30 Jahre Mauerfall – Teile auch im Landkreis Diepholz

Der Mauerkünstler: Kani Alavi im Interview

Kani Alavi

Kani Alavi ist ein deutsch-iranischer Künstler, der damals maßgeblich an der Entstehung der East Side Gallery in Berlin mitgewirkt hat. Heute sind die bunt bemalten Mauerstelen nicht nur im Herzen Berlins, sondern auch an drei Stellen im Landkreis Diepholz zu finden. Eine enge Freundschaft zum Bundespolitiker Walter Link brachte das erste Mauerteil von Berlin nach Wehrbleck.

Wie haben Sie damals den Mauerfall erlebt, wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

„Ich bin 1980 nach Berlin gekommen. Da war vor allem auch eine Mauer in den Köpfen der Menschen. Es gab viele, die andere Religionen und Menschen überhaupt nicht akzeptiert haben. Als ich dann einen Studienplatz bekommen habe, habe ich versucht direkt eine Wohnung an der Mauer zu bekommen. Ich habe schließlich am Checkpoint-Charly nur vier Meter von der Mauer entfernt gelebt. Das ist eine zentrale Nahtstelle zwischen Ost und West gewesen. Ich habe mich damals in meinem Atelier viel mit Kunst, Kameras und neuer Technik beschäftigt. Darüber hinaus bin ich immer wieder von West nach Ost gegangen. Am Checkpoint-Charly durften Ausländer problemlos passieren. Ich habe das dann ab und zu mal gemacht um Freunde, Ausstellungen oder Museen zu besuchen. So haben sich dort auch Kontakte entwickelt. 

Alle haben gerufen: Die ist weg!

Als ich dann am 9. November um 12 Uhr nachts durchs Radio erfahren habe, dass die Mauer gefallen ist, habe ich zuerst gedacht, das wäre ein Witz. Trotzdem bin ich ans Fenster gegangen, weil ich neugierig war. Da habe ich dann gehört, dass die Menschen tatsächlich alle gerufen haben: Die Mauer ist weg! Alle waren froh und innerhalb von einer Stunde kamen die Massen von Ost nach West. 

Ich habe dann in dieser Zeit damit angefangen, alles zu skizzieren und mit den Leuten zu sprechen. Die Euphorie war groß, aber trotzdem waren viele Menschen unsicher. Sie wussten nicht wohin und ob die Tore vielleicht in einer Stunde wieder zugemacht werden und sie nicht mehr zurückkehren können. Da gab es so viele Gefühle – Ängste, Verzweiflung. Einer kam rüber und wollte unbedingt seine Großeltern sehen, wusste aber nicht wo sie wohnen. Ein anderer wollte einfach nur mal in den Straßen herumgehen und dann wieder zurückkehren. Da waren so viele Gefühle und ich habe das alles dokumentiert. 

Skizzen auf der East Side Gallery

Zwei Monate später habe ich meine Skizzen auf die heutige East Side Gallery gebracht. Der Abend vom 9. auf den 10. November war für mich ein großer Abend voller Euphorie. Als neutraler Mensch und gerade als Künstler habe ich damals viel mitgekriegt. Das dauert sicher noch viele Jahre, bis ich meine ganzen Erinnerungen skizziert habe.“

Wie wichtig sind die Berliner Mauer oder Stücke davon als Teil der heutigen Erinnerungskultur?

„Sehr wichtig! Es gab damals eine Zeit, da waren sich die Politiker einig, dass sie die Mauer schnell abreißen müssen, damit keiner auf andere Gedanken kommt, die Russen sie vielleicht wieder zumachen. Sie wurde dann schnell entfernt, was ja auch gut ist. Aber wenn sie ein paar Teilstücke mehr zurückgelassen hätten, hätte man den nachfolgenden Generationen besser die damalige Realität vermitteln können. Jetzt müssen sie uns oft einfach glauben. Deswegen habe ich auch jahrelang für das Teilstück gekämpft, was wir bemalt haben. Durch die Malerei, die ja alles andere als grau ist, haben wir es geschafft, dieses 1,3 Kilometer lange Stück der Berliner Mauer zu retten. Das war sehr aufwendig, denn sie wollten all das abreißen, worunter die Menschen damals gelitten haben.

Als neutraler Mensch konnte ich die Sache aus einer anderen Perspektive sehen. Natürlich war ich berührt, aber gerade als Künstler konnte ich es von weiter weg betrachten. Da habe ich dann gesagt: Wir müssen diese Authentizität bewahren, zumindest ein kleines Stück davon. Sonst werden uns die kommenden Generationen niemals glauben, dass diese Mauer hier war. Es könnte doch gut sein, dass sich in 40 Jahren keiner mehr daran erinnert und die ältere Generation nicht mehr da ist. Wir müssen an die junge Generation denken und dafür sorgen, dass sie wissen, wie die Menschen hier damals gelitten haben. 

Eine Mauer ist „völliger Schwachsinn!“

Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich mich gefragt, ob die Menschen auf der anderen Seite auch deutsch können. Mir wurde gesagt: Natürlich können die deutsch! Ich habe gedacht: Warum das denn? Dazwischen ist doch eine Mauer? Ich konnte mir das alles gar nicht vorstellen, wie die Mauer die Kulturen hier damals getrennt hat. Das waren natürlich alles politische Ziele. Deswegen ist es so wichtig, dass man sich daran erinnert: Damit das später nicht wiederholt wird. 

Es kann doch sein, dass auch heute zwei verschiedene Kulturen nebeneinander entstehen und dann ein Bürgermeister sagt: Weil die sich nicht verstehen, müssen wir eine Mauer errichten. Das ist doch alles völliger Schwachsinn! Gegen so etwas müssen sich die neuen Generationen verteidigen. Sie müssen sagen: Nein, nie wieder eine Mauer auf diesem Boden. Das war damals mein Anliegen, als ich für die East Side Gallery gekämpft habe. Heute kommen die Menschenmassen, weil sie unbedingt die Original-Mauer sehen wollen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man diese Mauerstelen heute noch aufbewahrt und überall aufstellt: Damit die Menschen sehen, dass die Mauer nicht aus Pappe war, sondern dass Beton und Stahl die Menschen getrennt haben.“

Ist das Interesse an Kunstprojekten wie der East Side Gallery heute noch groß?

„Es gibt einen enormen Zulauf. Als ich an der East Side Gallery für eine Sanierungsmaßnahme 2,5 Millionen Euro beantragt habe, haben anfangs alle gelacht. Ich stand als Witzfigur in der Zeitung. Sie sagten: „In einen Schandfleck wie die Berliner Mauer will er 2,5 Millionen Euro an Steuergeldern investieren? Was soll das?“ Da habe ich gesagt: „Nein, hier wird nicht Geld in Nichts investiert.“ Man erweist damit den nachfolgenden Generationen einen großen Dienst. Heute kann man sehen, wie viele Menschen zur Mauer gehen. Ich diskutiere Sonntag mit mehreren Politikern bei einer Veranstaltung dort. Menschen aus aller Welt kommen nach Berlin und wollen die East Side Gallery sehen. Täglichen gehen dort rund 10.000 bis 20.000 Menschen vorbei und es werden immer mehr. Das ist irre! Kein Museum wird so stark besucht. 

„Das sind Punkte, die sind für die Menschen bewegend“

Vor allem die Bilder, diese friedliche Revolution, die damals von uns Künstlern aus aller Welt skizziert wurden, sind für die Menschen interessant. Wenn die Mauer grau wäre, würden all die Menschen nicht herkommen. Wir haben in den Bildern die Zeit vom Mauerfall bis zum September 1990 festgehalten, das sieht man auch genau auf den Bildern. Da ist zum Beispiel der Kuss zwischen Breschnew und Honecker. Das sind Punkte, die sind für die Menschen bewegend. Das war damals ein bedeutendes Ereignis in der Weltgeschichte.“

Interessieren sich die Menschen aus Ihrer Sicht auch für die Geschichte dahinter?

„Sie interessieren sich für die Bilder, aber auch oft darüber hinaus für die Geschichte. Deswegen kämpfe ich für ein Zentrum, in dem man noch viel mehr über die Geschichte der Mauer, die East Side Gallery und deren Künstler erfahren kann. Viele sprechen mich an und sagen, dass sie mehr über die Geschichte der East Side Gallery erfahren wollen. Die Bilder bringen die Menschen nach Berlin, damit sie hier die Geschichte erleben können. Aber in die Bernauer Straße, die eine sehr traurige Geschichte hat, gehen die Besucher zum Beispiel selten. Da müssen wir eine viel bessere Infrastruktur aufbauen, damit die Besucher und die jungen Leute mehr erfahren können. Das ist sehr wichtig für Berlin und für Deutschland.“

Inwiefern eignet sich die Kunst als Vermittler zwischen Gegenwart und Vergangenheit?

„In vielen Ländern hat Kunst da schon immer eine große Rolle gespielt. Bei Aufständen zum Beispiel haben Künstler oft einen riesigen Beitrag geleistet. Kurt Masur etwa hat mit seiner Musik einen Aufstand unterstützt. Da haben viele Musiker Konzerte organisiert und damit ein Regime gestürzt. Das gab es schon in vielen Ländern. Künstler sind oft vorausschauend, unabhängig und haben schon viele Geschichten erlebt. Sie beginnen oft ohne eine politische Einstellung eine Revolution zu organisieren. Oft geht das einher mit einer Verbesserung des friedlichen Zusammenlebens. In Deutschland gab es da auch viele Künstler. Udo Lindenberg zum Beispiel hat immer schon für Frieden und gegen Krieg auf dieser Welt gekämpft.“

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