Archäologen entdecken bei Grabungen in Bassum acht mittelalterliche Häuser

Gerbere – Verschollenes Dorf kommt ans Tageslicht

Rekonstruktion eines typischen Langhauses, wie es einst in Gerbere, einem kleinen Ort bei Bassum, gestanden haben muss.

Bassum - Von Anke Seidel1401 zu Bassum: Die Äbtissin des Stifts und der Graf von Hoya beschließen einen Landhandel. Das Damenkloster erhält vom Grafen den Grund und Boden, auf dem der Ort Nienhaus entsteht. Dafür bekommt der Graf das „wüst gefallene“, sprich längst verlassene Dorf Gerbere. Dann gerät es in Vergessenheit – bis fast 600 Jahre später die Überreste seiner frühmittelalterlichen Häuser wieder ans Tageslicht kommen.

Die exakten Standorte von sechs Lang- und zwei Grubenhäusern sowie mehrerer Nebengebäude entdeckten die Archäologen während des Baus der NEL (Niedersächsische Erdgasleitung) vor wenigen Wochen in Bassum. Verfärbungen im Boden zwischen dem Bassumer Ortsteil Helldiek und dem Sprecken zeigen, wo die auf Pfählen gebauten Häuser einst standen und Menschen mit ihrem Vieh Schutz boten. Und sie verraten, wo einst zwei Grubenhäuser in den Boden eingelassen waren. „Wie ein begehbarer Kühlschrank wurden sie genutzt“, berichtete gestern Frank Wedekind (Grabungsfirma Streichardt & Wedekind) als Ausgrabungsleiter vor Ort. Ein Team von sieben engagierten Mitarbeitern sichert die Funde, die Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf als außergewöhnlich gut erhalten bezeichnet. Die Scherben so genannter Kümpfe und Kugeltöpfe, in denen die Menschen einst in heißer Asche ihr Essen erhitzten, stammen nach Analyse der Archäologen bereits aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert – und damit aus dem Frühmittelalter, das von den Merowingern und Karolingern, dem Untergang des römischen Reiches und der Völkerwanderung geprägt war. Nach den Funden zu urteilen bestand Gerbere bereits seit 400 Jahren, als sein Name das erste Mal in den Schriften auftauchte.

Schon mehrmals bekam das Team an der Grabungsstätte Besuch von Friedhelm Wessels. Der passionierte Heimatforscher aus Groß Ringmar ist sicher, dass es sich bei den Überresten des Dorfes um das Jahrhunderte lang verschollene Gerbere oder Ger(t)bere handelt. 1213 (sieben Jahre vor der Kaiserkrönung Friedrichs II. in Rom) war Gerbere erstmals schriftlich erwähnt worden. 1401, in der Blütezeit der Hansestädte und dem Jahr des Landhandels zwischen Graf und Äbtissin, ist Gerbere längst wüst gefallen: Die auf Pfosten erbauten Langhäuser mit einer Breite von bis zu 22,5 Metern und einer Länge von 7,5 Metern sind verlassen. In den kühlen, in den Boden eingelassenen Grubenhäusern (3,50 mal drei Meter groß) arbeiten keine Handwerker und lagern keine Lebensmittel mehr. 1426, dem Baubeginn der Bassumer Freudenburg, erwähnen Chronisten das Dorf letztmalig.

Unter sengender Sonne legt das Grabungsteam zurzeit frei, was von Gerbere übrig geblieben ist: Verfärbungen im Boden und Scherben. In Bild und Schrift dokumentieren die Wissenschaftler ihre Funde, setzen das Puzzle einer versunkenen Lebenswelt zusammen. „Wir dokumentieren jeden Schritt, den wir machen“, so Frank Wedekind. Bis zum Ende der Woche, so schätzt Bezirksarchäologe Friedrich Wilhelm Wulf, hat das Team alle Funde gesichert und alle Hausstandplätze lokalisiert. Dann kann die Grabungsstätte für den Bau der NEL frei gegeben werden. Was die Fachleute gefunden haben, wollen sie auch interessierten Bürgern präsentieren. Der wissenschaftliche Koordinator Bernd Rasink kündigt für Ende 2012 eine Ausstellung an. Zunächst müssten die Funde wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Das Archäologie-Projekt finanzieren die Investoren der NEL, in diesem Fall die Wingas.

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