Jäger der Sonnenfinsternis: Dietrich Ehmann sammelt Diamantringe am Himmel

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Fotografenglück: Für einen kurzen Augenblick reißt 1999 in der Normandie die Wolkendecke auf und gibt einen Blick auf den Lichtdiamant-Ring frei. Der zeigt sich nur für einen kurzen Moment, wenn der Mond die Sonne komplett verdeckt, aber einzelne Strahlen durch seine Gebirgstäler ihren Weg zur Erde finden.

Syke - Von Heinz-Jürgen Ziller. Er jagt funkelnde Koronas, „Diamantringe“ – nicht in verwunschenen Schatzkammern auf einsamen Pazifikinseln oder in gesunkenen Galeeren, sondern Momente des Glücks beim Blick zum Himmel, die ihm den Atem nehmen: wenn der Mond sich vor die feurige Sonne schiebt und nur noch einen Ring mit gleißendem Lichtdiamanten blitzen lässt. Dietrich Ehmann sammelt Sonnenfinsternisse wie andere Briefmarken.

Und er verbindet dies mit weiteren Leidenschaften, die er begeistert auslebt: reisen und fotografieren, aber nicht 08/15 und „von der Stange“. Der 56-jährige gelernte Chemielaborant aus Henstedt bei Syke unternimmt seit 40 Jahren Expeditionen in das Außergewöhnliche, fast immer mit Rucksack und Zelt, zu den entferntesten Winkeln der Erde, zu exotischen Völkern und Kulturen.

Gerade erst hat er – für sich und seine Frau Claudia ganz privat – ein 50-seitiges Fotobuch fertiggestellt, sozusagen ein „best of“ mit den Prachtstücken seiner Sammlung, sowohl geografisch wie astronomisch. Vor der Kulisse faszinierender Landschaften und Monumente präsentiert Ehmann seine himmlische Beute: die totale Sonnenfinsternis 1995 in Indien und drei Jahre später auf der Karibik-Insel Guadeloupe, 1999 in der Normandie und als Höhepunkt jene im Juni 2001 in Madagaskar. 2003 verdeckten dicke Wolken den „Ring of Fire“ in Schottland, aber 2005 brachte Ehmann Fotos der „Eclipse Anular de Sol“ aus Ibiza mit, und 2006 zeigte sich ihm in der Türkei ein dunkler Neumond mit einem atemberaubenden Strahlenschweif der verdeckten Sonne.

Bis auf den höchsten Gipfel der Kanaren-Insel La Palma sind Dietrich Ehmann und seine Frau Claudia Johannsen gestiegen für Fotos von einer Sonnenfinsternis.

Was treibt den gebürtigen Berliner immer wieder in die Ferne, in die irdische und in die galaktische Welt? „Es ist ungeheuer faszinierend. Man spürt die Himmelsmechanik am eigenen Leib und ist auf eine Weise ergriffen, die man sonst nicht erfährt“, gibt Ehmann nicht ohne Demut Inneneinsichten preis. Die Wurzeln dieser Leidenschaften führen direkt in seine Berliner Kinder- und Jugendzeit, als die Eltern, selbst begeisterte Fotografen, ihn behutsam auf die Pfade der Wissenschaften lotsten. Als er zehn war, erhielt er sein erstes Fernrohr. Dann schenkten ihm die Eltern verschiedene Experimentierkästen von Kosmos, darunter „Opticus“ und „Fotomann“. Mit 14 bastelte er sich aus dem Opticus-Kasten die erste Kamera, und von seinem Ausbildungs-Gehalt sparte sich der 18-Jährige eine Spiegelreflex-Kamera zusammen.

Mit 20 Jahren brach Dietrich Ehmann aus der Enge West-Berlins aus und reiste mit dem Zug und per Anhalter durch den Orient bis nach Afghanistan. Das Foto zeigt ihn in landestypische Kleidung gehüllt.

Doch was er durch Kamera und Fernrohr auf seiner kleinen eingezäunten Berliner Insel sah, reichte ihm bei weitem nicht. Er suchte die ganze Welt als Ziel seiner Entdeckungsreisen. Mit 20 brach er seinen Alltag auf und aus der Enge West-Berlins aus. Geprobt hatte er den „Aufstand“ zuvor mit Kurztrips und einem Interrail-Ticket für 200 Mark nach Jugoslawien, Marokko und Tunesien. Das erste große Abenteuer führte ihn über das türkische Istanbul in den Iran, von dort nach Afghanistan, weiter nach Pakistan und Kashmir bis nach Indien. In der Metropole am Bosporus hatte er sich für ein paar Mark einen Studentenausweis gekauft. Der erwies sich als echtes Sparschwein: Das Bahn-Ticket quer durch Vorderasien bis zum Khyber-Pass kostete ihn mal gerade 15 Mark. Und wenn die Schienen endeten, dann wurde der Daumen gehoben: „Überall waren die Menschen aufgeschlossen und sehr freundlich. Trampen war nie ein Problem, nie gefährlich“, erinnert sich der Weltenbummler. Negative Erfahrungen habe er nur einmal gemacht – „das war in Deutschland …“, ergänzt Ehmann.

Das alte Auslegerboot mit seinem zerfetzten Segel fotografierte Dietrich Ehmann bei einer Sonnenfinsternis-Reise nach Madagaskar.

Auf dieser ersten Asien-Reise lernte er alle jene Länder und Städte kennen, die heute immer wieder Schlagzeilen liefern – durch Krieg, Terror und Bombenattentate, durch Unterdrückung und Verarmung. Der 56-Jährige dagegen hat sie ganz anders in Erinnerung: „Iran war unter dem Schah-Regime durchaus fortschrittlich. Die Frauen trugen Miniröcke, kleideten sich, wie sie wollten. Von Kopftuch und Schleier wenig zu sehen. Peshawar und Rawalpindi in Pakistan waren friedliche Städte. Kabul und Masar-e Sharif in Afghanistan zwar mittelalterlich-archaisch. Aber überall fühlte ich mich sicher.“ Nirgendwo seien ihm Aggressivität oder auch nur Misstrauen begegnet, auch nicht in Kashmir, für Ehmann ein wunderschönes Hochtal – damals.

Afghanistan habe auf ihn wie ein uraltes, im Mittelalter stehen gebliebenes Paradies gewirkt. Dies schloss übrigens schon damals den Umgang mit Drogen ein. Bereits kurz hinter der Grenze wurden überall am Straßenrand oder in kleinen Läden zwei „Cola-Sorten“ verkauft – „eine Flasche für 50 Pfennige und eine für fünf Mark. Unter der Fünf-Mark-Flasche klebte ein Stück Haschisch“, sagt Ehmann und schmunzelt.

Impressionen von Dietrich Ehmanns Reisen

Dietrich Ehmann sammelt Diamantringe am Himmel

Nach seiner Rückkehr kehrte er Berlin den Rücken und siedelte sich in Norddeutschland an. Er strebte aufs Land, aber möglichst in der Nähe einer Großstadt. Henstedt bei Syke und Syke bei Bremen schienen da wie geschaffen. Arbeit fand er im Verlag der Kreiszeitung: Seit 1978 betreut Dietrich Ehmann die Fototechnik der Redaktion.

Bei einer totalen Sonnenfinsternis lässt sich die Korona der Sonne beobachten, die sonst vom hellen Licht überstrahlt wird. Je nach Sonnenaktivität fällt die Korona sehr unterschiedlich aus. Im Minimum (1995 und 2006) zeigt sie sich mit den typischen Strukturen in der Äquatorebene, im Maximum (2001) ist die ganze Sonnenscheibe mit einem Strahlenkranz umgeben.

In seiner Freizeit plant er akribisch seine Expeditionen und dokumentiert auch von seiner Henstedter Basis aus mit Kameras und Spezialobjektiven das Geschehen am Himmel. Er gilt in Fachkreisen als hochprofessioneller Astro-Fotograf, dessen Arbeiten auch das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg gerne zur wissenschaftlichen Auswertung heranzieht. Beim Blick zurück – was bedeuten ihm die Reisen, die Erlebnisse, die Fotoalben und Dia-Sammlungen? „Ich habe ungemein viel gelernt, Gesellschaften und Kulturen vorgefunden, die Hervorragendes geleistet und hervorgebracht haben. Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen, vor allem vor jenen, die materiell nur einen Bruchteil von dem haben, was wir uns leisten können“, fasst Ehmann den ganz persönlichen „Ertrag“ zusammen. Bleiben da noch Träume, die er leben möchte? „Ja, sicher! Gern würde ich noch Indonesien und Kambodscha bereisen, den Mekong hinauffahren“, zögert er keine Sekunde mit der Antwort. Eine Traumreise hat der Sammler und Jäger zusammen mit seiner Frau Claudia schon fest gebucht: im Juni 2010 rund um die Welt. Auf dem Weg von London über Hongkong, Auckland (Neuseeland), Tahiti und Los Angeles zurück nach Deutschland will er seiner himmlischen Finsternis-Kollektion ein weiteres Prachtstück hinzufügen: bei einem Abstecher auf die Osterinseln. Denn nur dort (und auf der kleinen Südsee-Insel Mangaia) können die Sternengucker das astronomische Highlight des Jahres erleben, eine totale Sonnenfinsternis, die den Himmel am helllichten Tag mit einem funkelnden Diamantring schmücken wird.

Finsternisse:

Bei einer Sonnenfinsternis stehen Sonne, Mond und Erde in einer Linie, so dass der Mondschatten die Erdoberfläche verdunkelt. Man unterscheidet zwischen drei zentralen Arten:

Bei einer totalen Sonnenfinsternis ist der scheinbare Durchmesser des Mondes größer als der der Sonne. In diesem Fall lässt sich ihre Korona gut beobachten.

Bei einer ringförmigen Finsternis verdeckt der Mond die Sonne nicht komplett, sie strahlt hinter ihm hervor.

Eine hybride Sonnenfinsternis ist eine Mischung aus einer totalen und einer ringförmigen. Die totale dauert dabei nur wenige Sekunden.

Durchschnittlich kommt es auf der Erde zu 238 Sonnenfinsternissen in einem Jahrhundert. In Deutschland wird die nächste erst am 3. September 2081 zu beobachten sein. Es ist eine totale, deren Kernschatten allerdings nur Süddeutschland streift.

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