Diskussion über Rolle der NS-Justiz im Nachkriegsdeutschland fiel Zeitmangel zum Opfer

Fritz Bauer: Nazi-Jäger

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Fritz Bauer

Syke - Von Tobias Kortas. „Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ – Fritz Bauer war sich in Bezug auf den  Nationalsozialismus sicher. Der Generalstaatsanwalt arbeitete die Gräueltaten des Holocaust auf und initiierte unter anderem die Auschwitz-Prozesse in den 60er und 70er Jahren, wodurch er sich viele Feinde machte. Sein Tod ist bis heute ungeklärt.

Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags hatte der „Arbeitskreis 9. November“ ins Hansa Kino in Syke eingeladen und den Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ von Ilona Ziok gezeigt.

Bauer, jüngster Amtsrichter der Weimarer Republik, musste 1936 als Sohn jüdischer Eltern selbst vor dem  NS-Regime fliehen: Zunächst nach  Dänemark, und 1943 weiter nach Schweden. 1949 kehrte er ins Nachkriegsdeutschland zurück, wurde Gerichtsdirektor in Braunschweig und später Generalstaatsanwalt.

Er betrieb einen immensen Aufwand, um Täter und Mitläufer des Holocaust vor Gericht zu stellen. Als ehemaliger Flüchtling war er einer der wenigen Juristen in Deutschland, die nicht unter der Nazi-Diktatur gearbeitet hatten.  Vielen seiner Berufskollegen galt er deshalb als Nest beschmutzer. „Verlasse ich mein Büro, betrete ich feindliches Ausland“, sagte er 1960.

Selbst Politiker trauten sich nicht an das Thema  heran. „Für eine Auseinandersetzung des deutschen Volkes mit dem NS-Regime ist noch zu wenig Zeit vergangen“, hörte Bauer 1962 von Helmut Kohl – dem späteren Bundeskanzler.

Doch genau diese komplette Aufarbeitung des Holocaust wollte Bauer. Und er wollte die Täter nicht nur verurteilen, sondern dass sie Reue zeigten.

Viele leugneten ihre persönliche Verantwortlichkeit und beriefen sich auf den Befehlsnotstand. Bis hin zu Adolf Eichmann, einem der Hauptorganisatoren des Holocaust. Den entscheidenden Tipp zu seiner Ergreifung in  Argentinien erhielt der israelische Geheimdienst Mossad von Fritz Bauer. „Der Massenmord ist die Schuld der Führer. Meine Schuld ist der Gehorsam“, sagte Eichmann in seinem Prozess in Jerusalem aus.

Fritz Bauers Verdienste um die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen sind enorm. Er war es, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1959 durch einen Antrag beim Bundesgerichtshof in Gang brachte. Zuvor wurde Auschwitz in der jungen Bundesrepublik nicht behandelt, lag es doch außerhalb der Grenzen.

Am 1. Juli 1968 wurde Bauer tot in seiner Badewanne aufgefunden. Einige glaubten an den Freitod des Staatsanwalts, andere waren von einer Ermordung Bauers überzeugt. Die Obduktion ergab als Todesursache Herzversagen bei schwerer akuter Bronchitis sowie Einnahme eines Schlafmittels.

Die im Anschluss an den Film geplante Diskussion mit Sina Sanderbrand (Staatsanwältin aus Verden) und Christoph Kellermann, (Richter im Syker Amtsgericht) musste früh abgebrochen werden: Der Kinosaal stand nur bis 17 Uhr zur Verfügung. In der verbleibenden Zeit wurde vor allem die mangelnde Aufklärung der Verbrechen und Bestrafung der Holocaust-Beteiligten thematisiert.

„Man muss die Umstände der damaligen Zeit bedenken. Nach dem Krieg herrschte ein verknappter Wissensstand über den Holocaust. Außerdem waren sehr viele Ex-Nazis in vorderen Ständen“, erklärte  Kellermann.

Hätte man in den Gerichten nicht auf diese Leute verzichten können? – „Die Möglichkeit bestand. Die Alternative wäre eine Militärgerichtsbarkeit der Besatzer gewesen“, meint Kellermann. Man müsse sich jedoch die Frage stellen, wie erstrebenswert ein solcher Zustand gewesen wäre.

Und hätte man die Nazi-Vergangenheit umfassender aufarbeiten können? „Man hat ja bei den Nürnberger Prozessen gesehen, dass es klappen kann. Möglichkeiten gibt es immer, man muss nur wollen“, denkt Christoph Kellermann.

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