst mit Nachwuchssorgen konfrontiert.

Fachkräfte sichern Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, aber auch Wachstum, Beschäftigung und letztendlich unser aller Wohlstand, so die einhellige Meinung. Wegen der alternden Gesellschaft sei der Fachkräftemangel eine der größten Herausforderungen der Zukunft.

Es gebe viele Ursachen dafür, sagte Landtagsmitglied Marcel Scharrelmann. Baby-Boomer, die in Rente gehen, zu wenig junge Leute und in der Vergangenheit eine Zuwanderung aus Italien und Türkei, die das demografische Problem verschleppt habe. Um besser Nachwuchskräfte zu gewinnen, nahm Scharrelmann Studienabbrecher und Quereinsteiger in den Fokus: „Wir müssen alle Potenziale abholen.“ Doch auch das werde nicht reichen, um die Ärzte, Pfleger, Lehrer zu ersetzen, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, so Scharrelmann. Daher brauche es Transformation in vielen Arbeitsbereichen. Umschulungen seien ein Mittel. Lebenslanges Lernen müsse noch mehr zur Normalität werde. Scharrelmann lobte das „junge Ausbildungsnetzwerk Taff“, das gerade auch bei kleineren Unternehmen bekannter werden solle.

Ein weiteres Spannungsfeld sei zwischen Azubis und Unternehmen. Hohe Anforderungen an den Ausbildungsgeber träfen auf teilweise große Defizite bei den Azubis. Ein Punkt, den auch Christoph Westerkamp, Vorsitzender des Taff, ansprach: „Wir müssen schulische Defizite aufgreifen.“ Gemeint ist, dass bei der Ausbildung vieles im Sinne einer „Erziehung“ aufgefangen werden müsse. Dazu zählten grundlegenden Umgangsformen wie Bitte und Danke.

Gruppenfoto.
Netzwerke bilden: Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft besprechen den sich verschärfenden Fachkräftemangel im Landkreis. Mit dabei Landtagsabgeordneter Marcel Scharrelmannn (2.v.l.) und Bundestagsmitglied Axel Knoerig (r.). © Taff

Erster Kreisrat Wolfram van Lessen beklagte eine weitere Fehlentwicklung. Die Politik habe sich seit Anfang der 2000er-Jahre auf die falsche Spur setzen lassen. Damals habe die OSZE – Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – gemahnt, dass es „zu wenig Akademiker“ gegeben habe. Jahrzehntelang sei daraufhin dieser falschen Prämisse gefolgt worden, so von Lessing. Durch die Akademisierung fehlten den Jahrgängen zahlreiche Azubis und Handwerker. „Wenn man da nicht ansetzt, werden wir hier in zehn Jahren noch sitzen und über das Thema reden“, mahnte der Erste Kreisrat inständig. Ein Mittel könne sein, dass die Eltern weniger Einfluss bei der Schulwahl bekämen.

Trotz aller Qualifizierungen, Um- und Weiterbildungen: „Lösen werden wir das Problem niemals können, so viele Baby-Boomer gehen jetzt in Rente“, fasste der Leiter der Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Landkreis Diepholz, Constantin von Kuczkowski, zusammen. Er beschrieb den „Paradigmenwechsel“ so: Früher sei ein Bewerber zum Bewerbungsgespräch gegangen und habe gehofft, dass sich das Unternehmen bei ihm wieder meldet. Heute hofft das Unternehmen nach dem Bewerbungsgespräch, dass sich der Bewerber wieder meldet.

Zuwanderung ist Notwendigkeit

Ohne qualifizierte Zuwanderung werde es erst recht nicht gelingen, den demografischen Wandel aufzufangen. Programme für EU-Ausländer und Drittstaatler gebe es bereits. Die IHK unterstützt laut von Kuczkowski am Standort Bruchhausen-Vilsen mit einer Anpassungsqualifizierung. Über eine Beratung werden Aufbauschulungen anhand von ausländischen Abschlüsse erarbeitet, um eine – auch qualitativ – vollwertige Anerkennung eines deutschen Berufsabschlusses zu erwerben.

Wie schwierig das aber ist, davon berichtete Thomas Roess, Geschäftsführer von A. H. Maschinenfabrik in Twistringen. Die größten Probleme seien: die Sprache und, „dass die Qualifikation nicht so war, wie erwartet“. Aus Sicht seines kleinen mittelständischen Unternehmens wurde „viel Geld reingesteckt“, aber geblieben sei keiner.

Ein Gegenbeispiel nennt Sykes Bürgermeisterin Suse Laue. Mit zwei Erzieherinnen, die in Festanstellung seien, habe die Stadt sehr gute Erfahrungen gemacht.

Arbeitgeberservice

Info-Telefon der Agentur für Arbeit zur Gewinnung ausländischer Arbeitskräfte: 0800 / 4555550

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