Familie Hillmann will Umnutzung von Stall verhindern / Zehnfache Staubbelastung befürchtet / Kreis prüft Antrag

Ein Kampf gegen 25 000 Junghennen

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Antje Hillmann hat sich bisher auf ihrem Grundstück in Graue immer wohlgefühlt. Doch die geplante Umnutzung des Geflügelstalls ihres Nachbarn (im Hintergrund) bereitet ihr Sorgen. ·

Bruchhausen - Von Mareike Hahn. Antje Hillmann macht sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Familie. Das Asthma ihres Manns Jean Marc Hillmann-Delforge hat sich verstärkt, seit das Ehepaar in Graue lebt. Auch der älteste Sohn leidet nach Angaben seiner Mutter oft unter Atemproblemen. In einem Umkreis von zwei Kilometern stehen zehn Geflügelställe mit zusammen knapp 300.000 Tieren.

Einer davon soll umgenutzt werden und künftig 25.000 Junghennen beherbergen – nur 130 Meter vom Haus der Hillmanns entfernt. Damit könnte die Staubbelastung endgültig unerträglich werden, fürchtet die 45-Jährige. „Das Fass ist voll.“

Eigentümer Lutz Ruge will den seit 2013 leer stehenden Stall an der Straße Zum Herrenhassel, in dem ursprünglich 13.000 Masthähnchen lebten, an die Firma Geflügelzucht Horstmann aus Stolzenau verpachten. Im August reichte er einen Antrag auf Umnutzung der Anlage beim Landkreis ein. Seitdem kämpft Antje Hillmann gegen das Projekt, das die Lebensqualität ihrer Familie erheblich einschränken würde. Beim Einzug in ihr idyllisch gelegenes altes Bauernhaus vor zwölf Jahren hatten sich die Hillmanns noch damit getröstet, „dass Ruges Stall angeblich nur noch ein paar Jahre betrieben werden sollte“, sagt die 45-Jährige.

Doch jetzt könnte alles noch viel schlimmer kommen. Ein Sachverständiger für Immissionsschutz sagte Hillmann, dass sich „die Staubbelastung durch die Umnutzung verzehnfachen würde. 25.000 Junghennen verursachen so viel Staub wie 130.000 Masthähnchen.“ Auch die Gefahren durch multiresistente Keime, die unter anderem in der Tiermast vorkommen, bereiten der 45-Jährigen Kopfschmerzen. Der Staub kann die Keime nach Expertenmeinung in die Lungen von Mensch und Tier transportieren.

Nach Worten von Wilfried Durchholz, Vorsitzender einer Bürgerinitiative aus Normannshausen, die gegen Agrarfabriken kämpft, sind die Keime bis zu 1 000 Meter von Geflügelställen entfernt nachweisbar. Sie können unter anderem Wundinfektionen und Entzündungen der Atemwege hervorrufen und sind gegen viele Antibiotika resistent.

Ihre Bedenken hat Antje Hillmann seit dem vergangenen Herbst immer wieder beim Landkreis vorgebracht. „Ich habe viel Zeit und Geld – bestimmt 5000 Euro – investiert und anderthalb Ordner voller Material gesammelt, um den Kreis auf Unstimmigkeiten im Gutachten des Antragstellers hinzuweisen.“ So hätten einige Werte, etwa hinsichtlich der Geruchsemissionen, nicht gestimmt oder seien veraltet gewesen. Der Gutachter habe zudem die Daten der Wetterstation in Diepholz mit der Hauptwindrichtung Südwest verwendet. „Das ist falsch. In Graue weht der Wind von West oder sogar Nordwest. Wir liegen damit genau in Windrichtung des betroffenen Stalls“, sagt Antje Hillmann.

Stephan Maaß, Fachbereichsleiter Planen und Bauen beim Landkreis, räumt auf Nachfrage „Widersprüchlichkeiten“ ein. Derzeit prüfe ein Experte des Kreises Nienburg das Geruchsgutachten. „In ausgewählten Fällen, in denen Zweifel an der Richtigkeit des Gutachtens bestehen, oder bei schwierigen Fällen wird ein Gutachter aus Nienburg tätig.“ Die Stellungnahme des Fachmanns erwartet Maaß Anfang März.

Wenn sich die „Widersprüchlichkeiten“ bestätigen, müsse nachgebessert werden. Das Gutachten solle zeigen, dass keine emissionsrechtlichen Gründe der Umnutzung des Stalls entgegenstünden, sagt der Fachbereichsleiter: „Es kann mehrfach überarbeitet werden.“ Es gebe eine Vielzahl an „Stellschrauben, Annahmen und Recherchen“, die das Ergebnis beeinflussen könnten. Antje Hillmann formuliert es anders: „Man kann das Gutachten scheinbar so lange aufhübschen, bis es passt.“

Lutz Ruge war gestern Nachmittag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Maaß spricht mit Verweis auf die aktuelle Rechtslage von einem gewerblichen Vorhaben, das wegen der niedrigen Zahl der Junghennen privilegiert sei. „Ab 30.000 Junghennen wäre das anders, dann müsste die Gemeinde für die Umnutzung des Stalls den Bebauungsplan ändern.“

Im vorliegenden Fall hat die Gemeinde Asendorf aber kaum die Möglichkeit, die Planung zu verhindern. Bürgermeister Wolfgang Heere sagte während der Ratssitzung Ende Oktober: „Wir werden gefragt, ob die Erschließung gesichert ist, und das war‘s auch schon fast.“ Zunächst hatten die Kommunalpolitiker keine Bedenken geäußert, dann änderten sie ihre Meinung jedoch und teilten dem Kreis mit, dass die Erschließung im jetzigen Zustand der Straße nicht gewährleistet sei. In der heutigen Sitzung, die um 19 Uhr in der Gaststätte Steimke in Graue beginnt, befasst sich der Gemeinderat erneut mit dem Thema. Weil bei der geplanten Nutzung des Stalls nicht auszuschließen sei, dass sich der Straßenzustand unverhältnismäßig verschlechtere, solle sich der Eigentümer Ruge an den Unterhaltungsmaßnahmen zu 20 Prozent beteiligen, heißt es in der Beschlussvorlage, über die der Rat diskutieren wird. Doch selbst falls das Gremium die Erschließung nicht auf den Weg bringen sollte, hat der Landkreis das letzte Wort. „Wenn die Gemeinde ihr Einvernehmen nicht erteilt, müssen wir prüfen, ob wir uns über das Votum hinwegsetzen. Das ist das gesetzliche Prozedere“, erklärt Maaß.

Antje Hillmann rechnet indes nicht damit, dass die Asendorfer Politiker dem Stallbesitzer Lutz Ruge Steine in den Weg legen könnten – im Gegenteil: Einen ersten Schritt zur Verbesserung des Zustands der Fahrbahn hat die Gemeinde bereits im Mai vergangenen Jahres getan, als sie die Schwarzdecke des Herrenhassels erneuern ließ – allerdings nur von der Siedenburger Straße bis zur Einfahrt zu Lutz Ruges Stall. „Seit zehn Jahren haben wir darauf gewartet, dass die Straße ausgebessert wird“, sagt Antje Hillmann. „Nun war es plötzlich so weit. Es wurde aber nicht die ganze Straße erneuert. Als wir nach dem Grund fragten, hieß es, dass dafür kein Geld da sei.“

Sollte der Kreis die Umnutzung des Masthähnchenstalls zur Junghennenaufzucht-Anlage genehmigen, kann Familie Hillmann nach Angaben von Stephan Maaß einen Widerspruch einlegen, über den dann der Landkreis entscheidet. Der nächste Schritt wäre eine Klage vor dem Verwaltungsgericht. „Ich denke schon, dass wir notfalls vor Gericht gehen“, sagt Antje Hillmann. Erst mal wird sie aber heute den Gemeinderat besuchen – in der Hoffnung, endlich Gehör zu finden.

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