Junge Handwerker sammeln auf abenteuerlicher Reise wichtige Erfahrungen für das Leben/Mit dem Wanderbuch durch die Welt

Drei Rolandsbrüder mit dem Stenz auf der Walz

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Sammeln auf ihren Reisen eindrucksvolle Erfahrungen: (v.l.) Noah Hoffmann, Jascha Jens und Tillmann Quandell.

Syke - Von Ilse-Marie Voges. Man sieht sie gelegentlich auf den Straßen, die reisenden Bauhandwerker: die Männer in ihren schwarzen Anzügen, dazu das weiße Hemd und Hüte – Zylinder, Schlapphut oder Melone. Drei Wandergesellen waren dieser Tage im Landkreis Diepholz unterwegs auf ihrer Walz.

Sie gehören dem „Rolandschacht“ an, der 1891 in Nürnberg gegründet wurde. Die Idee war es seinerzeit, alle Bauberufe gemeinsam in einem Schacht zu bündeln, beispielsweise Zimmerer, Tischler, Holzbildhauer, Steinsetzer, Maurer, Stuckateure, Betonbauer und andere mehr. Der Rolandschacht ist einer von sieben Vereinigungen (Schächten) in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Dachverband verbindet alle miteinander. Die Namensgebung bezieht sich auf den Bremer Roland. Das Denkmal gilt als Symbol für Recht und Freiheit. Als Erkennungszeichen tragen die Rolandsbrüder die „blaue Ehrbarkeit“ (eine Art Schlips) als Sinnbild der Treue und Beständigkeit.

Tillmann Quandell (23) aus Freudenburg im Siegerland ist ebenso wie seine mitreisenden „Brüder“ Tischlergeselle. Seit zweieinhalb Jahren ist er weg von zu Hause. „Wenn wir auf Reise gehen, müssen wir drei Jahre am Stück unterwegs sein. Wir haben Ziele und kommen mit vielen Menschen in Kontakt“, sagt der sympathische Geselle. Kollege Jascha Jens (22) aus Heilbronn stimmt ihm zu und versteht die Wanderschaft auch als Bildungsreise. „Für Unterkunft und Reisen arbeiten wir unterwegs“, erklärt Jascha. Wie seine Kollegen arbeitet er nicht nur für Kost und Logis, er muss sich auch selbst versichern. In Asendorf hat Tillmann beispielsweise zwei Monate bei einem Unternehmen gearbeitet. Den Dritten und Jüngsten im Bunde, Noah Hoffmann (20), ebenfalls aus Heilbronn, haben Quandell und Jens unterwegs getroffen.

Vermissen die Wanderer etwas auf ihren Reisen? Ja, sie wären gern mal für sich allein. Die jungen Männer vermissen ihre Privatsphäre. Die drei Wandergesellen tragen alle einen goldenen Ring im linken Ohr. Er ist für sie so etwas wie ein Reiserücktritts-Ticket. „Sollte einem mal etwas passieren, ist der Ohrring ein Erkennungsdienst“, sagen sie.

Wenn die Tischlergesellen nicht möchten, dass andere ihr Gespräch verfolgen, sprechen sie in Rotwelsch, einer lebendigen Sprache, die von Wanderern in aller Herren Länder gesprochen wird. Das Riesen-Netzwerk der Rolandsbrüder hat Tillmann bereits bis nach Neuseeland geführt. Dort hat er in seinem Beruf gearbeitet und Erfahrungen gesammelt.

Alle drei Männer haben ihr Wanderbuch dabei. Darin sind viele Stempel von Arbeitgebern und deren gute Wünsche vermerkt. Der Stenz (Wanderstab) gehört auch zur festen Ausrüstung. Er liegt neben den Wanderern, wenn sie mal draußen schlafen müssen, weil es keine Unterkunft gibt.

Die Wanderstöcke sind wunderschön geschnitzte und gedrechselte Stücke aus Haselnuss- oder Buchenholz, selbst gesucht und kunstvoll gestaltet. Sie sind Hüter und ständige Begleiter der Männer, die sich im Mai in Bremen mit Kollegen aller Jahrgänge rund um den Roland treffen. Denn wer einmal der Bruderschaft angehört, bleibt ein Leben lang darin.

Nach einem Kaffee und der Plauderei machen sich die Drei auf den Weg. Sie haben ihren „Charlie“, den Charlottenburger Schlafsack, dabei. Das bunte bedruckte Tuch (80 mal 80 Zentimeter) ist ihr Bündel mit Wäsche zum Wechseln. Zum Abschied heißt es: „Rund ist die Welt – drum Brüder lasst uns reisen!“

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