„Vom Zustand derBiogasanlagen erschrocken“

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Kreiszeitung Syke

Syke (kra). Es ist eine der größten Insolvenzen in der boomenden Biogas-Branche. 33 Anlage sind betroffen, gut die Hälfte davon stehen im nördlichen Landkreis Diepholz und den umliegenden Regionen, kaum eine Stadt oder Gemeinde, deren Landwirtschaft ungeschoren davonkam.

Doch jetzt konkretisiert sich eine Lösung. Vier Wochen nach dem Verkauf der ersten neun Anlagen (der Sonntags-Tipp berichtete) meldet Insolvenzverwalter Dr. Christoph Morgen (Münster) Vollzug auch für den Löwenanteil, für das Paket mit den restlichen 24 Biogasanlagen. „Die zwei Dutzend Aggregate sind an dasselbe Unternehmen aus der Biogas-Branche veräußert worden, das schon die ersten neun übernommen hat.“ Gleichzeitig wurde vor dem Amtsgericht Münster das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet, so dass die Kaufverträge abgewickelt werden können. Eine Reihe von Fragen bleibt dennoch offen.

Übernommen wurden die Anlagen von der Archea Biogas in Hessisch-Oldendorf. Das Unternehmen mit Zweigniederlassungen in Brasilien und Kroatien und einem Hauptsitz in Amsterdam renommiert damit, weltweit als erste Adresse für Biogasanlagen aller Leistungsklassen etabliert zu sein. Gleichzeitig ist Vorstandschef Oliver Nacke gerade in Bezug auf die 33 Biogasanlagen, die er jetzt erworben hat, kein Unbekannter. Die Archea hatte diese Anlagen seinerzeit konzipiert, in den ersten Betriebsmonaten hatte das Unternehmen auch die Wartung übernommen. Seinerzeit waren der Bau der Aggregate von einer Frankfurter Fondsgesellschaft in Auftrag gegeben worden, sie taufte ihre Finanzprodukte schnörkellos auf die Namen „BiGa III“ und „BiGa IV“.

Der Glanz von einst ist längst passé. Archea-Vertreter haben sich inzwischen ein Bild vom technischen Zustand der überwiegend stillgelegten Anlagen gemacht. Ihre Bilanz fiel ernüchternd aus. „Wir sind erschrocken, in welchem Zustand die Fondsgesellschaft die Anlagen hinterlassen hat,“ sagt Nacke. Das Handtuch wolle er allerdings nicht werfen. „Wir werden alles mögliche daran setzen, dass die Anlagen zeitnah wieder betriebsbereit sind.“ Vor allem in den Monaten vor der Insolvenz hatten eine Reihe bereits stillgelegter Anlagen als Ersatzteillager herhalten müssen.

Über den Kaufpreis haben Insolvenzverwalter und Käufer stillschweigen vereinbart. Insider schätzen das Investitionsvolumen Nackes auf rund 8 bis 9 Millionen Euro. Gutachter hatten zuvor den Verkehrswert der Anlagen auf 17 bis 18 Millionen Euro taxiert. Schnell zeichnete sich jedoch ab, dass diese Summe nicht ansatzweise realisiert werden würde. Hintergrund: Der Betrieb der Anlagen ist mit Risiken behaftet, unter anderem, weil sie auf fremden Grund und Boden stehen, meist auf Äckern oder Weiden der Landwirte. Der Bau der Anlagen hatte vor fünf bis sechs Jahren noch insgesamt deutlich mehr als 30 Millionen Euro verschlungen.

Über die Fortführung der Anlagen führt die Archea gegenwärtig Gespräche mit den Landwirten. Zwar stehen unterschiedliche Betriebsmodelle zur Disposition, doch angestrebt werde ein Modell, in dem Archea und Landwirte hälftig beteiligt sind. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Archea-Anlagen nach einer umfangreichen Instandsetzung gemeinsam mit den Landwirten als gleichberechtigte Partner betrieben werden können,“ sagt Oliver Nacke. Auch Insolvenzverwalter Dr. Morgen strahlt Optimismus aus. „Im Vorwege haben wir den Kontakt zu einer Reihe von Landwirten gesucht und sind auf offene Ohren gestoßen. Sonst hätten wir die Anlagen nicht anbieten können.“ Einige Landwirte wären nach Informationen des Sonntags-Tipp tatsächlich für den Neustart gerüstet. „Ich habe noch Substrat liegen – in der Hoffnung, dass bald geordnet durchgestartet werden kann,“ sagt beispielsweise der Klosterseelter Jürgen Niermann.

Andere sind da wesentlich pessimistischer. „Wir haben im Vorwege sämtliche Anlagen mit Ausnahme derer in Rheinland-Pfalz in Augenschein genommen und haben mit den Landwirten gesprochen,“ sagt Diplom-Ingenieur Johannes Eilers aus Sögel im Emsland. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung von Blockheizkraftwerken, den strom- und wärmeerzeugenden Herzstücken der Biogasanlagen, und gehört einer Bietergemeinschaft an, die sich ebenfalls um die 33 Anlagen bemüht hatte. Eilers' Erkenntnisse: „Bei einigen Anlagen fehlen wichtige Komponenten, die Fondsgesellschaft hat beim Umgang mit den Landwirten viel Porzellan zerschlagen, nur wenige signalisierten deshalb Bereitschaft, sich tatsächlich auf eine Zusammenarbeit mit einem Generalunternehmen einzulassen.“ Ergebnis jedenfalls: Man habe sich zum Schluss stillschweigend aus dem Bieterverfahren verabschiedet.

Gut möglich allerdings auch, dass nun angesichts klarerer Verhältnisse doch ein Großteil der Landwirte einwilligt. „Die Biogasanlage auf meinem Grund und Boden weiter verrotten zu lassen, bringt mir auch nichts,“ sagt einer der Landwirte. Immerhin hat das Archea-Konzept eine wichtige Klippe schon übersprungen. Die Gläubiger-Banken akzeptierten den Kaufpreis, wie Dr. Morgen bestätigt. Die seinerzeitigen Anteilseigner an den Fonds indes schauen in die Röhre. Dr. Morgen: „Da bleibt's beim Totalverlust.“

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